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„Ein Chanson für dich“ im Kino : Die Chanteuse in der Fleischfabrik

Isabelle Huppert als Laura Bild: Alamode

In ihrem neuen Film gibt Isabelle Huppert die in Vergessenheit geratene Schlagersängerin Laura, die einen zweiten Frühling erlebt. Mit Anmut und Ironie – aber etwas neben der Spur.

          2 Min.

          Natürlich kann Isabelle Huppert alles spielen. Diese Alleskönnerschaft, die gespenstische Leichtigkeit, mit der sie in die unterschiedlichsten Rollen schlüpft, ist zugleich die Grenze ihres Könnens. Manche sehen darin ein Zeichen von Herzenskälte, aber vielleicht ist die Ungerührtheit, die sie ihren Figuren verleiht, auch eine Art Schutz vor den Enthüllungsbedürfnissen der Zuschauer. Die wenigen Szenen, in denen dieser Schutzschild zerbricht, stammen nicht zufällig von Haneke oder Chabrol. Es braucht einen Meister, einen ebenbürtigen Virtuosen, damit die Virtuosin Huppert ihre Maske fallen lässt.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In „Ein Chanson für dich“, einem Film des Belgiers Bavo Defurne, spielt Isabelle Huppert eine Arbeiterin in einer Pâté-Fabrik. Die Fleischkuchen kommen auf ihren Tisch, sie dekoriert sie mit Lorbeer, Wacholder und Cranberries und legt sie aufs Fließband, mit der gleichen Ruhe, mit der sie in Paul Verhoevens „Elle“, der kurz zuvor entstand, Gewaltvideos betrachtet. Der neue Qualitätskontrolleur Jean (Kévin Azaïs) erkennt in der blassen Liliane dagegen die Schlagersängerin Laura, von der sein Vater seit vierzig Jahren schwärmt. So treffen sich zwei Menschen im Transit, denn Jean will eigentlich Preisboxer werden, während die vergessene Chanteuse ihr Unglück in Alkohol und Fernsehflimmern zu ertränken versucht.

          Kinotrailer : „Ein Chanson für dich“

          Doch der Boxer lässt nicht locker. Sie ziert sich, entzieht sich, aber am Ende singt sie doch ihr altes Eurovisionslied „Joli garçon“ auf der Jahresfeier des Sportvereins, und bevor der Vater seine Ehe zum Teufel jagt, nimmt sie lieber den Sohn mit ins Bett. „Souvenir“, so der Originaltitel, hätte das Zeug zur Kleinbürgerfarce, und manchmal glaubt man zu spüren, wie Isabelle Huppert mit dieser Möglichkeit spielt. Aber ihr Regisseur wollte eine umschattete Kaurismäki-Komödie mit Obertönen von Almodóvar drehen, und deshalb hat er die Story so zurechtgebogen, dass sie seinen überspannten Ambitionen entsprach. Alles in „Souvenir“ ist eine Nummer zu laut: das rote Kleid, in dem Laura sich wiegt wie eine Seerose im Abendwind, die Wohnung, in der seit „Abba“-Zeiten nicht mehr gelüftet wurde, der Exmanager, der einem Wachsfigurenkabinett entstiegen scheint. Als die schale Sängerin zu einem späten Triumphzug ansetzt, gerät der Film endgültig aus der Spur; selbst das Publikum im Fernsehstudio wirkt wie aus einer anderen Zeit eingeflogen. Vielleicht hat Bavo Defurne dafür aber auch nur die Belegschaft des Pflegeheims, vor der Laura zuvor aufgetreten ist, neu eingekleidet.

          Und Isabelle Huppert? Sie bewältigt ihre schläfrigen Posen und albernen Texte („joli garçon / bras de beton / cœur de bonbon“) mit Anmut und Ironie. Ab und zu wartet man darauf, dass in ihren Augen etwas aufblitzt. Vergebens.

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