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„Der Fall Collini“ im Kino : Aus Mangel an Ideen

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Unschuldig? Schuldig? Oder irgendwas noch viel Schlimmeres? Der Angeklagte (Franco Nero, vorne) baut auf den Anwalt (Elyas M’Barek, rechts) Bild: dpa

Als Roman war „Der Fall Collini“ ein Versuch, bundesdeutsche Rechtsgeschichte fassbar zu machen. Als Film misslingt das, weil die Regie die Gerichtsthrillerform grob verfehlt.

          Der junge Rechtsanwalt Caspar Leinen nimmt seine Arbeit ernst. Er zeigt dies, indem er in Robe zu einer Vorbesprechung erscheint, bei der die Kollegen legere Garderobe tragen. Nach dem Termin muss Leinen erst mal hektisch eine rauchen. Die Welt des Rechts kann einen ganz schön nervös machen. Und dann erst die Gebäude, in denen das Recht wohnt. Sie machen einen jungen Mann ganz klein, enorm sind die Treppen, die zu Justitia hinaufführen. Doch Leinen hat nun einen Ausweis, der ihm Zutritt verschafft, und er hat auch schon einen Fall, eine Pflichtverteidigung für einen Mann, der etwas Grässliches getan hat: Fabrizio Collini hat den Industriellen Jean-Baptiste Meyer hingerichtet, dann dem Toten mit dem Fuß noch das Gesicht zerschmettert, und dann hat er mit seinen blutigen Schuhen den teuren Boden in einem Luxushotel besudelt. Alles scheinbar ungerührt. „Beinahe hätte man meinen können, er würde gleich noch einen Espresso bestellen“, berichtet eine Angestellte, die damit aber vielleicht ein Vorurteil gegen Italiener erkennen lässt.

          Das mit dem Blut und den Schuhen ist einer der ersten starken Effekte in Marco Kreuzpaintners „Der Fall Collini“, einem Film auf Grundlage des gleichnamigen Romans von Ferdinand von Schirach. Die paar Minuten, bevor Caspar Leinen auftritt, gehören noch zu einem anderen Genre: das Gesicht von Franco Nero in der Rolle des Fabrizio Collini ist anfangs kaum zu erkennen, er ist ein Finsterling, von dem man meinen könnte, er stünde für das pure Böse. Das trifft danach auch zu, aber anders als gedacht. In jedem Fall sucht Collini nicht das Weite, er lässt sich widerstandslos festnehmen, zu seiner Tat sagt er nichts. Immerhin wird er für so gefährlich gehalten, das man ihm im Gerichtssaal einen Glaskäfig zuweist. Sieht irgendwie dramatischer aus.

          Im Dienste der Vergangenheitsbewältigung

          Bei Caspar Leinen stellt sich heraus, dass er das Mordopfer gekannt hat. Jean-Baptiste Meyer war so etwas wie ein zweiter Vater für den Jungen aus einfachen Verhältnissen. In den Rückblenden sehen wir einen jungen Mann mit auffällig dunkler Haut – da soll wohl ein Migrationshintergrund betont werden. In der Gegenwart des Films (der in einer Zeit vor dem Euro spielt) wird Leinen von Elias M’Barek gespielt – der nach dem System Schule in „Fack Ju Göhte“ nun auch das Gerechtigkeitswesen in Deutschland auf Vordermann bringt. M’Barek ist zwar nicht Türke, sondern austrotunesischer Deutscher. Er wird aber immer wieder auf seine türkische Herkunft angesprochen, jedenfalls passiert ihm das in „Der Fall Collini“. Es könnte aber auch sein, dass die linksalternativ angepiercte Pizzalieferantin ihn damit nur aufzieht.

          Ferdinand von Schirach hat großen Erfolg damit, dem lesenden Publikum die Wege des Rechts erzählerisch nahezubringen. Seine Bücher sind ein Genre für sich und vertreten etwas, was im amerikanischen Raum in der Regel das Kino macht: dort ist der „courtroom thriller“ eine etablierte Form. Sie zeigt, dass Urteile auf Verfahren beruhen, in die alles eingeht, was Menschen ausmacht: Eitelkeit, Kompromisse, brillantes Theater oder üble Schmiere, Korruption, Irrtümer, Vorurteile, und manchmal auch heroische Wahrheitsliebe. Im deutschen Kino hat sich das Genre nie so richtig durchgesetzt. Das mag damit zu tun haben, dass das Gericht in Amerika eben auch als Show begriffen wird.

          Im deutschen Kino ist Elyas M’Barek eine absolute Instanz, und so sieht denn auch der Film aus, den Marco Kreuzpaintner aus dem „Fall Collini“ gemacht hat. Caspar Leinen hat wegen seiner Aufgabe anfangs Bedenken, er fühlt sich befangen, nicht nur dadurch, dass er Meyer kannte, er war auch verliebt in dessen Tochter Johanna (Alexandra Maria Lara), die nun als Nebenklägerin gegen Collini auftritt. Sie lässt sich von einem alten Fuchs der Branche vertreten: Richard Mattinger (Heiner Lauterbach) hat gefühlt schon unter Adenauer seine Zulassung bekommen, de facto fielen seine ersten wichtigen Aufgabe in das Jahr 1968, als in Deutschland ein Gesetz erlassen wurde, auf das in „Der Fall Collini“ alles hinausläuft. Ferdinand von Schirach betrieb mit seinem Roman so etwas wie erzählerische Rechtskulturgeschichte im Dienste der Vergangenheitsbewältigung. Und Marco Kreuzpaintner folgt ihm beflissen in die letztlich gar nicht so verwickelten Umstände des Falls Collini.

          Wie eine unpassende Robe

          Ferdinand von Schirach macht aus der Spannung zwischen den Abgründen menschlicher Individualität und den Abstraktionen des Rechts so etwas wie institutionelle Folklore. Marco Kreuzpaintner aber stellt sich mit seinem Film unter einen anderen Legitimitätsdruck: Wenn Justitia endlich auf dem Niveau von Hollywood wäre, wäre Deutschland einen Schritt weiter mit der Verkörperung seiner Normativität.

          Der Film ist also nicht einfach eine Literaturverfilmung, sondern eine Übersetzung. Sie erweist sich als grob misslungen, vor allem dadurch, dass die Spannung hier nie aus dem Verfahren selbst erwächst, sondern immer reichlich unvermittelt von außen hinzugefügt wird. Leinen wächst seine Aufgabe über den Kopf, er muss dauernd verblüfft die Augen aufreißen über die miesen Tricks, mit der ihn die Gegenseite konfrontiert; er bereitet aber gleichzeitig im Hintergrund immer schon die großen Enthüllungen vor, mit denen er dem Prozess schließlich die entscheidende Wendung geben wird. Was er vor allem zu Beginn vermissen lässt: ein eigenes Interesse an seinem Mandanten. Der Starschauspieler M’Barek ist mit der Rolle unterfordert und überfordert zugleich: Es gibt im Grunde keine einzige Szene, in der Leinen als Individuum zum Leben erwacht. Er trägt nur zwei Stunden lang tapfer das Missverständnis aus, dass Kreuzpaintner aus dem Roman von Ferdinand von Schirach etwas machen wollte, wofür ihm das Verständnis fehlt. „Der Fall Collini“ trägt die große Form eines Justizthrillers wie eine unpassende Robe.

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