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Jack Nicholson wird achtzig : Seine Marke, seine Maske, sein Gesicht

Vielleicht die schlimmste aller Badezimmerszenen: Jack Nicholson in Stanley Kubricks „Shining“ von 1980 Bild: interTOPICS /Entertainment Pictu

Ein Grinsen zum Fürchten und Lieben: Jack Nicholson, der Mann, der Marlon Brandos Haus abriss, wird achtzig Jahre alt. Längst ist er selbst ein Mythos.

          3 Min.

          Vor fünfzig Jahren sollte Jack Nicholson Napoleon spielen. Stanley Kubrick hatte ihn als alkoholsüchtigen Provinzanwalt in „Easy Rider“ gesehen und wollte ihn für die Hauptrolle in seinem, so Kubrick, „besten Film aller Zeiten“, neben Audrey Hepburn als Napoleons großer Liebe Joséphine de Beauharnais. Aus dem Projekt wurde nichts, aber gerade deshalb ist es reizvoll, sich vorzustellen, wie Hepburn neben Nicholson vor der Kamera ausgesehen hätte und wie Jack Nicholsons Karriere verlaufen wäre, wenn sie auf den Schlachtfeldern von Austerlitz und Waterloo begonnen hätte. Vermutlich wäre er dennoch der Mann geworden, den wir kennen. Wahrscheinlich hätte nichts und niemand ihn je aufhalten können.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wer mit dem Kino der Siebziger, Achtziger oder Neunziger aufgewachsen ist, kann sich nur mit Mühe eine Welt ausmalen, in der es Jack Nicholson nicht gibt. Dieses Gesicht war immer schon da, und es wird immer da sein, so lange das Gedächtnis der Leinwand funktioniert.

          Von Peter Fonda und Dennis Hopper, mit denen er damals in „Easy Rider“ unterwegs war, werden ein paar große Filme bleiben, aber Nicholson hat sich in die Substanz des Mediums selbst eingeschrieben, als Typus wie als Individuum. Man muss nur seinen Namen hören, schon sieht man ihn vor sich, die gebogenen Augenbrauen, die hohe runde Stirn und vor allem der Mund, mit dem er Dinge tun konnte, die kein anderer Schauspieler fertigbrachte. Ein Mund zum Fürchten.

          In „Batman“, wo er den Joker spielt, ist das Grinsen, das ihn berühmt gemacht hat, wie mit einem Messer in sein grell geschminktes Gesicht eingeschnitten, als müsste er seinen eigenen Mythos als Maske tragen. In „Chinatown“ aber, dem Film, mit dem er seine frühen Jahre im New-Hollywood-Kino hinter sich lässt, ist es noch frisch und ungewohnt, und das Messer gehört Roman Polanski, dem Regisseur, der ihm in einer blitzschnellen Bewegung den Nasenflügel aufschneidet.

          Von da an läuft er mit einem Pflaster im Gesicht durch die Geschichte, er ist nur noch Augen, Mund und Stimme. Faye Dunaway verfällt ihm. Die Kamera betet ihn an. Es ist, als hätte er in Drachenblut gebadet. Die Oscar-Nominierung, die er für „Chinatown“ erhält, ist seine vierte von insgesamt zwölf, dreimal gewinnt er den Preis, zum ersten Mal für „Einer flog über das Kuckucksnest“, den er ein Jahr später mit Milos Forman dreht. Zu jener Zeit wohnt er neben Marlon Brando, seinem großen Vorbild, am Sunset Boulevard. Die Rolle des R. P. McMurphy, der in der geschlossenen Psychiatrie sein Golgatha erlebt, ist sein Gruß an Brando: Er hat ihn eingeholt. Nach Brandos Tod wird Nicholson dessen Villa kaufen und abreißen lassen. Das sei die beste Art, sein Andenken zu ehren, erklärt er lächelnd.

          Ein Gesicht, das uns berührt

          Den nächsten Schritt tut er, endlich, mit Kubrick. In „Shining“ ist Nicholsons Spiel mit dem Wahnsinn schon Methode geworden, Manier, er kann sein Grinsen und Brüllen wie auf Knopfdruck abrufen, aber gerade darum passt es perfekt zu den visuellen Manierismen des Films, dem Berghotel mit dem Barocklabyrinth vor der Tür, der Vanitasfigur im Badezimmer, der Bar, in der die Zeit stillsteht und Gespenster die Drinks mischen. In gewisser Weise hat sich Nicholsons Karriere von „Shining“ nicht mehr erholt. Davor war er ein Schauspieler, jetzt ist er eine Marke. In „Zeit der Zärtlichkeit“, „Besser geht’s nicht“, der „Chinatown“-Fortsetzung „The Two Jakes“ (bei der er selbst Regie führt) und anderen Filmen versucht er mit mehr oder minder großem Erfolg, aus dem Klischee ins Charakterfach auszubrechen. Aber es sind die Jokerrollen, die Besessenen, die seinen Ruhm festigen: der Verlagslektor Randall in „Wolf“, der sich in einen Werwolf verwandelt, oder der kleine Teufel Daryl Van Horne in George Millers „Hexen von Eastwick“. „Sind Frauen ein Fehler Gottes?“ fragt Van Horne. Ja, so ist es, und deshalb sind sie ihm gerade recht: Susan Sarandon, Michelle Pfeiffer und Cher, drei von den hundert Schönheiten, die Nicholsons Kinozauber erlegen sind.

          Vor fünfzehn Jahren, in Alexander Paynes „About Schmidt“, hat Nicholson zum ersten Mal einen alten Mann gespielt. Der Versicherungsarchivar Schmidt geht in Rente. Seine Frau stirbt beim Staubsaugen, seine Tochter heiratet einen Versager. Schmidts letzter Kontakt zur Außenwelt ist ein Patenkind in Tansania, dem er Briefe schreibt. Der kleine Ndugu kann noch nicht antworten, deshalb schickt er eine Zeichnung: ein Mann und ein Junge, Hand in Hand. Da bricht Schmidt in Tränen aus. Vielleicht geht es im Kino nur darum, ein Bild zu finden, das uns rührt. Und ein Gesicht wie das von Jack Nicholson, durch das sich die Rührung überträgt.

          Heute wird er achtzig. Die Filme altern, die Erinnerungen, die Welt, in der das Kino das Reich der Bilder beherrschte, sinkt hinter den Horizont. Aber die Kraft, die Sehnsucht nach Ausdruck, die in den Filmen lebt, ist unerschöpflich. „Rage, rage against the dying of the light“, heißt es in einem berühmten englischen Gedicht: Rase, kämpfe gegen das Erlöschen des Lichts. Das hat Jack Nicholson getan. Das tut er immer noch.

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