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Irak : Nieten für Bagdad

  • -Aktualisiert am

„Telephone FM“ auf Sendung. Seit einer Woche berichtet ein Privatradio mit öffentlichen Mitteln aus Berlin für den Irak - und das ist nicht die einzige Merkwürdigkeit.

          Auf einem Dachboden in der Auguststraße in Mitte geschieht Großes. Vergangene Woche ging dort ein Radio auf Sendung, das in Berlin für den Irak produziert wird. "Telephone FM" wird per Internet nach Bagdad überspielt und dort von einem UKW-Sender ausgestrahlt. Das Auswärtige Amt war von der Idee so begeistert, daß es den privaten Radiomachern 83000 Euro aus den Mitteln des "Dialogs mit dem Islam" überwies.

          Geheimnis um das Call-in-Radio

          Ausgedacht hat sich das Programm Klaas Glenewinkel, 33, Inhaber eines Internetübertragungsdienstes: "Ich erhielt letztes Jahr einen Anruf von einem Freund, der in Bagdad einen privaten Fernsehsender betreibt: Ich solle mal vorbeikommen." Das Ziel war zunächst vage, "etwas zu machen, was mit Medien zu tun hat". Aus der Begegnung mit jungen Irakern sei dann die Idee eines Call-in-Radios geboren worden, bei dem im Chaos der Nachkriegszeit per Telefongespräch individuelle Erfolgsgeschichten kolportiert und Experten zugeschaltet werden.

          Telephone FM wird in Berlin von drei irakischen Journalisten und einigen deutschen Kollegen produziert: neunzig Minuten täglich, fünfmal die Woche, die nachmittags auf der Frequenz des kommerziellen Senders Hot FM in Bagdad ausgestrahlt werden. Im Vorfeld gab es Irritationen und eine unerklärliche Geheimniskrämerei. Die irakischen Journalisten wurden vor der Öffentlichkeit abgeschirmt, was Glenewinkel mit der "Sicherheitslage im Irak" begründete: "Wir dürfen nicht unterschätzen, in welche Gefahr sich die Iraker begeben, nach Deutschland zu kommen und dann wieder in den Irak zu gehen. Das verlangt viel Mut." Fernsehbilder, Fotos oder die vollständige Namensnennung bedeuteten für sie nach ihrer Rückkehr ein unkalkulierbares Sicherheitsrisiko.

          Vorgeschobenes Argument?

          Erstaunlich allerdings, daß in der "Süddeutschen Zeitung" ein Artikel erschien, der die Namen nannte und sogar ein Foto von Nwar zeigte, dem stolzen Besitzer des angesagtesten Plattenladens von Bagdad und jetzigen Telephone-FM-Journalisten - ein Foto, das Glenewinkel selbst gemacht hat. Angeblich sollen die Iraker auf eigenen Wunsch nicht mit der Presse sprechen. Sie selbst haben sich allerdings schon anders geäußert.

          Warum können sich drei offensichtlich begabte junge Journalisten aus dem Irak, die gerade wegen ihres emanzipierten Charakters und ihrer Fähigkeit zur Artikulation ausgewählt worden sind, nicht öffentlich äußern? Sicherlich hätten sie manch spannende und lehrreiche Geschichte aus Bagdad zu erzählen, und ganz sicher wäre das auch ein Gewinn für Telephone FM. Das Argument des "Schutzes", so geben selbst wohlmeinende Förderer des Projekts zu, sei ein vorgeschobenes. Man solle die überlasteten Iraker erst einmal in Ruhe arbeiten lassen.

          Je weiter, desto besser

          Warum finanziert das Auswärtige Amt ein Privatradio, während die Deutsche Welle, die ebenfalls für Jugendliche im Irak sendet, jährlich mit immer weniger Geld auskommen muß? Warum hat das Auswärtige Amt, das sonst exzellent mit der Deutschen Welle zusammenarbeitet, nicht die zuständigen Stellen dort konsultiert? Bedarf es eines Privatradios, um in den Irak zu senden? Und wieso muß aus Berlin für Bagdad gesendet werden? Man habe ursprünglich aus Bagdad senden wollen, sagt Glenewinkel, und hoffe noch auf die Einrichtung eines Community Radios vor Ort. "Aber das Auswärtige Amt fand das zum jetzigen Zeitpunkt zu gefährlich."

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