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Panahis „3 Gesichter“ im Kino : Riskante Fahrt am Rand des Lebens

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Abgeschieden, aber unter Verdacht

„Ich habe das Kino schon als Kind geliebt“, sagt Marzieh zu Beginn ihres Videos. Der Satz klingt zuerst einmal ganz selbstverständlich, bekommt im Verlauf der Geschichte dann aber noch eine wichtige historische Inspiration. Denn „das Kino“ hat sich in Iran einmal ganz grundlegend verändert, wie das ganze Land, das 1979 in einer Revolution eine neue Herrschaftsform bekam und, damit einhergehend, auch eine neue Medienordnung. Es gehört zu den Spezifika der iranischen Gesellschaft, dass der muslimische (in diesem Fall: schiitische) Fundamentalismus im sogenannten Gottesstaat das Kino zwar mit Zensur belegte, es im Übrigen aber gedeihen ließ. Und so ist Iran sowohl nach innen wie nach außen, auf den internationalen Festivals, heute eine der führenden Filmnationen – nicht immer mit denselben Filmen, wie man gerade am Beispiel Panahi sehen kann, der eher für den internationalen Markt produziert, dabei aber auch im Land auf seine Weise ein Star ist.

Wenn im Titel seines neuen Films von Gesichtern die Rede ist, dann darf man das auch auf die Gesellschaft beziehen, von der Panahi in seinen vertrackt dokumentarischen Filmen immer erzählt: Die „3 Gesichter“ sind Gesichter des heutigen Irans. Der Titel enthält dabei auch noch eine subtile Pointe: Das dritte Gesicht, neben Marzieh und Behnaz Jafari, ist nie zu sehen. Es gehört einer alten Frau namens Sharzad, die früher einmal ein Star war, vor der Revolution hat sie in Filmen und Serien gespielt und getanzt. Man hört deutlich durch, dass sie dafür heute in einem schlechten Ruf steht. Sie lebt in einer bescheidenen Hütte, abgeschieden von der Welt, aber immer noch unter dem Verdacht, sie könnte Marzieh die „Flausen“ in den Kopf gesetzt haben.

Auf beiden Seiten der Gegensätze

Es gibt ein Abendbild in „3 Gesichter“, das zu den großen Momenten dieses Kinojahrs zu zählen ist: Man sieht Jafar Panahi erschöpft im Auto sitzen, im Hintergrund am Horizont das Haus von Sharzad, aus dem Autoradio sind Gedichte von Sharzad zu hören. Der geheimnisvollste der drei Stars ist nur durch eine Stimme vertreten, von einer CD, die die einsame und verbitterte Frau irgendwann einmal aufnehmen ließ. Für Sharzad erfindet Panahi in „3 Gesichter“ eine neue Gemeinschaft. Es ist wohl kein Zufall, dass es eine Gemeinschaft ist, die drei Generationen überbrückt: die große Zäsur von 1979 macht in der Deutung dieses Films nur dann Sinn, wenn es gelingt, das kontroverse Erbe aus der Zeit der Herrschaft des Schahs nicht einfach zu verdrängen, sondern (kritisch) zu reintegrieren: Die Namen der Regisseure, für die sie gearbeitet hat, hat Sharzad auf den Plakaten, zwischen denen sie lebt, alle durchgestrichen.

Ein einfacher Mann macht schließlich noch eine andere lange Zeitrechnung auf: Er überreicht Behnaz Jafari ein Stück von der Vorhaut seines Sohnes Ayoub, der inzwischen 35 Jahre alt ist, also nur wenig jünger als die Revolution. Die Schauspielerin soll den heiklen Talisman einem Kollegen übergeben. Durch diesen magischen Akt erhofft der Mann eine vergleichbare Karriere für seinen Sohn. Er soll auch ein Star werden.

Es wäre nun ein Leichtes, sich über diese abergläubischen Hoffnungen lustig zu machen. Aber Jafar Panahi hat als Ort der Handlung sicher nicht zufällig die Gegend seiner eigenen Herkunft gewählt. Er spricht in „3 Gesichter“ auch ganz buchstäblich beide Sprachen, die lokale der Leute und die urbane mit Behnaz Jafari. Er steht auf beiden Seiten der Gegensätze. Und gilt auch für seinen Film, der zugleich eminent modern ist (weil in hohem Maß reflexiv) und dabei so wirkt, als wäre er die einfachste Sache der Welt.

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