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Filmfestival Venedig : Zack! Hack! Horror! Hollywood!

Serienmörderei ist ein grundsolides Handwerk: Filmszene aus „Halloween Kills“ Bild: La Biennale di Venezia

Das Festival am Lido gibt sich in diesem Jahr betont italienisch. Aber Hollywood ist noch nicht am Ende. Denn Jamie Lee Curtis bekommt in Venedig einen Preis für ihr Lebenswerk.

          2 Min.

          Nach dem Ende der Vorführung des erfrischenden Urban-Fantasy-Films „Mo­na Lisa and the Blood Moon“ von Ana Lily Amirpour nennt eine italienische Kritikerin das Werk beim Hinausgehen „americanissimo“, also etwa: „superamerikanisch“. Was nach USA schmeckt (alias „Hollywood“), war noch vor zwei Jahren weltkinobestimmend. Dann kappte Co­vid-19 die Lieferketten und verrammelte die Multiplexe. Das Streamingwesen fand sich gut vorbereitet auf ein Ende der zentralen Filmquellenmacht: Im Netz diversifiziert es sein Angebot seit Jahren regionalistisch; Netflix lässt längst überall in Landessprachen drehen.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Venedig gewöhnt sich an die neue Lage. Aus den Boxen vor dem roten Teppich, ehedem von Beyoncé dauerbesetzt, tönt Italo-Pop, die US-Stars hauen noch schneller zu den nächsten Premieren (in Toronto) ab als früher, und eine der längsten Uraufführungs-Applausrunden kassiert kein Blockbuster aus Übersee, sondern „Qui rido io“, Mario Martones opulentes Lebensbild des Theaterpopulisten Eduardo Scarpetta. Aber Hollywood ist noch nicht erledigt.

          Kein Desaster, aber Meterware

          Denn Jamie Lee Curtis kriegt dieses Jahr in Venedig einen Ehrenpreis für ihr Lebenswerk, das ja amerikanischer kaum sein könnte. Es steht für kommerziell erfolgreiches Genrekino, vom britisch veredelten Slapstick („A Fish called Wanda“, 1988) über den ironischen Actionthriller („True Lies“, 1994) bis zur endlosen „Halloween“-Reihe, deren Urfilm John Carpenter 1978 inszenierte. Die neueste Folge dieser Horrorserie, „Halloween Kills“, wird Frau Curtis zu Ehren außer Konkurrenz im Festival gezeigt.

          Der Film stammt von David Gordon Green, der 2018 schon einmal eine Episode der Saga fabriziert hat und 2014 hier in Venedig mit der versponnenen Schnurre „Manglehorn“ angenehm aufgefallen ist. Das war smartes Autorenkino, leise und introvertiert – das Gegenteil von „Halloween Kills“. Dieser Beitrag zur Legende ist eine Enttäuschung, wenn auch kein Desaster, aber doch schematische Meterware, die den Gesamtmythos „Halloween“ pflichtschuldig und mit vielen matten Rückblenden wiederkäut, inklusive Augenausstechen und Bauchaufschlitzen, es fühlt sich alles an wie das Vor- und Zurückspulen einer VHS-Kassette. Jamie Lee Curtis verbringt ihre Zeit auf der Leinwand untätig im Krankenhaus und hat als Schauspielerin nicht halb so viel zu tun gehabt wie als Koproduzentin. Egal, sie wird hier ja nicht für diesen Film ge­ehrt, sondern für das, was sie ist.

          Sie spielt mit geradem Rücken und kühlem Kopf

          Und was ist sie? Eine Sportlerin im Unterhaltungsgewerbe mit einzigartiger Aura. Die berühmten langen Beine, der gerade Rücken und das markante Gesicht der Schauspielerin teilen mit: Ich behalte den Kopf oben, auch wenn Blut spritzt. Gerade hollywoodübliches Effektkino (im Gegensatz zu Stimmungskino, Ge­dankenkino oder Postkartenkino) ist auf solche Haltungen angewiesen, weil sie Filme zusammenhalten, die von den Ef­fek­ten sonst zerfetzt würden.

          Eine Sportlerin im Unterhaltungsgewerbe mit einzigartiger Aura: Festivaldirektor Alberto Barbera (links), Regisseur David Gordon Green und in ihrer Mitte Jamie Lee Curtis.
          Eine Sportlerin im Unterhaltungsgewerbe mit einzigartiger Aura: Festivaldirektor Alberto Barbera (links), Regisseur David Gordon Green und in ihrer Mitte Jamie Lee Curtis. : Bild: AFP

          Wo sie fehlen, geht der Film schief, wie bei mehreren der im laufenden venezianischen Wettbewerb vertretenen Experimente, etwa dem Abtreibungsdrama „L’évènenement“ von Audrey Diwan, in dem ein Fötus an der Nabelschur Entsetzen auslöst, oder dem Soldatenschauerstück „Vidblysk“ von Valentyn Vasayanovych, das die Grausamkeit des Krieges damit illustriert, dass ein Mensch einem andern eine laufende Bohrmaschine ins Bein treibt. Inhaltlich geht es in diesen Filmen um Frauenrechte oder gegen Russland, aber die Schocks fressen diese Inhalte auf, wenn keine Identifikationsangebote gemacht werden, die sie binden. Solche Angebote aber sind das Geschäft amerikanischer Stars.

          Falls deren Imperium gerade also wirklich zerfällt oder in eine neue, oft versprochene Vielfalt mündet, werden Zeichenbestand, Grammatik und Syntax der audiovisuellen Hollywood-Weltsprache wohl dennoch nicht verschwinden. Eher dürften sie sich als verschiedenstimmige Dialekte regional verjüngen. Den Augen und Ohren überall werden sie dann bald so natürlich vorkommen, als wären diese Sinnesorgane exklusiv als Endgeräte für sie designt worden, auf dass das Spiel weitergehe in alle absehbare Ewigkeit. Horrorfilme, selbst schwache wie „Halloween Kills“, kennen sich da aus: Es kommt nicht auf das an, was sterben muss, sondern auf das, was (wie Jamie Lee Curtis) nichts und niemand kaputtkriegt.

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