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Iranisches Kino : Verbotene Liebesszenen im frommen Reptilienstaat

  • -Aktualisiert am

Dieses Bild gibt es gar nicht: Jafar Panâhis „In film nist“ von 2010 ist ein Film über das Nichtfilmendürfen und die Geduld einer Echse. Bild: dapd

Harte Urteile gegen die iranischen Filmemacher Panâhi, Rasoulof und andere zerstören Hoffnungen. Die Geschichte des Films in Iran aber ist insgesamt reicher und widersprüchlicher, als das Ausland weiß.

          7 Min.

          Unlängst sind zwei iranische Filmemacher, Dscha'far Panâhi und Mohammad Rasoulof, rechtskräftig zu Gefängnisstrafen verurteilt worden. Das Berufungsgericht hat sie wegen Handlungen gegen die Sicherheit des Staates und propagandistischer Aktivitäten gegen die öffentliche Ordnung schuldig gesprochen. Einige Jahre zuvor ist eine junge Schauspielerin, die in einem Hollywoodfilm als Partnerin von Leonardo DiCaprio aufgetreten war, ebenfalls verhaftet und misshandelt worden; sie sah sich gezwungen, das Land zu verlassen.

          Ein weiterer Fall, der sich erst kürzlich ereignet hat, betrifft eine andere Schauspielerin. Diese ist, weil sie in einem Film mitgespielt hat, der von den iranischen Kulturbehörden genehmigt worden war, zu einer Freiheitsstrafe und zusätzlich zu neunzig Peitschenhieben verurteilt worden. Die Kollegen dieser Schauspielerin haben in einem offenen Brief protestiert, weil der iranische Film mit seinen schwachen Schultern eine solche Strafe nicht tragen könne.

          In diesem Film pflegt eine junge Frau, deren Rolle von dieser Darstellerin gespielt wird, außereheliche Beziehungen zu einem jungen Mann, und sie gehen zusammen zu nächtlichen Partys, die außerhalb der Stadt stattfinden. Selbstverständlich sehen wir in diesem Film keine Liebesszene, auch die nächtlichen Partys laufen an einem dunklen Ort voller Zigarettenqualm ab, so dass nichts deutlich wahrzunehmen ist. Aber es gibt noch einen anderen Punkt: Diese Frau tritt ohne Kopftuch vor der Kamera auf, denn ihr Kopf ist vollständig kahl rasiert. Nach den Regeln der Scharia muss das Haupthaar verhüllt werden. Einen Kopf, der keine Haare hat, braucht man dagegen nicht zu bedecken.

          Der Regisseur dieses Films wirft in einem Interview die Frage auf, ob denn ein Schauspieler dafür haftbar gemacht werden könne, wenn in einem Film eine Straftat begangen werde. Andere Kollegen von ihr weisen darauf hin, dass die Welt des Films doch fiktiv sei und nicht wirklich.

          Der Regisseur Farhadi gewann mit seinem Film "Nader und Simin - Eine Trennung" den Goldenen Bären auf der Berlinale 2011. Als Filmemacher im Iran habe er ständig Angst, sagte er in einem Interview.
          Der Regisseur Farhadi gewann mit seinem Film "Nader und Simin - Eine Trennung" den Goldenen Bären auf der Berlinale 2011. Als Filmemacher im Iran habe er ständig Angst, sagte er in einem Interview. : Bild: dapd

          Alle stellen sich in gewisser Weise so, als ob sie nicht hörten, nicht sähen, nicht wüssten. In Iran haben alle gelernt, ihren Abscheu zu verbergen, ja sogar ihren Zorn. Alle fürchten sich davor, ihre Gedanken zu offenbaren. Alle haben inzwischen gelernt, sich in der Sprache der Führenden auszudrücken. Alle fragen einander mit gespieltem, ungläubigem, unschuldigem Erstaunen: "Warum eigentlich? Was ist denn los?" Niemand nennt, doch jeder kennt den wahren Grund.

          Aber die heißeste Nachricht auf diesem Gebiet ist dieser Tage die, dass ein im Auftrag der Regierung tätiger Regisseur, der Fernsehserien über das Leben der Heiligen herstellt, das iranische Filmschaffen unlängst als Bordell bezeichnet hat. In einem solchen Klima ist es möglich, dass gelegentlich sogar mittelmäßige iranische Filme wichtige internationale Preise erhalten. Sie sehen also, dass die Lage nicht ganz hoffnungslos ist. Dieses Vorgehen entspricht auch absolut einer gerechten weltweiten Verteilung.

          Die Hälfte der Filme stammen noch aus der Zeit des Schahs

          Was geschieht im iranischen Film? Spiegelt sich darin nicht ein größerer Skandal wider, in den ganz Iran involviert ist? Seit mehr oder weniger sieben Jahrzehnten gibt es eine blühende iranische Filmindustrie, etwa die Hälfte davon hat in der Zeit des Schahs stattgefunden. Sie ist nach der indischen die größte Asiens.

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