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Im Kino „The Drop“ : Durstige Seele, hungriger Hund

  • -Aktualisiert am

Und wer kümmert sich um mich? Tom Hardy (rechts) hilft einem Wauzi. Bild: AP

Am Super Bowl Sunday wird die Bar zur Bank: Das Straßendrama „The Drop“ zeigt den Charaktermimen James Gandolfini in seiner letzten Kinorolle.

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          Wenn Bob Saginowski von der Arbeit nach Hause kommt, dann ist es für ihn sehr spät, für die meisten anderen Menschen aber sehr früh. In einer Kirche wird der Morgengottesdienst gefeiert. Bob ist immer dabei, aber er geht nie zur Kommunion. Das bleibt nicht gänzlich unbemerkt, denn unter den anderen Frommen ist auch ein scharfer Beobachter, Detective Torres. In der Weltgesellschaft von Brooklyn ist der Katholizismus ein verbindendes Moment.

          Ein anderes ist die Bar, in der Bob arbeitet. Hier finden sie sich alle zusammen, die Gestalten von der Straße und aus den wenig einladenden Wohnungen, und am Super Bowl Sunday ist für ein paar Stunden so richtig die Hölle los. An diesem Abend ist die Bar auch noch so etwas wie eine Bank. Denn das ganze Bargeld, das in der Gegend anfällt, bei Geschäften, von denen die Behörden nie etwas erfahren werden, wird hier deponiert. „The Drop“ heißt dieses diskrete Verfahren, und so heißt auch der Film von Michael R. Roskam, in dessen Mittelpunkt der Bartender Bob Saginowski (Tom Hardy) steht.

          Die Kurzgeschichte von Dennis Lehane, die als Vorlage diente, stellt zumindest mit ihrem Titel eine andere „Hinterlegung“ in den Mittelpunkt. Sie heißt „Animal Rescue“, das besagte Tier ist ein Hund, ein Pitbull, den Bob auf dem Heimweg in einer Mülltonne findet. Das Tier ist übel zugerichtet, es braucht einen Beschützer. Die Mülltonne gehört zu einer ebenerdigen Wohnung, in der eine junge Frau namens Nadia (Noomi Rapace) lebt. Sie gehört wie Bob auch zu der Welt der Einzelgänger, die nachts die Drinks und das Essen reichen, und nach dem „waiting tables“ und „tending bar“ bleibt meist nicht mehr viel Leben übrig. Es reicht gerade noch so dafür, einen traumatisierten Pitbull wieder auf die Beine zu bringen.

          Kirchenfenster für's Appartement

          Wie dieses Leben weitergehen könnte, das sieht man an Marv, dem älteren Cousin von Bob. Ihm gehört die Bar, er lebt mit einer frustrierten Schwester zusammen, ein Mann mit mächtigem Bauch, immer eine Zigarette griffbereit. James Gandolfini spielt Marv, es war seine letzte Filmrolle, bevor er vor etwas mehr als einem Jahr im Alter von 51 Jahren starb. Es ist eine denkwürdige Rolle auch deswegen, weil Roskam noch einmal dieses New York beschwört, das sich allmählich der Gentrifizierung beugen muss, und das in Schauspielern wie Gandolfini verkörpert wird. In „The Drop“ ist es übrigens nicht die Bar, aus der bald Luxuswohnungen gemacht werden sollen, sondern die Kirche. Sie hat nach der Zusammenlegung zweier Pfarren keine Funktion mehr, ein geschickter Architekt könnte aber zumindest die Glasmalereien in den Fenstern weiterverwenden.

          Das meint Marv, der nebenbei noch ein anderes Manöver der Umwidmung am Laufen hat. Es betrifft das Bargeld, das eigentlich der tschetschenischen Mafia gehört, mit der man sich besser nicht anlegt. Es sei denn, man hat einen Sündenbock parat, hinter dem man sich verstecken kann.

          Ein Genre ganz im Zeichen der Vergänglichkeit

          Der Plot von „The Drop“ ist nicht sonderlich komplex, im Gegenteil ist ziemlich schnell klar, was hier läuft. Der einzige ungewisse Faktor ist Bob. Ist er wirklich der introvertierte Beobachter, der zu allen die gleiche Distanz hält, der allenfalls dadurch moderierend eingreift, dass er gelegentlich eine Runde ausgibt?

          Früher hätte man bei einem Film wie „“The Drop“ von einer Milieustudie gesprochen, heute steht dieses Genre schon ganz im Zeichen der Vergänglichkeit, und Michael R. Roskam erinnert uns mit seinem melancholischen Film an die Zeiten, als Geschichten noch an Straßenecken geschrieben wurden, und starke Figuren den Schatten der Anonymität suchten. Aus diesem Schatten tritt „The Drop“ für einen Moment heraus, doch dann sieht selbst Detective Torres ein, dass man in so einer Welt nicht jedes Geheimnis lüften muss.

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