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Iranisches Kino : Nachrichten aus einer entstehenden Welt

Mohammad Rasoulofs Film „Gegenwind” vermittelt mediale Aufbruchsstimmung Bild: Verleih

Unter den gespannten Augen der Weltöffentlichkeit vollzieht sich in Iran derzeit eine mediale Revolte. Auf abenteuerlichen Wegen verschafft sich das Volk Zugang zu unzensierten Nachrichten. Mohammad Rasoulofs Dokumentarfilm „Gegenwind“ gewährt skurrile Einblicke.

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          Trotz der Schwierigkeiten, für sich, seine Frau und seine Tochter ein Visum zu bekommen, um Teheran für die Teilnahme am Senza-Frontiere-Without-Borders-Festival in Rom zu verlassen, und trotz der Situation und der sehr ungewissen Zukunft in seinem Heimatland wirkte der iranische Regisseur Mohammad Rasoulof außerordentlich entspannt. Er gab - da er keine andere Sprache spricht, in Farsi - ein unverblümtes Interview nach dem anderen, lächelte viel, kümmerte sich nicht um die Sorgen von Freunden, wie es wohl werden wird, wenn er wieder nach Hause fährt, und äußerte mit Nachdruck nur einen Wunsch: Cinecittà zu sehen.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Wir fuhren also hin. Die Festivaldirektorin Fiamma Arditi hatte eine private Führung organisiert, die uns zum Set von „Gangs of New York“, der Fernsehserie „Rom“, in ein vielfach eingesetztes U-Boot und durch die Straßen einer Assisi nachempfundenen mittelalterlichen Stadt geleitete. Das alles war beeindruckend lebens- beziehungsweise halbwegs geschichtsecht, aber es gibt halt kaum etwas Desillusionierendes als ein leeres Studiogelände, auf dem man nicht einmal fotografieren darf. Rasoulof wollte den Ort sehen, an dem sein großes Vorbild Fellini einst gearbeitet hatte. Aber es lag nichts Erhabenes über dem Besuch von dessen Wirkungsstätte, nur die große Hitze und das Gefühl, das Kino, wie es hier früher einmal entstanden ist, liege tatsächlich in ferner Vergangenheit.

          Kommunikation wider die Zensur

          Möglicherweise hat dieser Eindruck damit zu tun, dass beim Senza-Frontiere-Without-Borders-Filmfestival vor allem Filme gezeigt werden, die unmittelbar politisch sind, eingreifend, aufklärend, nur im Ausnahmefall ästhetisch avanciert und auf jeden Fall mit geringen Mitteln gedreht. Hallen, in denen die Komparsen sich umziehen, Lager für die Kostüme, Bauten in Originaldimension oder Regenmaschinen, wie sie in Cinecittà zu sehen sind, braucht keiner von ihnen. Ihre Regisseure müssen vielmehr schnell sein, gewitzt im Umgehen von Vorschriften und im Verhandeln mit Behörden, gut vernetzt in dem Gebiet, in dem sie drehen, anspruchslos in ihren persönlichen Belangen. Auch ihre Leidenschaft gehört dem Kino. Einem Kino, von dem sie immer noch erwarten, dass es verändert - wenn schon nicht die Welt, dann unser Bewusstsein von ihr. Vom Kino, das im Studio entsteht, träumen sie nur. Wenn sie arbeiten, sind sie hellwach.

          Rasoulof stellte in Rom seinen Film „Gegenwind“ vor, eine Dokumentation darüber, wie sich in Iran neue Kommunikationstechniken gegen die Zensur durchsetzen. Da geht es zunächst darum, wie auf dem Land in Dörfern, die gerade mal vor drei Jahren Elektrizität kennenlernten, Satellitenschüsseln auf die Hütten kommen, mit deren Hilfe Programme jenseits des staatlichen zu empfangen sind. Fernsehen ist dort, was es für uns längst nicht mehr ist: Aufklärungs-, Bildungsmedium, Überbringer von Wahrheiten, die das Regime nicht zulässt. In der Wüste sehen wir einen Mann, der sein Mobiltelefon mit einer Autobatterie lädt und für sein Fernsehgerät einen eigenen Generator hat. Rasoulof zeigt uns auch eine primitive Werkstatt, in der die Satellitenschüsseln hergestellt werden, in Handarbeit und unter großem Risiko. Kaum zu glauben, dass mit diesen wackligen Dingern der Anfang zur Befreiung einer Generation aus der Isolation gemacht war, die ihnen die Mullahs verordneten - wir wissen alle, was folgte, die DVDs internationaler Filme, Youtube, Videos, gedreht auf Mobiltelefonen. Rasoulof gab uns sozusagen die Geschichte der Verbreitung der technischen Voraussetzungen der Protestbewegung.

          Reise durch die Vergangenheit

          Da ist zum Beispiel der kleinwüchsige Typ, der DVDs aus aller Herren Ländern beschaffen kann, sie selbst synchronisiert und die Stellen herausschneidet, die ihm indezent vorkommen. Oder der Journalist, dessen Zeitung verboten wurde. Er betreibt einen Imbiss am Straßenrand und serviert zu jedem gerösteten Maiskolben eine Zeitung. Oder die junge Frau, die das Internet navigiert wie ihre Schwestern andernorts. Technik als Ermächtigung: Das war die Botschaft, und insofern lief Rasoulof in Cinecittà tatsächlich durch eine untergegangene Welt.

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