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Kinodoku über Magersucht : Alle wollten Geld mit ihrer Krankheit machen

  • -Aktualisiert am

„Seht mich verschwinden“ – der Titel des Dokumentarfilms über Isabelle Caro und ihre Magersucht war in den letzten Tagen vor ihrem Tod das Motto ihres Lebens. Bild: Farbfilm

Der Dokumentarfilm „Seht mich verschwinden“ von Kiki Allgeier begleitet das Model Isabelle Caro durch die Hölle aus Mode und Magerwahn. Coaches und Kampagnen treiben die Jugendliche immer weiter in die Krankheit.

          3 Min.

          Nachdem ich den Film „Seht mich verschwinden“ von Kiki Allgeier gesehen hatte, war ich erschüttert. Es ist ein Dokumentarfilm über das französische Magersuchtmodel Isabelle Caro. Isabelle Caro sorgte 2007 für Furore, als sie in Mailand und Rom von gigantischen Plakaten blickte. Nackt. Abgemagert. Die Brüste winzig, die Augen aufgerissen. Eine Warnung in XXL-Format. „No Anorexia“ lautete der Slogan der von Oliviero Toscani fotografierten Skandalkampagne. Zu diesem Zeitpunkt wog die junge Frau nur noch 32 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,64 Meter. Sie war so groß, wie ich es bin. Und das machte mir plötzlich Angst.

          Gleichzeitig aber war es nicht nur dieses Angstgefühl, das mich bei Isabelles Anblick beschlich, es war auch ein anderes Gefühl da, eines, das ich lieber nicht wahrnehmen wollte: so etwas wie Respekt dafür, dass sie es geschafft hat, so dünn zu werden - so pervers das klingen mag. Ich glaube, dass ich mit diesen Gedanken nicht allein bin. Viele Jugendliche, besonders Mädchen, wollen dünn sein. Der Trend geht immer stärker in diese Richtung, wobei exzessiver Sport und ausschließlich gesundes Essen den meisten nicht mehr reichen. Schaut man sich bei der Fotoplattform Instagram um, bekommt man fast nur idealisierte Bilder präsentiert. Halbnackte, große, dünne und wunderhübsche Mädchen lachen einem an einem Strand mit kristallklarem Wasser oder in superknappen Outfits in einem schönen Haus entgegen.

          Bei Heidi Klums Kandidatinnen war eine dünner als die andere, aber in der Modebranche ist das oft nicht genug.

          Natürlich geben sie vor, das nur mit Sport und gesundem Essen geschafft zu haben. Kein Mädchen, das sich solche Bilder ansieht, denkt an Photoshop oder an Schlimmeres. Um dünn zu sein, greifen immer mehr Mädchen zu ungesunden Mitteln und rutschen in eine Essstörung ab.

          Kiki Allgeier hat Isabelle Caro drei Jahre lang begleitet. Drei Jahre, in denen die todkranke junge Frau vor zahllose Kameras gezerrt wird. Wir sehen, wie sie Interviews gibt und sich von Journalisten rumschubsen lässt. Man stylt und schminkt und reicht sie herum wie einen Gegenstand. Auf mich wirkt Isabelle während dieses Marathons kein einziges Mal wirklich glücklich. Wenn sie lacht, klingt es immer irgendwie verzweifelt. Natürlich könnte man meinen, das liege an der Krankheit, aber so einfach ist die Sache nicht. Eine Freundin von mir leidet auch an Magersucht, seit sie vierzehn war. Sie ist mittlerweile genauso alt wie ich, nämlich achtzehn Jahre. Sie befand sich immer mal wieder in Kliniken, war eine Zeitlang zu Hause und lebte ab und an in einer Art Selbsthilfe-WG.

          Momentan ist sie zu Hause und macht eine Intervalltherapie, damit sie den Kontakt zu ihren Freunden nicht verliert und die Schule endlich ohne ihre Krankheit zu Ende bringen kann. Sie hat zwar den Willen, gesund zu werden, aber wenn man beobachtet, wie sie über Essen oder ihre Krankheit redet, fällt auf, dass sie ein bisschen stolz auf sich und ihr Gewicht ist. Aber auch eine gewisse Angst sieht man in ihren Augen. Ich weiß deshalb, dass diese Krankheit nicht nur entsetzliche Tiefen hat. Magersucht kann einem rauschartige Zustände verschaffen, richtige Glücksgefühle. Dabei lauert dahinter doch der Tod. Das ist meiner Freundin Gott sei Dank mittlerweile bewusst.

          Einmal ist Isabelle Caro ins Koma gefallen. „Ich hielt mich für irgendwie unsterblich, bis ich begriff, dass ich wirklich sterben könnte“, sagt sie in die Kamera und lacht. Isabelle hat versucht, durch ihren Bekanntheitsgrad Gutes zu bewirken und die Sensibilität für Anorexie zu stärken. Deshalb war sie bei einer Modenschau junger Modelanwärterinnen, bei einer Show wie der von Heidi Klum. Sie sollte Fragen beantworten und mit Rat und Tat zur Seite stehen. Ein Ernährungscoach wird den Models ebenfalls an die Seite gestellt. Er stellt Isabelle vor, lässt sie aber kein einziges Mal ausreden. In Wahrheit ist sie nur als Vorzeigeobjekt da, das die Quote in die Höhe treiben soll.

          Eine Welt voller Egoisten

          Eine Szene bringt mich besonders in Rage: Der vermeintliche Coach, der eigentlich für gesunde Ernährung und einen gesunden Körper stehen und den Magerwahn bekämpfen sollte, ausgerechnet dieser Coach misst mit einer Hautfaltenzange die Fettmasse eines dünnen Mädchens. Ihre Oberarme seien zu dick. Isabelle sitzt daneben und gibt kein Wort mehr von sich. Diese Scheinheiligkeit und Doppelmoral des Coaches, der eine Szene zuvor noch von der Wichtigkeit eines gesunden Körpers gesprochen hat, entlarvt das wahre Gesicht und die Gefahren der Modelwelt. Anorexie ist eine ansteckende Krankheit. Statt die Mädchen aufzuklären, werden ihnen ein scheinheiliger Ernährungscoach und eine hilflose Magersüchtige zur Seite gestellt.

          In einer anderen Szene zwingt ein RTL-Team Isabelle Caro, in Kleider zu schlüpfen, die ihr deutlich zu groß sind. Sie wird genötigt, ihre Knochen zu präsentieren. „Ich bin doch kein Zirkuspferd“, sagt sie später.

          Kiki Allgeier hat Szenen eingefangen, die zeigen, dass niemand jemals die Absicht hatte, Isabelle zu helfen. Es ging ausschließlich um Profit. Dieser Egoismus, der über Leichen geht, schockiert mich. Ohne mit der Wimper zu zucken, haben zahllose Geschäftstüchtige Isabelle immer weiter in die Krankheit getrieben. Hauptsache, es sprang was für sie raus.

          Isabelle Caro bleibt ein Mysterium für mich, allein schon deshalb, weil sie es geschafft hat, so lange gegen ihre Krankheit anzukämpfen, offenbar ganz allein, ohne Unterstützung. Ich bin als Jugendliche sehr berührt von diesem Film, denn er macht auf erschreckende Art und Weise klar, was mit einem fragilen Selbstwertgefühl in einer Welt voller Egoisten passieren kann. Am 17. November 2010 ist Isabelle Caro in Paris gestorben.

          Ich denke an meine Freundin. Besteht die Gefahr, dass es mit ihr auch so weit kommt? Wahrscheinlich nicht. Zu viele Menschen, auch sie selbst, wollen, dass sie gesund wird. Ich habe trotzdem Angst um sie.

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