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„Intime Science-Fiction“ : Die Gegenwelt antwortet liebevoll

Fernweh ist Heimweh für Leute, die sich in sich selbst verlaufen haben: Rhoda Williams (Brit Marling) und die zweite Erde Bild: 20th Century Fox

In Mike Cahills Film „Another Earth“ steht weithin sichtbar eine zweite Welt am Himmel. Vor großer Kulisse gelingt ihm die Inszenierung von Intimität im Kleinen.

          Rhoda Williams ist auf der Welt nicht mehr daheim. Die ehemalige Strafgefangene, jung genug, dass sie, wie man so sagt, das ganze Leben noch vor sich hat, begegnet im Supermarkt einem früheren Mitschüler. Der fragt nach ihrem Arbeitsplatz; sie nennt den Namen einer Schule. „Was unterrichtest du?“ „Nichts,“ gibt sie zu, „ich mache da sauber.“ „Das ist bestimmt therapeutisch wertvoll,“ witzelt der Trottel.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Rhoda möchte weg, kein Wunder. Am liebsten auf eine ganz andere Erde. Weil „Another Earth“ ein Science-Fiction-Film ist (wenn auch von sehr seltener Sorte, dazu gleich), gibt es die tatsächlich. Rhoda kann sie am Himmel sehen, anderthalb Personen hoch hängt sie überm Horizont. Im Fernsehen ist von nichts anderem mehr die Rede. Ein Start-up-Milliardär investiert Unsummen in die Vorbereitung einer Weltraumreise zur Zweitwelt. Rhoda bewirbt sich, aus persönlichstem Grund: Die Nacht, in der man das neue Gestirn entdeckte, war die schlimmste ihres Lebens. Fahrlässig hat Rhoda damals einen Autounfall verursacht, bei dem der Sohn, die schwangere Frau und das ungeborene Kind eines Komponisten ums Leben kamen.

          Endlich schlägt sie zurück

          Geschützt von amerikanischen Gesetzen, die verhindern, dass die Identität minderjähriger Straftäter der Öffentlichkeit bekannt wird, hat sie ihre Zeit abgesessen. Jetzt zieht sie ihre Wollmütze tief ins Gesicht. Ihre Blicke weichen denen der andern aus. Immer wieder zeigt der Film sie vor Spiegelflächen, zerkratzten, getrübten, verdunkelten. Brit Marlings in sich gekehrte, vor unterdrückter Kraft der Sehnsucht sacht bebende Darstellung dieser Figur regiert den ganzen Film (der Regisseur Mike Cahill teilt außerdem den Autorenvermerk fürs Drehbuch mit ihr, man wird Marlings Beitrag zum Gelingen des Ganzen nicht überschätzen können).

          Rhoda geht zum Haus des Witwers. Der hockt, katatonisch verriegelt, im Müll. Sie will beichten. Er hat keine Zeit dafür, weist sie eher zerstreut als verbittert ab. Sie greift zu einer List und gibt sich als Putzhilfe auf Probetour aus. Er lässt sie ein: Jemand muss bei ihm aufräumen, so viel ahnt er. Sie putzt, geht weg, kommt wieder, putzt weiter, legt schließlich den im Chaos versteckten Menschen frei. Sie spielen ein Computerspiel zusammen: Er boxt, sie lässt sich virtuell vermöbeln. Mike Cahill zeigt den Bildschirm nicht, wir sehen nur die beiden Kämpfenden und sind erleichtert, als Rhoda endlich zurückschlägt. Der Witwer findet wieder in seinen Kopf, in seinen Körper, in seine Musik. Rhoda gewinnt die Flugkarte zur anderen Welt. Sie will sich verabschieden. Der Witwer, der sich in sie verliebt hat, bittet sie zu bleiben. Sie sagt: „Ich muss dir eine Geschichte erzählen“.

          Eine höchst ungewöhnliche Beziehung verbindet sie miteinander: Rhoda (Brit Marling) und John (William Mapother)

          Zwei Schauspieler, die weniger zur wechselseitigen Auslieferung bereit gewesen wären als Brit Marling und William Mapother, dessen gramvergrabener Witwer nie auf billige Seelenrütteleffekte schielt, hätten es über diese Hürde nicht geschafft. Schon vorher ist der Film immer wieder vom Auseinanderfallen bedroht: Hält das wirklich zusammen, Albedo und Ekliptik der zweiten Erde einerseits, die Fliehkraft unerträglicher Erinnerungen und ein schuldschweres Herz andererseits? Das kosmisch Entrückte ist bei Cahill ins Kammerspiel eingekapselt.

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