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Godards „Bildbuch“ im Kino : Im wirren Wind der Reisen

Eine Szene aus Jean-Luc Godards Montagefilm „Bildbuch“ Bild: © Casa Azul Films

Zurückblättern geht hier nicht: In „Bildbuch“, dem neuen Film des 88 Jahre alten Nouvelle-Vague-Gründers Jean-Luc Godard, kann man sich nur vom Assoziationsstrudel mitreißen lassen.

          Am Ende von Agnès Vardas Film „Augenblicke: Gesichter einer Reise“ macht die alte Dame, die jetzt im Alter von neunzig Jahren gestorben ist, sich zusammen mit dem Streetart-Künstler JR auf, um Jean-Luc Godard zu besuchen. Vorher haben sie im Louvre mit einem Rollstuhl die berühmte Szene aus Godards „Außenseiterbande“ von 1964 nachgestellt, in der in Rekordzeit durchs Museum gerannt wird.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Man hat auch Auszüge aus Vardas kurzem Film „Les Fiancés du Pont Macdonald“ aus dem Jahr 1961 gesehen, mit Godard und dessen damaliger Frau Anna Karina. Als sie dann schließlich vor Godards Haus am Genfer See stehen, macht er nicht auf, obwohl sie ihren Besuch angekündigt hatten. Agnès Varda kämpft sichtlich mit ihrer Enttäuschung.

          Ein wenig geht es einem auch so, wenn man die Filme ansieht, die Jean-Luc Godard in den letzten Jahren gemacht hat. Man kennt sein Werk schon lange, wenn man etwas älter ist, erinnert sich bei jedem Besuch auch an vieles, woran er sich vermutlich gar nicht mehr erinnern möchte, an Phasen, die er rigoros hinter sich gelassen hat, wozu nicht nur die klassische Nouvelle Vague und das rabiat revolutionäre Kino der Sechziger gehören.

          Das Verschwinden der Story

          Da war das Gefühl, er interessiere sich noch für Schauspieler und für seine Zuschauer in Filmen wie „Nouvelle Vague“ (1990) oder „Deutschland Neu(n) Null (Allemagne 90 neuf zéro)“ (1991). Man schaute fasziniert der Erosion des Erzählerischen zu, dem allmählichen Verschwinden der Story in der oft verschlungenen und verrätselten Logik der Montage.

          Man tritt Godard auch jetzt, wenn „Bildbuch“ („Le livre d’image“) ins Kino kommt, noch immer mit Neugier, Vorfreude und der Gewissheit entgegen, dass beim Treffen zwischen Kritiker und Film auch vieles schiefgehen kann, ohne dass sich dafür ein Schuldiger benennen ließe. Und man muss einräumen, dass Godard, der im vergangenen Dezember 88 Jahre alt geworden ist, auch nicht mehr so viel Besuch bekommt im Kino.

          In seinen Arbeiten, was in aller Unschärfe ein besserer Begriff ist, als wenn man einfach weiter „Filme“ sagte oder von Essay- oder Experimentalfilmen spräche, in seinen Montagen bewegter Bilder treten zwar auch noch vereinzelt Schauspieler auf, aber in „Adieu au langage“ (2014) zum Beispiel ist der Kinematograph vor allem eine Maschine, die in Bildern spricht.

          Godard im Mai 2018 bei der Pressekonferenz von Cannes, der er sich über Smartphoneapp aus Genf zuschaltete.

          Gerne wird bei Godard auch der aus der bildenden Kunst geborgte Begriff der Installation verwendet, um zu benennen, was er da treibt, es wird vom Rätsel, vom Puzzle gesprochen, das nie auch nur halbwegs fertig ist, wenn das Licht wieder angeht. Aber Godard wäre ja nicht immer wieder vom Film ausgegangen, wenn sein Denken in Bildern nicht wesentlich etwas mit dem Kino zu tun gehabt hätte.

          Denken in Bildern

          Das Neue an „Bildbuch“, die Zäsur, ist nun, dass die Arbeit, obwohl sie meist ganz normal in Kinos vorgeführt wird, laut Godards Gebrauchsanweisung lieber in kleinen Räumen auf einem Bildschirm gezeigt werden sollte, mit Lautsprechern in einem gewissen Abstand, als in Kinosälen. Die erste Aufführung nach der Premiere im Wettbewerb von Cannes fand daher im November 2018 auch im Théâtre Vidy-Lausanne statt.

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