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Interview : Sind Sie ein Weltverbesserer, Herr Washington?

  • Aktualisiert am

Denzel Washington ist der erste schwarze Schauspieler, der zwei Oscars gewonnen hat. Andreas Kilb traf ihn in Hamburg und sprach mit ihm über seinen neuen Film, große Rollen und Lautsprache.

          5 Min.

          Denzel Washington ist der erste schwarze Schauspieler, der zwei Oscars gewonnen hat. In seinem neuen Film „Déjà Vu“, der nächste Woche in die Kinos kommt, steigt er in eine Zeitmaschine, um ein Attentat zu verhindern und eine schöne Frau zu retten. Andreas Kilb traf ihn im Hamburger Luxushotel „Vier Jahreszeiten“. Denzel Washington trägt Jeans und Sweatshirt und trinkt stilles Wasser. Er wirkt unruhig. Hat er seine Weihnachtseinkäufe etwa noch nicht erledigt?

          Wir haben fünfundzwanzig Minuten. Schade, daß wir die Zeit nicht anschließend zurückdrehen und noch mal von vorn anfangen können.

          Kein Déjà-vu, was?

          Vielleicht wären Sie der bessere Interviewer. Sie haben einen Bachelor-Abschluß in Journalismus.

          In Theaterwissenschaft. Aber ich habe zuerst Journalismus studiert.

          Haben Sie Interviews gemacht?

          Nicht, seit ich auf dem College war.

          Wen haben Sie interviewt?

          Ich erinnere mich nicht mehr. Ich glaube, wir haben über die Stadtverwaltung geschrieben, Sitzungen des Stadtrats, solche Sachen.

          Ich sah Sie zuerst 1984 in „A Soldier's Story“, der bei uns „Sergeant Waters“ hieß . . .

          „Sergeant Waters“? Verrückt.

          Sie waren natürlich nicht Sergeant Waters, sondern Peterson.

          Private Peterson.

          Genau. Und von da an war es ein konsequenter Weg zu ihren Rollen als Steve Biko in „Cry Freedom“, als Soldat Trip in „Glory“, schließlich als Malcolm X. Lauter Freiheitskämpfer, lauter engagierte Rollen. Danach sind Sie dann ein richtiger Hollywoodstar geworden. Die Freiheitskämpfer sind jetzt eher selten.

          Na ja, ich habe ein paar historische Figuren gespielt . . .

          . . . wie den Boxer Hurricane Carter.

          Genau. Auch „Remember the Titans“, in dem ich den Trainer der Highschool-Footballmannschaft spiele, beruht auf einer wahren Geschichte. Und dann habe ich Regie bei einem Film nach einer wahren Geschichte geführt, „Antwone Fisher“.

          Geht Ihnen „Malcolm X“ noch nach?

          Wenn man mit Spike arbeitet, wie schon in dem ersten Film, „Mo' Better Blues“ - wie hieß der denn in Deutschland?

          „Mo' Better Blues“.

          Sie haben den Titel gelassen! Gut. Also, als ich zum ersten Mal mit Spike arbeitete, war es wie eine Befreiung. Das ging in „Glory“ weiter, als ich anfing, mehr zu improvisieren, eigene Sachen hinzuzufügen. Das habe ich auch in „Malcolm X“ gemacht: Reden erfunden, Dialoge . . . Wie war noch die Frage?

          Haben Sie sich noch einmal in einer Rolle so verausgabt wie in „Malcolm X“?

          Na, hoffentlich in allen, die ich seitdem gespielt habe. Ich denke, die Filme gehören den Leuten. Ich habe keinen Lieblingsfilm. Das sollen die Zuschauer entscheiden. Ich sortiere die Filme nicht, ich sage nicht, der hat mein Leben verändert, der war bloß Routine. Man lernt bei allen Filmen irgend etwas.

          Sie bereiten sich intensiv auf Ihre Rollen vor.FRAGE: Für „Déjà Vu“ haben Sie sich von einem Spezialisten des U.S. Bureau of Alcohol, Tobacco and Firearms ausbilden lassen, dem ATF, das für Bombenanschläge in den Vereinigten Staaten zuständig ist. Und für die Rolle des zu Unrecht verurteilten Boxers in „Hurricane“ haben Sie mit dem Boxen angefangen.

          Ich habe sogar schon vorher geboxt. Und ich boxe immer noch. Nächste Woche bin ich wieder im Fitnessstudio in Los Angeles. Ich liebe Boxen. Wissen Sie, wann ich damit angefangen habe? Das war für „Crimson Tide“. Da gibt es diese Szene, in der ich gegen einen punching bag schlagen mußte - oder wie nennt ihr das hier?

          Punching bag. Oder Sandsack.

          Nein, ich meine, wie hieß der Film bei euch?

          Wie bei Ihnen: „Crimson Tide“. Gefällt es Ihnen, auf der Leinwand den Helden zu spielen?

          Ja, das gefällt mir. Die Recherche gefällt mir. Tony (Scott, der Regisseur von „Déjà Vu“, d. Red.) und ich haben das gemeinsam. Man lernt ungeheuer viel, man bekommt neue Zugänge zu der Figur, zum Drehbuch. In „Déjà Vu“ oder wie immer die Franzosen das aussprechen . . .

          Dee-scha wü.

          Ja, wü, genau. Was wollte ich sagen? Ach ja, der Film. Als ich mit Jerry Rudden, dem Experten vom ATF, am Drehbuch arbeitete, hat er mir gesagt, daß er immer eine Zahnbürste bei sich trägt. Am Tatort bekommt er oft keinen Schlaf, also hält er sich wach, indem er Zähne putzt. Das habe ich in den Film reingenommen: In einer Szene putze ich mir die Zähne. Jerry hat mir gezeigt, wie man nach Sprengstoffspuren sucht. Für „Inside Man“ habe ich mit FBI-Leuten trainiert.

          Und wie haben Sie sich auf „John Q“ vorbereitet, den Film, in dem Sie einen Mann spielen, der die Ärzte eines Krankenhauses als Geiseln nimmt, um eine Herztransplantation für seinen Sohn zu erzwingen?

          Ich ging in einer Fabrik arbeiten! Ich machte genau den Job, den ich im Film mache.

          Wie schaffen Sie das, sich als Hollywood-Superstar unters normale Volk zu mischen?

          Es läuft immer gleich: Am ersten Tag kommen sie alle zu dir, sind aufgeregt, wollen dir die Hand schütteln. Am nächsten Tag heißt es schon, komm her, nimm das, erledige das. Die Leute gewöhnen sich schnell daran.

          Ist es für Sie ein Lustgewinn, in die Normalität einzutauchen?

          Es gehört zu meinem Beruf. Als ich „Die Akte“ drehte, ging ich in die Redaktion der „Washington Post“. Ich lief mit den Top-Journalisten herum, Bob Woodward und ein paar anderen. Das ist das Tolle an meinem Job: Du lebst viele verschiedene Leben.

          Welches andere Leben würden Sie denn gerne noch leben? Vielleicht das des Präsidenten der Vereinigten Staaten?

          Oh, ich weiß nicht. Vielleicht. Ich lasse mich gern von einem Skript überraschen. Ich mag es, mich hinzusetzen und von einer Geschichte mitnehmen zu lassen. Selbst Stoffe zu entwickeln liegt mir weniger. Sobald eine Story fertig ist, hast du die Nase voll davon.

          Welche Geschichte möchten Sie denn gern erzählen?

          Ich habe die Rechte an einer Biographie von Sammy Davis jr. gekauft, die ich vielleicht produziere, bei der ich womöglich sogar Regie führe. Aber ich werde in dem Film nicht mitspielen. Ich kann nicht Sammy Davis jr. sein. Ich kann weder singen noch tanzen.

          Eine Ihrer größten Rollen ist die des korrupten Polizisten Alonzo in „Training Day“. Sie machen ihn so sympathisch, daß man eine halbe Stunde braucht, um zu merken, daß er der Bösewicht in der Geschichte ist. Wie bekommen Sie das hin, diese Ambivalenz?

          Ich spiele einfach die Rolle. Es gibt keine Good-guy- und Bad-guy-Technik. Niemand ist ausschließlich gut oder böse. Er war Ihnen also sympathisch, Alonzo?

          Eine Zeitlang, ja.

          Dieser Kerl war schrecklich!

          Er war ungefähr so, wie man sich einen Cop in Los Angeles vorstellt.

          Das sagen Sie.

          Welche Rolle spielt die Rassenfrage für Sie? Als „Die Akte“ ins Kino kam, hieß es, Sie hätten Julia Roberts nicht küssen wollen, weil Sie nicht in einer gemischtrassigen Liebesgeschichte mitspielen wollten.

          Das stimmt schon mal nicht.

          Und dann, ein Jahr später, weigerten Sie sich bei den Dreharbeiten zu dem Film „Virtuosity“, die Hauptdarstellerin Kelly Lynch zu küssen, weil Sie das Publikum nicht verschrecken wollten, auf das der Film abzielte.

          Das ist auch nicht wahr.

          Es steht im Internet, in Wikipedia.

          Können Sie das ändern?

          Jedenfalls sind Sie eine Ikone der schwarzen Amerikaner im Kino. Mit Ihren Rollen kämpfe Sie doch auch für Gleichberechtigung zwischen Schwarzen und Weißen, oder nicht?

          Nein.

          Wirklich nicht?

          Ich mache nur, was mir gefällt. Als ich das Buch über Sammy Davis jr. las, dachte ich nicht: Er ist schwarz, wie toll. Ich mochte einfach das Buch.

          Sie sind der erste schwarze Schauspieler, der einen Oscar sowohl für die beste Haupt- als auch für die beste Nebenrolle gewonnen hat. Hat sich die Lage für die Schwarzen in Hollywood im Lauf Ihrer Karriere gebessert?

          Seit ich angefangen habe, ist sicher manches besser geworden. Es gibt mehr Auswahl bei den Rollen. Aber bis zur Gleichberechtigung ist es noch ein weiter Weg.

          Ist das auch Ihnen zu verdanken?

          Mir? Es ist ganz vielen zu verdanken. All den Leuten, die vor mir kamen, nicht nur Sidney Poitier, sondern all den anderen, die niemand kennt, die nichts gewonnen haben, die nie ihre große Chance bekamen.

          Wie war es, „Déjà Vu“ in New Orleans zu drehen, nach dem Hurrikan „Katrina“? Es waren ja wohl vor allem Arme und Schwarze, die unter der Katastrophe zu leiden hatten.

          War das so?

          So sah es im Fernsehen aus.

          Wir fingen erst sieben Monate danach mit dem Drehen an. Es war sehr traurig, überall die Zerstörungen, das Elend. Sie können sich das kaum vorstellen.

          Erregt ein solcher Anblick in Ihnen nicht das Bedürfnis, über Ihre Rollen hinaus politisch aktiv zu werden?

          Wissen Sie, alles, was ich tue, ist ein Statement für die schwarze Community. Vielleicht spreche ich nur nicht so oft darüber. Jedenfalls nicht in Interviews.

          Möchten Sie nicht gern die Welt verbessern, wie manche der Figuren, die Sie spielen?

          Man will ein Vorbild sein, sicher. Aber das ändert sich mit jedem neuen Film. In meinem nächsten Film beispielsweise, „American Gangster“, spiele ich den größten Drogendealer in der Geschichte Amerikas.

          Wie haben Sie dafür recherchiert?

          Ich hatte den Mann selbst neben mir am Set. Franc Lucas. Das Original. Der Film ist seine Geschichte.

          „American Gangster“ ist ein Film von Ridley Scott. Vor zwei Jahren sollte das gleiche Projekt von Antoine Fuqua verfilmt werden, aber der Film kam nicht zustande. Aufgrund einer Vertragsklausel bekamen Sie angeblich dennoch Ihre Gage - zwanzig Millionen Dollar. Stimmt das?

          Das müssen Sie selbst recherchieren!

          Sie geben viel Geld für gemeinnützige Zwecke aus, Stiftungen, Schulen. In Texas haben Sie eine große Summe für ein Hotel gespendet, in dem Soldatenfamilien wohnen, die ihre verwundeten Angehörigen besuchen. Verlangen Sie so viele Millionen für Ihre Filmrollen, um noch wohltätiger sein zu können?

          Über meine Privatangelegenheiten rede ich nicht. Ich tue einfach, was ich tue.

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