https://www.faz.net/-gqz-qgad

Italienische Medien : „Man nennt ihn schon heilig“

  • -Aktualisiert am

Zeitungslektüre auf dem Petersplatz Bild: dpa/dpaweb

Die mediale Staatstrauer um Johannes Paul II. hatte schon Einzug gehalten. Nur das päpstliche „Radio Maria“ sandte noch Unterhaltungsmusik und Küchentips in den Äther. Wie die italienischen Medien mit dem Tod des Papstes umgehen.

          5 Min.

          Noch nie ist der Tod eines Papstes ein derartiges Medienereignis gewesen wie das Ableben Johannes Pauls II. am Samstag abend. Während der jahrelangen Leidenszeit und seines tagelangen Todeskampfes hat Karol Wojtyla selbst dann noch die Kameras und die Mikrofone gesucht, als er sich kaum mehr kontrolliert bewegen und nicht mehr artikulieren konnte. Damit blieb er seinem Programm treu, die eigene Person, obgleich leidend und schwach, rückhaltlos ins Rampenlicht zu stellen.

          Die italienischen Medien haben diese Botschaft verinnerlicht und die letzten beiden Tage dieses außerordentlichen Papstes als langen und intensiven Abschied zelebriert - dabei weit über die am Ende eher dezente und zurückhaltende Informationspolitik des Vatikans hinausgehend.

          Dauerberieselung zum langen Abschied

          Während Joaquin Navarro Valls, dem Pressesprecher von Johannes Paul II., zeitweise die Stimme versagte oder ihm die Tränen kamen, wenn er vom unumkehrbaren Siechtum seines Oberhauptes sprach, zeigte sich vor allem das italienische Staatsfernsehen Rai mit seinen professionellen Vatikanologen bestens für den Fall der Fälle gerüstet. Zeitgleich mit der Agonie Johannes Pauls setzte auf nahezu allen Kanälen eine quasi ganztägige Sondersendung ein, während welcher Experten, Weggefährten, Kirchenfunktionäre ihre Erinnerungen, Einschätzungen und Hoffnungen, den Papst betreffend, in allen Tonlagen erörterten - Dauerberieselung zum langen Abschied. Zu den Bildern des stummen Papstes gesellten sich die wiederkehrenden Schleifen von Karol Wojtyla als Wandersmann, Skiläufer, Globetrotter, agilem Priester.

          Damit war die historische Dimension vorgegeben: Mit diesem Kirchenfürsten geht nach 27 Jahren des Regiments auch eine Epoche zu Ende. So traf die in Italien selbstverständliche Pietät, das pathetische Mitleid mit einem Sterbenden das Bewußtsein einer geschichtlichen Stunde: Wojtyla, der gegen den Kommunismus antritt; Wojtyla, der vom Attentäter niedergeschossen wird; Wojtyla, der als erster seines Amtes eine Synagoge und eine Moschee betritt. Sogar die kontraproduktive Frage, ob die leidenschaftliche Papstverehrung dieser Stunden nicht an Idolatrie und Personenkult grenze, konnte ein gelassener Jesuitenpater als unbegründet abtun: Die Emotionen für diesen Mann mögen, geschuldet der Trauer, etwas verherrlichend wirken. Aber sie seien echt empfunden.

          Voreilig: Die Turiner „Stampa“

          Die Stimmungslage äußerte sich etwa in diversen Gesprächsprogrammen des Radios, wo ganze Nächte hindurch vor allem junge Katholiken ihre Rührung, ihr Mitleiden geordnet und klug in Worte faßten. Auch die italienische Presse bereitete sich in Stufen systematisch auf die Todesbotschaft vor, zeigte in jeder politischen Couleur große, ausdrucksstarke Bilder eines Mannes, der zeitlebens bewußt zur Produktion des eigenen Bildes beigetragen hatte: der Papst, hochbetagt und krank, mit einer Friedenstaube; der Papst zusammengekrampft, gestützt auf ein Kuzifix; der Papst, nach innen blickend mit gefalteten Händen.

          "Du wirst uns fehlen, Karol", rief ihm noch zu Lebzeiten der "Corriere del Sud" kumpelhaft nach, während der "Corriere della Sera" poetisch von der "Umarmung für den sterbenden Papst" sprach. Einzig die Turiner "Stampa" schien den Tod Johannes Pauls II. versehentlich um einen Tag vorverlegt zu haben, als sie schlicht die Jahreszahlen "1978 - 2005" auf die erste Seite setzte und von Wojtyla nur mehr in der Vergangenheitsform schrieb, obwohl er noch gar nicht gestorben war. Doch in die allgemeine Trauerstimmung mit getragener Musik und Bibelrezitationen im Radio und Fernsehmoderatoren in dunklen Farben fiel eine solche Voreiligkeit gar nicht auf.

          Kein Wahlkampf, kein Fußball, leider Formel 1

          Als die Chronik eines angekündigten Todes an Innigkeit kaum mehr zu überbieten war, hatte das erste Programm der Rai das Samstagsprogramm längst in eine Live-Schaltung zum Petersplatz verwandelt. So wurde das Erleuchten der Lampen im Sterbezimmer, das Entsetzen in den Gesichtern der Gläubigen, die plötzlich lastende Stille über dem Vatikan direkt in die Wohnzimmer der Italiener übertragen, noch bevor die offizielle Todesnachricht verkündet war. Der populäre, mit dem Papst persönlich bekannte, konservative und ungemein kirchenfromme Moderator Bruno Vespa war direkt und gemeinsam mit dem Ex-Ministerpräsidenten Andreotti auf Sendung.

          Weitere Themen

          Wachstum aus Verzicht

          Gartenkolumne : Wachstum aus Verzicht

          Japanische Zen-Gärten bestehen aus kaum mehr als Sand, Steinen und ein bisschen Moos. Wer sich in sie versenkt, kann ein Stück jener Leere begreifen, die im fernöstlichen Denken so zentral ist.

          Topmeldungen

          F.A.Z. exklusiv : „Daimlers Diesel genügen den Richtlinien“

          Als Vorstand für Integrität und Recht hat Renata Jungo Brüngger gerade mehrere Diesel-Verfahren gegen Daimler in Amerika befriedet. Ihren Einsatz für mehr Regeltreue sieht sie aber nicht am Ende. Im Gespräch berichtet sie von Herausforderungen in einem globalen Unternehmen.

          Probefahrt Citroën Ami : Friede, Freude, Frankreich!

          Das Gute an den Umbrüchen, die die Mobilitätswelt erfassen: Überall öffnen sich plötzlich Nischen für Neues. Und genau da hinein schickt Citroën jetzt seinen kleinen Elektrowürfel Ami.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.