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„Wonder Woman 1984“ : Superheldin über den Wolken

Letzteren faden Supersalat hatte der Regisseur Zack Snyder zunächst dem Grundriss nach aufgestellt, musste ihn aber wegen einer Familientragödie Joss Whedon überlassen. Dieser hatte sich dafür als Kapitän der Marvel-Schlachtschiffe „Avengers“ (2012) und „Avengers: Age of Ultron“ (2015) qualifiziert und galt als einer der führenden Stilingenieure des Genres, außerdem aber seit seiner Fernsehserie „Buffy, The Vampire Slayer“ (1997 bis 2003) auch als eine der deutlichsten Stimmen des Feminismus, Antirassismus und überhaupt humanistischen Gerechtigkeitssinns in der Filmbranche. Menschlich scheint das nicht gedeckt zu sein: Der schwarze „Justice League“-Darsteller Ray Fisher, die „Buffy“-Veteranin Charisma Carpenter und zuletzt eine wachsende Anzahl anderer haben glaubhaft berichtet, dass der unbestritten herausragende Autor und Filmemacher Whedon als Boss ein hässlicher Machtsack sei, der mit Menschen umspringt, als wären sie zu seiner Belustigung da. Lernen sollte man hier wohl, dass der Feminismus nicht den Männern, der Antirassismus nicht den Weißen und überhaupt die fürsorgliche Betreuung von allerlei Minderheitenrechten nicht unsereins redegewandten Meinungsperformern gehört. Institutionen müssen her, die Schikanen durch Ermächtigung der andernfalls bloß mildtätig (und manchmal eben mies) Betreuten vorbeugt. Whedons künstlerische Leistungen tilgt sein Verhalten nicht, aber das reputationspolitische Sorgerecht für seine ästhetischen Kinder hat er verspielt; es steht jetzt allein denen zu, die er dafür leiden ließ, dass sie ihm dabei halfen, utopisch-idealistische Kunst zu machen.

Produktion der Vorpandemiezeit

Idealismus ist für Kunst stets dünne Luft, wie Nostalgie für sie stickige ist; es soll aber Menschen geben, die sich absichtlich in Atemnot begeben, weil das berauscht. „Wonder Woman 1984“ jongliert mit Nostalgie und Idealen zugleich, bebildert den Einfall: „Früher war nicht alles besser, aber heute wäre alles besser, wenn wir früher wacher gewesen wären“. Die interessantesten Versuche in solchen Tonfällen findet man derzeit bekanntlich eher im Serienformat als im Spielfilm, weil mehr Erzählzeit die (nicht immer genutzte) Chance zu mehr Tiefe bietet; man denke an „Stranger Things“, das deutsche „Dark“ oder die wohl klügste kulturindustrielle Archivübung der letzten fünfundzwanzig Jahre, „Halt and Catch Fire“.

Große Feindschaft: Wonder Woman (links) gegen Cheehtah
Große Feindschaft: Wonder Woman (links) gegen Cheehtah : Bild: Sky

Das Superheldenkinogenre steht nicht für solche Subtilitäten, sondern wie kein anderes massenmediales Zerstreuungsangebot für einen popkulturellen Weltwachstumsmarkt, der bis Anfang 2020 unter Expansionsdampf wuchs. „Wonder Woman 1984“, eine Produktion der Vorpandemiezeit, kommt verschleppt auf die Welt; vieles an ihren Voraussetzungen ist von gestern, zum Beispiel Hans Zimmers übergewichtige Musik und die unterkoordinierten Massenszenen. Die Grundidee („Ist Trump nicht eigentlich ein Achtziger-Phänomen?“) und das an ihr ausprobierte Vermögen des Genres, Ungleichzeitigkeiten aufeinander loszulassen wie Gladiatoren, retten den Film aber vor der Belanglosigkeit, und fürs Herz gibt’s Flauschwerte – wenn Gal Gadot weint, quietscht die Erde, und dass Lynda Carter, die Original-Wonder-Woman-Schauspielerin aus Opas Fernsehen, kurz ins Geschehen zwinkern darf, vermittelt eine sehr wichtige Moral der Medienkompetenz: Solange wir als Menschen genügend Erzählplattformen haben, geht unser Vermögen, uns zu besinnen, zu korrigieren und zu läutern, nicht kaputt.

Zwar muss also die Heldin im Film ihren Liebsten 1984 aufgeben, aber das Archiv weiß, dass sie ihn im Comic schon zwei Jahre später wiederkriegt und sogar heiraten darf. Danach bricht indes das Universum zusammen; aber davon ein andermal mehr.

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