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Gespräch mit Angelina Jolie : Frag mich was Leichteres

Gefragte Größe: Angelina Jolie bei einer Konferenz im Juni in London Bild: Reuters

Warum man mit Hollywood-Stars keine Interviews führen kann. Warum ich dachte, dass es bei Angelina Jolie anders wäre. Und wie es war, mit ihr über ihren neuen Film „Unbroken“ zu reden.

          Es gibt gute Gründe, keine Interviews mit global berühmten Menschen aus der Unterhaltungsindustrie zu führen. Die Vorbereitung ist zeitraubend, oft unwürdig und nicht immer erfolgreich, es müssen Themenkomplexe, über die gesprochen werden soll, dargelegt und Arbeitsproben eingereicht werden. Wer Glück hat, wird für ein Gespräch nominiert, sollte die umworbene Berühmtheit überhaupt Einzelgespräche führen, um schließlich, wenn alles glatt gelaufen ist, irgendwann in einem Luxushotel im Flur einer Suite zu sitzen und auf seinen Aufruf zu warten.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Man ist aufgefordert, mindestens eine halbe Stunde vor dem Termin, der seinerseits höchstens zwanzig Minuten dauern wird, aufzutauchen, und da sich die Dinge meistens verzögern, sitzt man herum, trinkt lauwarmen Kaffee oder lauwarmes Wasser und beobachtet die flüsternden PR-Assistenten, die meistens Assistentinnen sind und sehr streng. Die Unterschrift unter das Embargo-Abkommen zum Erscheinungstermin des Interviews ist längst geleistet, die Zeit wird lang, und das Gespräch selbst gibt schließlich in der Regel gar nichts her, was man nicht schon vorher wusste. Arbeitsproben – Nominierung – Zuschlag – Embargo! Wer das ein paarmal mitgemacht hat, die Pompösität des Ganzen bei minimalem Ertrag, lässt es sein. So wie ich.

          Mit ihren Fans bei der Premiere von „Unbroken“ Mitte November in Sydney Bilderstrecke

          In hinteren Gedächtniskammern bleibt verborgen, warum ich dachte, bei einem Gespräch mit Angelina Jolie würde das alles anders sein. Ausgerechnet mit Angelina Jolie.

          Es begann im vergangenen März. Ich hatte von „Unbroken“ gehört, ihrem Film, der nächste Woche in unsere Kinos kommt. Ich hatte auch gehört, sie sei während der Dreharbeiten in Australien in ihrer Eigenschaft als UN-Botschafterin über ein Wochenende in ein Flüchtlingslager nach Syrien geflogen, was dafür sprach, wie engagiert sie an ihre humanitären Aufgaben herangeht.

          Zwanzig Minuten allein mit Frau Jolie

          Da ihr erster Film als Regisseurin, „In the Land of Milk and Honey“, von Gewalt gegen Frauen im Bosnien-Krieg erzählte und „Unbroken“ anhand der Lebensgeschichte von Louie Zamperini, einem Olympioniken und Bomberpiloten im Zweiten Weltkrieg, von Gewalt gegen Männer, wollte ich mit ihr über Gewalterfahrungen reden. Darüber, wie sie sich im Kino vermitteln, ob es da Unterschiede gebe, je nachdem, ob die Opfer Männer oder Frauen seien, und wie sich ihre Sicht auf fiktive Gewalt durch die Konfrontation mit realer Grausamkeit verändert habe.

          Mit solchen Sachen im Kopf phantasierte ich mir ein interessantes Treffen mit Angelina Jolie zusammen und bewarb mich beim Studio Universal in Los Angeles um ein Interview. Schickte Arbeitsproben. Wurde nach Deutschland verwiesen. Erklärte wieder, was ich wollte. Schickte weitere Arbeitsproben. Und hörte kaum ein halbes Jahr später, also Mitte Oktober, ich sei im Rahmen eines kleinen Junkets, wie diese Interviewtage in Luxushotels heißen, nominiert worden, zwanzig Minuten allein mit Frau Jolie zu sprechen.

          Da ahnte ich, es wird wieder alles wie immer. Doch ich ließ die Sache laufen. Inzwischen hatte Angelina Jolie in London einen Kongress gegen sexuelle Gewalt im Krieg mitorganisiert, und insgeheim hoffte ich bei einem Treffen noch auf etwas, das einem Gespräch ähnlich wäre. Und so saß ich irgendwann im November im Flur einer Suite eines Luxushotels und wartete auf meinen Aufruf. Unterschrieb eine Sperrfrist-Vereinbarung, die nun ausgelaufen ist. Rückte auf einen Stuhl direkt vor Angelina Jolies Zimmertür vor. Wurde dreimal ermahnt, einzig zu „Unbroken“ zu fragen (obwohl das gegen die Verabredung war, ihr humanitäres Engagement mindestens gleichberechtigt zum Film zu behandeln), sonst bräche Frau Jolie das Interview sofort ab. Überlegte kurz, unter diesen Umständen gleich anderen Interessen nachzugehen, blieb aber sitzen.

          Endlich ging die Tür auf. Und der Kollege eines Wochenmagazins, der die zwanzig Minuten vor mir mit Frau Jolie verbracht hatte, stolperte heraus, drehte sich noch einmal zu ihr um und zückte sein Handy: „May I?“ Er grinste und machte ein Selfie mit der berühmtesten Frau der Welt an seiner Seite.

          Ich hatte das noch nie gesehen. Dass ein Kollege seinem Fantum am Ende eines Interviews freien Lauf lässt. Ich wollte damit nichts zu tun haben und dachte wieder: nichts wie weg. Stattdessen schüttelte ich Frau Jolie die Hand, setzte mich ihr gegenüber an einen Couchtisch und sagte: „Wow. Ein Selfie. Das erlauben Sie.“ Sie sagte nichts.

          Filmvorführung am Totenbett

          Angelina Jolie war dann sehr freundlich. Leise. Konzentriert sprach sie ohne jede Abweichung weg von der Werbung für ihren Film jene Sätze, die ich ungefähr so bereits in den sehr ausführlichen production notes gelesen hatte. Wie tief sie von der Lebensgeschichte des Louie Zamperini, den sie in „Unbroken“ mit Jack O’Connell besetzte, berührt gewesen sei; dass er ein Vorbild an Überlebenswillen und Glaube an sich selbst und Vergebung sein sollte mit seiner Lebensgeschichte – aufsässiges Kind wird Langstreckenläufer, der bei Olympia in Berlin 1936 Achter wird, kämpft im Luftkrieg, stürzt ab, überlebt 41 Tage mit erst zwei, dann nur noch einem anderen auf einem Schlauchboot im Pazifik, wird gerettet, aber von den Falschen, und verbringt die Jahre bis zum Kriegsende in einem japanischen Kriegsgefangenenlager unter einem sadistischen Kommandanten. Das muss einer erst einmal aushalten. Später die posttraumatische Störung hinter sich lassen. Zamperini fuhr irgendwann nach Japan und vergab seinen Peinigern. Und wurde dann älter als neunzig, erlebte, wie das Buch mit seiner Lebensgeschichte ein Bestseller wurde, der schließlich von der Frau, die mir gerade gegenübersitzt und im Zwanzig-Minuten-Takt dieselben Dinge sagt, verfilmt wird. Zamperini hat das noch erlebt, Frau Jolie hat ihm auf dem Totenbett ihren Film im Rohschnitt gezeigt, all das weiß ich längst, und die Fotos dazu kenne ich auch.

          Zur Frage der Gewaltdarstellung sagt Frau Jolie, sie bemühe sich, das Publikum nicht zu verschrecken, und lasse die grausamsten Handlungen jenseits des Bildausschnitts stattfinden: „Die schrecklichsten Bilder entstehen im Kopf.“ Das ist kurioserweise die Voraussetzung für eine Teenager-Freigabe des Films ab dreizehn (in den Vereinigten Staaten). Und der Darsteller des sadistischen Kommandanten Watanabe, der japanische Rockstar Miyavi, sei ein derart friedliebender Mensch, dass er sich am Set mehrfach aus Ekel vor den Taten seiner Figur erbrochen habe.

          Von der Unvorstellbarkeit, Angelina Jolie zu sein

          Das alles war erwartbar, vorgeschrieben, längst gesagt. Auch über die Strapazen der Dreharbeiten für die Darsteller gab es keine Neuigkeiten: „Sie sagten, das mindeste, was wir tun können, um diese Geschichte zu erzählen, ist, ein bisschen zu leiden“ für all das tatsächliche Leid, das den Figuren, die sie spielen, zugestoßen ist. „Sie haben sich nie beklagt.“

          Würde sie vielleicht zur Frage, wie es Frauen in Hollywood ergeht, etwas sagen? „Ich neige nicht dazu, mich den Dingen aus der Geschlechterperspektive zu nähern“, antwortet sie. Und da Frauen seit langem in Kriegen kämpften und ganz herausragende Kämpferinnen seien, gebe es keinen Grund, den Kriegsfilm als ein Männer-Genre anzusehen. Und dass sie, bewaffnet mit Charts, Entwürfen, Drehbuchideen, um diesen Film kämpfen musste, obwohl sie Angelina Jolie ist, das findet sie richtig, einsichtig und normal. Zwanzig Minuten schienen mir plötzlich eine sehr lange Zeit.

          Ich wollte sie in dem Gespräch, das ich mir ein gutes halbes Jahr zuvor vorgestellt hatte, gar nicht hereinlegen. Ich wollte nur etwas anderes von ihr hören, etwas, das einem lebendigen Austausch nahe käme. Keinesfalls ein Selfie. Nur einen unerwarteten Satz. Oder eine Antwort auf jene Frage, die ich nicht stellte: „How does it feel, all of it?“

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