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Jeanne Moreau : Nein, ich bereue nichts

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Sie verkörpert das europäische Kino in seiner ganzen Strahlkraft. In François Ozons neuem Film spielt sie eine Großmutter. Jeanne Moreau über ihre neue Rolle, über starke Frauen, große Lieben und ihre erste Mayonnaise.

          Als sie die Hotelhalle betritt, schauen alle hin. Sie ist klein, so wie alle Stars kleiner sind, als man denkt. Es sind die Gesten, die Haltung des Kopfes, der Blick, es ist dieser unverwechselbar geschwungene Mund. Da steht es vor einem, keine ein Meter sechzig groß, das europäische Kino, wie es einmal war, in seiner ganzen Strahlkraft. 78 Jahre ist die Schauspielerin Jeanne Moreau heute alt. Und im wahren Leben führt sie auch Regie. Nach dem Interview, beim gemeinsamen Mittagessen, wird sie sagen, was man bestellen soll, mit ihrer tiefen, rauchigen Stimme wird sie es sagen und auch nachfragen, ob man auch wirklich die empfohlene Pasta bestellt habe und keine andere. Natürlich hat man, was denn sonst? Sie ist entschieden, ein bißchen streng, gar nicht divenhaft, und sie bedient ihr Mobiltelefon mit der Geschicklichkeit eines Teenagers.

          In François Ozons neuem Film „Die Zeit, die bleibt“ spielt sie eine Großmutter. Es ist ein kurzer Film über das Sterben. Ein junger Fotograf (Melvil Poupaud) erfährt, daß er nur noch drei Monate zu leben hat. Er sucht seinen Frieden mit der Welt, mit seiner Familie, seinem Freund, seiner Kindheit. Und das Großartige daran ist: Je näher der Tod rückt, desto klarer und gelassener wird sein zuvor zorniger Blick auf die Welt, bis er sich an einem Strand einfach hinlegt und einschläft. Jeanne Moreaus Rolle ist nur sehr klein, aber es kommt einem so vor, als habe die Vitalität, die sie ausstrahlt, während sie vor einem sitzt und ißt und redet und raucht, sich auf den gesamten Film übertragen. Und wenn man ihr dann sagt, daß ihr Lächeln einen noch immer an „Jules und Jim“ erinnere, faßt sie einen am Handgelenk und sagt: „Mein Lieber, ich habe Sie jetzt nicht verstanden.“

          Vor genau 35 Jahren haben Sie zusammen mit mehr als dreihundert anderen Frauen ein Manifest gegen die französischen Abtreibungsgesetze unterzeichnet ...

          ... das „Manifeste des salopes“ meinen Sie, das Manifest der Schlampen. Jetzt haben sich einige der Unterzeichnerinnen gegen den Ausdruck „Schlampen“ gewehrt. Der stört mich überhaupt nicht. Aber ich bin auch keine Feministin. Ich lebe auf meine Weise, ich bin unabhängig, aber nicht frei. Freiheit ist nur ein Wort, niemand ist frei. Wir sind alle Staatsbürger, es gibt Gesetze. Und wir gehorchen unserem eigenen Gesetz. Die damaligen Abtreibungsgesetze waren ein Skandal. Viele Frauen starben an den Folgen illegaler Eingriffe. Ich hätte selbst zum Opfer werden können, ich hatte zwei Abtreibungen hinter mir. Es war ein unmöglicher Zustand. In dieser Hinsicht hat sich einiges gebessert.

          Im neuen Film von François Ozon

          Die Situation der Frauen hat sich insgesamt deutlich verbessert, finden Sie nicht?

          Natürlich, das kommt durch den Feminismus. Die Frauen haben dadurch einiges gewonnen, aber auch manches verloren. Sie nehmen am politischen Leben teil, sie gehen auf die Straße. Sie werden jetzt von einer Frau regiert in Deutschland, wir haben Ségolène Royal, und daran hätten wir vor 35 Jahren nicht mal im Traum gedacht. Und es gibt immer noch Frauen, die sich beschweren, daß man ihnen nicht die Tür aufhält, und Männer sagen, ihre Männlichkeit sei bedroht. Was soll ich dazu sagen?

          Sie waren in Ihren Rollen in den fünfziger und sechziger Jahren eine gefährliche Frau, ihre Charaktere bedrohten durch ihre Unabhängigkeit die bürgerliche Ehe und Familie.

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