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Japanisches Kino : Wie das Alte in das Neue hineinragt

  • -Aktualisiert am

Allerschönstes Bilderbuchjapan: „Kirschblüten und Rote Bohnen“ von Naomi Kawase. Bild: Neue Visionen Filmverleih

Von den Rändern her denken - Begegnungen mit Naomi Kawase und Hirokazu Koreeda, zwei zentralen Figuren des japanischen Kinos

          5 Min.

          Japan ist eines der Länder, in denen es mit dem Kochen oder der Zubereitung von Speisen eine besondere Bewandtnis hat. Sushi-Meister sind fast so etwas wie Ritualkünstler, und auch bei einer roten Bohnenpaste, wie sie für Pfannkuchen verwendet wird, kommt man rasch zu spirituellen Aspekten. Jedenfalls könnte man nach Naomi Kawases Film „An“ den Eindruck bekommen, den der deutsche Verleihtitel mit einem der bedeutendsten nationalen Motive in Verbindung bringt: „Kirschblüten und rote Bohnen“.

          Das steht vollkommen im Einklang mit der Erzählung von einem Einzelgänger in mittleren Jahren, der an einem Imbiss für Schulmädchen und andere Passanten diese süßen Scheibchen macht, die man Dorayaki nennt. Eines Tages taucht eine alte Frau auf, die sich als Aushilfe anbietet. Es stellt sich heraus, dass sie eine einmalige Bohnenpaste macht. Sie hat aber auch einen Makel: Sie leidet unter der Hansen-Krankheit, lange volkstümlich als Lepra bezeichnet.

          Zeigt das andere, ruhige, authentische Japan: Regisseurin Naomi Kawase.

          Drei Generationen kommen in „An“ zusammen. Und zwei Pole japanischer Kultur: gedankenloser Konformismus und noble Einsamkeit. Der schweigsame Dorayaki-Meister Sentaro zieht die Außenseiter an. Solche Figuren in den Mittelpunkt zu stellen, das ist ihre „Mission“. So bezeichnet Naomi Kawase das in einem Gespräch, das am Rande des Toronto International Filmfestival möglich wurde.

          Popkultur hat viel mit Tokio zu tun

          Eine Taxifahrt über den Don Valley Parkway zum Japanischen Kulturinstitut, das inmitten der typischen Mall-&-Highway-Vorstädte liegt, sich davon aber markant unterscheidet. Selbst an einem so geschäftsmäßigen, diplomatischen Ort suggeriert Japan vor allem eines: Distinktion. Naomi Kawase ist dann aber, entgegen dem Ruf, der ihr gelegentlich vorauseilt, ganz entspannt. Und sie hat auch jemanden mitgebracht: Kirin Kiki, die Hauptdarstellerin, eine hinreißende Dame, die begeistert erklärt, dass die interessant aussehende Krawatte, die sie trägt, von einem beliebten japanischen Rugby-Team stamme und dass sie sie auf einem Flohmarkt gefunden habe. Sie gefiel ihr einfach, mit Rugby hat sie nichts am Hut.

          „Die alte japanische Kultur als Erbschaft anzunehmen und weiterzugeben, das ist meine Mission“, sagt Naomi Kawase. Die Frage galt den zwei Facetten, die von Japan global sichtbar sind: eine häufig überbordende, grelle Popkultur, dagegen der subtile Rhythmus von Kawases Arbeiten. „Das hat viel mit Tokio zu tun. Japan ist außerhalb der Hauptstadt ganz anders. Ich lebe in Nara, der ältesten Stadt des Landes. Dort gibt es viele Altertümer, viele heilige Orte. Dort herrscht ein anderer Geist.“

          Wer gute Bohnenpaste zubereiten will, muss um zwei Uhr aufstehen. Auch als Schauspieler – sonst glaubt man ihm nicht.

          Kawases Filme kommen bei einem internationalen Publikum häufig so gut an, weil sie Authentizität suggerieren. Eine Anmutung, die auf sorgfältiger Arbeit beruht: „Die Zubereitung der Bohnenpaste musste von den Schauspielern tatsächlich gelernt werden, das heißt dann auch, nachts um zwei Uhr aufzustehen und die Geduld aufzubringen, die erforderlich ist. Nur dann glaubt man ihnen diesen Ausdruck des Erstaunens, wenn sie sie zum ersten Mal probieren.“

          Kirin-san und die Kunst des Älterwerdens

          Gibt es dazu noch ein spezielles Geheimnis, das Kirin Kiki hat, die Darstellerin der Tokue? „Sie macht einfach immer mehr, als das Drehbuch verlangt. Sie ist spontan, das erwarte ich von meinen Darstellern.“ Kirin-san, wie die Dolmetscherin sie immer nennt, sitzt daneben und gibt eine andere Erklärung für ihr Charisma: „In Japan wollen die Schauspieler nicht älter werden. Ich aber wehre mich nicht dagegen. Deswegen bekomme ich immer noch so viele Rollen.“

          „Unsere kleine Schwester“ heißt Hirokazu Koreedas neuer Kinofilm – eine beiläufig erzählte Familiengeschichte.

          Kirin Kiki ist in Japan vor allem aus Fernsehrollen bekannt, sie kannte aber noch das klassische Studiosystem, in dem Meister wie Yasujiro Ozu oder Kurosawa gearbeitet haben. Der Vergleich mit Ozu verfolgt Naomi Kawase ein bisschen, dabei kommt sie aus einem ganz anderen Zusammenhang. „Ich habe mit persönlichen, autobiographischen Filmen begonnen, der Akt des Aufzeichnens war für mich entscheidend, und das war auch meine Lehre.“

          Es gibt einen Zeitgenossen, mit dem sie häufig verglichen wird: Hirokazu Koreeda, der japanisches Kino in seinen Traditionen geradezu zu studieren scheint. „Darin würde ich auch einen Unterschied sehen. Er ist ein Wissenschaftler des Kinos, er interessiert sich für Konstruktion. Ich hingegen möchte Emotionen zeigen und verstehen. Vielleicht liegt es darin, dass er ein Mann ist und ich eine Frau bin.“

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