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Iris Berben wird Siebzig : Die Frau vom anderen Stern

Wenn die Schauspielerin lange genug gut genug ist, wird sie erleben, dass Drehbuch und Regie ihr die Rollen passend zuschneiden: Iris Berben 1982. Bild: TEUTO

Facettenreiche Femme fatale: Auf der Leinwand verleiht Iris Berben vielen Frauentypen ein Gesicht. Die Schauspielerin und Königin des Deutschen Fernsehens feiert heute ihren siebzigsten Geburtstag.

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          Man möchte Iris Berben gewesen sein, wie sie in „Supergirl“ von Rudolf Thome in einem orangefarbenen Overall am Waldrand bei München steht und auf ein Auto wartet, das sie mitnimmt. Sie kommt vom dritten Planeten im Sternbild Alpha Centauri, und gleich der erste Fahrer verfällt ihr, so wie alle weiteren, die ihm folgen, bis sie irgendwann genug hat von der Erde und wieder ins Weltall entschwindet.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das war 1970, im gleichen Sommer, in dem sie auch mit Franco Nero und Fernando Rey für Sergio Corbuccis Italowestern „Lasst uns töten, Companeros“ vor der Kamera stand, in einer Zeit, deren jugendlicher Aufbruchsgeist uns heute fast unvorstellbar erscheint. Sie habe sich in die Filme hineinfallen lassen, hat Iris Berben später erzählt, und so ließen sich auch die Filme von Rudolf Thome und Klaus Lemke in ein Kino fallen, das seinem ökonomischen Niedergang mit ästhetischem Wagemut zu trotzen versuchte.

          Iris Berben, das aus drei Internaten geflogene Mädchen aus Hamburg, war neunzehn, als sie in Lemkes Terroristendrama „Brandstifter“ mit Margarethe von Trotta und in Thomes Krimikomödie „Detektive“ mit Uschi Obermaier vor der Kamera stand, sie sah hinreißend aus und sprach mit einer Stimme, die tatsächlich aus dem Weltraum zu kommen schien. Die Kamera liebte sie, und es schien nichts zu geben, was sie aufhalten konnte.

          Untergang des Deutschen Films trifft Berben

          Aber dann schlug die Wirklichkeit des Deutschen Films zu. Thome, Lemke und die anderen Exzentriker verloren den Kampf um die Fördertöpfe, und Fassbinder, Schlöndorff und Herzog, die neuen Platzhirsche im Kino, waren an Iris Berbens Magie nicht interessiert.

          Binnen weniger Jahre fand sich die Schauspielerin bei dem einzigen Arbeitgeber wieder, der in der Krise prosperierte, beim deutschen Fernsehen. 1977 trat sie in „Derrick“ auf, kurz darauf in „Der Alte“, und als Michael Pfleghar sie 1978 für seine Comedyserie „Zwei himmlische Töchter“ engagierte, hatte sie ihr Rollenformat, die Femme fatale mit Anflügen von Komik, gefunden.

          Oder besser: Das Format hatte sie gefunden. Denn die Fernsehindustrie entlässt niemanden aus seinem Stereotyp, es will das Immergleiche so oft und so lange wie möglich. Deshalb verkörpert Iris Berben seit vierzig Jahren junge, mittelalte und ältere bürgerliche Frauen mit Mord-, Geld- und Liebesgelüsten, verängstigte Anwältinnen, männerfressende Witwen, Geschäftsfrauen in der Midlife-Crisis.

          Sie spielt Iris-Berben-Rollen, und sie spielt sie so gut, dass das Fernsehen immer mehr Berben-Figuren gebiert, mit einer Regelmäßigkeit, die in jüngster Zeit etwas Lawinenartiges hat. Dass sie dabei immer wieder eigene Akzente zu setzen versucht, indem sie etwa dem Regisseur Carlo Rola („Das Geheimnis des gelben Geparden“) die Treue hält oder gelegentlich, zuletzt als Krebskranke in Dominik Grafs „Hanne“, gegen ihr Image anspielt, ändert nichts daran, dass der Bildschirm ihr Zuhause geworden ist.

          Die Serie „Rosa Roth“, in der sie ab 1994 einunddreißigmal unter Rolas Regie als Kommissarin zu sehen war, ist der Tribut, den ihr das Medium für diese Eingemeindung gezollt hat. Sie zeigt, dass die Frau, die Supergirl war, ein Thrillergesicht hat, ein Gesicht für den deutschen Alltagswahnsinn und die Farben der deutschen Nacht, ein Talent, auf dem man ein ganzes Genre gründen könnte, wenn es dieses Genre im deutschen Kino gäbe.

          Iris Berbens analytischer Karriereweg

          Sie sei „jemand, der analytisch mit seinem Leben umgeht“, hat Iris Berben vor zehn Jahren in einem Interview gesagt. Wenn man mit diesem Blick auf ihre Karriere schaut, kann man darin auch eine Geschichte der Filmkunst in Deutschland lesen. Denn Iris Berben hat es durchaus wieder mit dem Kino versucht, in den achtziger Jahren in „Schwarzfahrer“, in den Neunzigern in „Kondom des Grauens“ und „Bin ich schön?“, zuletzt in „Buddenbrooks“, „Anleitung zum Unglücklichsein“ und „Jugend ohne Gott“.

          Dabei hat sie nicht durchweg auf Sicherheit, sondern auch auf riskantere Projekte gesetzt wie Susanne Schneiders „Es kommt der Tag“ oder Sönke Wortmanns Hochschul-Abschlussfilm „Drei D“. Aber ein augenöffnendes Seherlebnis wie bei Lemke und Thome war nicht dabei. Das Kino ist zum filmischen Regelbetrieb und zum Beiboot des deutschen Fernsehens geworden, und Iris Berben ist Realistin genug, um zu wissen, wer in diesem Tandem den Hut aufhat.

          Seit der Wiedervereinigung ist Iris Berben durch ihr politisches und humanitäres Engagement zur moralischen Instanz und durch ihre Akademiepräsidentschaft bis 2019 zur Stimme der deutschen Filmbranche geworden. Der Star, der sie nicht werden konnte, hat sich zur öffentlichen Persönlichkeit weiterentwickelt, die Schulabbrecherin von damals bekommt jetzt Geburtstagspost vom Bundespräsidenten. Darin liegt, wie in allen offiziellen Ehrungen, auch eine Last, aber Iris Berben kann sie besser tragen als die allermeisten ihrer Kollegen. Heute wird sie siebzig Jahre alt.

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