https://www.faz.net/-gqz-ai3rs

Jane Campion im Gespräch : Wenn das Gras zu grün ist

  • -Aktualisiert am

Die neuseeländische Regisseurin Jane Campion Bild: AP

Für „The Piano" wurde ihr als erster Frau in Cannes eine Goldene Palme verliehen, für „The Power of the Dog“ unlängst in Venedig ein Silberner Löwe. Ein Gespräch mit der Regisseurin Jane Campion.

          6 Min.

          Sie war lange Zeit die einzige Frau, der eine Goldene Palme in Cannes verliehen wurde. Und erst die zweite, die je für einen Regie-Oscar nominiert wurde. Mit „The Piano“ wurde Jane Campion 1993 weltbekannt. Nach dem romantischen Drama „Bright Star“ 2009 zog die Neuseeländerin sich von der Leinwand zurück und inszenierte in zwölf Jahren nur die TV-Miniserie „Top of the Lake“. Bis sie, die Western so liebt, „The Power of the Dog“ von Thomas Savage entdeckte. Auf dem Festival in Venedig präsentierte die 67-Jährige ihre Verfilmung und gewann den Silbernen Löwen für die beste Regie.

          Sie haben dem Kinofilm mehr als zehn Jahre lang den Rücken gekehrt. Hatten Sie das Kino aufgegeben?

          Nein, aber ich brauchte diese Pause. Vielleicht gab sie mir die Gelegenheit, mich wieder neu ins Kino zu verlieben. In der Tat habe ich mein Langzeit-Sabbatical sehr genossen. In dieser Zeit habe ich „nur“ die Serie „Top of the Lake“ realisiert und genoss diese Gemeinschaftsarbeit, mal zwölf Stunden am Stück mit Kollegen am Skript zu schreiben und auch im Team Regie zu führen. Das tat mir gut. Aber mehr und mehr vermisste ich das Kino. Ich sehnte mich nach diesem klassischen Format, in der man eine fesselnde Geschichte in zwei Stunden erzählt, geradlinig und reduziert.

          Jane Campion mit dem Produzenten Phil Jones am Set von „The Power of the Dog“
          Jane Campion mit dem Produzenten Phil Jones am Set von „The Power of the Dog“ : Bild: Picture Alliance / Everett Collection / Netflix

          Wann kam der Punkt, dass Sie nach zwölf Jahren unbedingt diesen Stoff verfilmen wollten?

          Mir gefällt die romantische Vorstellung, dass es einen Moment der Erleuchtung gibt. Aber so funktioniert es nicht. So ein Projekt bedeutet eine wahnsinnig große Verpflichtung: Wenn ich mich für einen Film entscheide, gebe ich alles. Ich bin dann zwanghaft und obsessiv. Dann ist dieser Film mein Leben. Also ringe ich lange mit mir, bevor ich zusage und unterschreibe, auch hier. Aber ich hatte für mich das Buch von Thomas Savage entdeckt, und es hat mich verfolgt. So was kann man nicht entscheiden – es passiert einfach.

          Bis zu „The Power of the Dog“ hatten Sie noch nie einen Film mit einer männlichen Hauptfigur gedreht.

          Auch das ist vor allem meiner Faszination für Thomas Savages unglaubliche Romanfigur geschuldet. Für mich ist Phil Burbank eine der ganz großen Figuren der amerikanischen Literatur: Er ist wahnsinnig kompliziert, aber gerade das macht ihn faszinierend. Er berührt einen, hinter seiner Grausamkeit erahnt man eine immense Verletzlichkeit. Anfangs dominiert er seinen Bruder, aber sobald der sich von ihm entfernt, fühlt er sich kolossal einsam. Diese Dynamik fesselte mich. Erst hielt ich ihn auch für einen gemeinen Mistkerl, ein Hardcore-Arschloch, der seine neue Schwägerin quält. Aber nach dem Hass entdeckte ich meine Liebe für Phil, ich entwickelte ein tiefes Mitgefühl für ihn. Es fühlte sich gut an, ihn nicht zu verurteilen, sondern sich nur auf ihn einzulassen.

          Mussten und durften Sie für das Drehbuch neue Aspekte dazuerfinden? Was war Ihnen bei der Adaption heilig, was haben Sie im Vergleich zur Vorlage verändert?

          Die Geschichte musste ich nicht verändern, die ist fantastisch. Aber wenn ich aus einer literarischen Vorlage einen Film mache, muss ich meine eigene Annäherung finden. Ich darf nicht zu loyal sein, selbst wenn ich so schwer ins Buch verliebt bin wie hier. Ich spüre zwar Verantwortung gegenüber dem Original, möchte aber die Geschichte nicht uninspiriert kopieren, sondern eine andere Perspektive zu sehen bekommen.

          War Ihre Verliebtheit in Savages Roman nicht nur ein coup de foudre, sondern trug gleich Anzeichen einer ernsthaften Langzeitbeziehung?

          Es passierten schon kleine Wunder: Ich traf mich mit Roger Frappier, der die Rechte zu diesem Buch besaß, mal in Cannes, um als Fans über das Buch zu reden – mir bedeutete es zu dem Zeitpunkt schon so viel. Wir hatten einen wunderbaren Abend, und beim Abschied bot mir Roger spontan seine Rechte an. So was ist mir in meiner Karriere noch nie passiert! Dann sprach ich meine Wunsch-Produzentin Tanya Seghatchian auf das mögliche Projekt an – und sie kannte und liebte das Buch auch. Also ging das Recherchieren los, ich habe viele Bilder aus dieser Ära gesichtet und versank dann schon rettungslos in Hingabe!

          Sie wirken immer sehr souverän. Wie nervös sind Sie bei Drehstart?

          Oh, das ist Fake. Ich mache allen etwas vor. Ich sehe zu, dass meine Nervosität aussieht wie Entschlossenheit. Natürlich bin ich extrem nervös und dazu noch aufgeregt, gespannt, begeistert. Die Phase mit den größten Ängsten ist die der Pre-Production. Da kann wahnsinnig viel schiefgehen – und alles passiert gleichzeitig, die großen Fragen: Für welche Schauspieler entscheide ich mich? Reicht das Budget, um in angemessenem Umfang zu filmen? Wie baue ich eine riesige Farm? Wird sich ein Kompromiss auf die Glaubwürdigkeit der Story niederschlagen?

          Was lief diesmal schief?

          Vor allem das Wetter. Es war eine Katastrophe! In den Szenen, die im Frühling spielen sollten, gab es plötzlich Schneeschauer. Als die Ranch gebaut wurde, war es so eiskalt, dass man es draußen kaum aushalten konnte. Das Gras war zu grün für diese Jahreszeit. Zum Glück hatte ich ein tolles Team im Rücken, das immer Lösungen fand. Das Gras wurde mit Kokosöl bestrichen, bis es gelb aussah. Diese ganzen Probleme schwirren einem rund um die Uhr im Kopf herum. Man ist voller Sorgen, wenn man die Regie für so ein großes Projekt übernimmt. Wenn es dann losgeht, kann man recht schnell, Tag für Tag, die Szenen abdrehen. Und mit jedem Tag wird’s etwas einfacher.

          Leidet und duldet viel: Kirsten Dunst in „The Power of the Dog“
          Leidet und duldet viel: Kirsten Dunst in „The Power of the Dog“ : Bild: AP

          Was hat es mit dem ungewöhnlichen Titel von Roman und Film auf sich?

          Ich habe bei der ersten Führung auf der Farm scherzhaft gefragt, wo denn der Hund sei, den Savage dort angeblich in der Landschaft sah. Der Biograph hat gleich abgewinkt, er meinte, das sei nur eine Mär, er würde die Frage aber öfter hören. Beim Wegfahren drehte ich mich noch mal um und sah die Felsformation aus einem anderen Winkel. Und plötzlich war er da, der Hund, mit etwas Fantasie sieht man in der Formation der Felsen tatsächlich einen Hund sitzen. In dem Moment dachte ich: „Das ist der Willkommenskuss von Savage. Er zeigt mir den Hund – ich habe also seinen Segen für meinen Film.“

          Warum verlangte es Sie so sehr nach diesem Segen?

          Savage ist mein Guru, mein Kompass, und sein Segen war mir wichtig. Ich habe mich schon gefragt, wie er es finden würde, wenn diese sehr maskulinitätserforschende Geschichte aus dem amerikanischen Westen von einer neuseeländischen Frau verfilmt wird, die nur mal als Teenager ein Pferd besessen hat.

          Warum fühlten Sie sich zu dieser doch sehr bösen Figur Phil Burbank so hingezogen?

          „Böse“ ist ein großes Wort. Mit so einem Vorurteil im Kopf nimmt man sich jede Chance, jemanden wirklich kennenzulernen. Ich wollte diesen schwierigen Charakter erforschen. Man kann sagen, dass er grausam ist. Ein gemeiner Sack. Aber hinter seinem dominanten Auftreten stecken Verletzlichkeit und Unsicherheit. Er hat das Gefühl, ständig bedroht zu sein oder sich selbst zu verraten, wenn er zu viel trinkt.

          Fanden Sie die homoerotische Spannung bereits im Roman vor?

          Ja, allerdings nicht explizit. Das Buch wurde 1967 geschrieben, als Homosexualität noch weitläufig kriminalisiert wurde. Das Thema steht also im Raum, wird aber nicht angesprochen, was die Sache zusätzlich mystifiziert und ihr größere dramaturgische Kraft gibt. Das Nichtgesagte wird wichtiger als das Gesagte. Ein Geheimnis gibt einer Geschichte immer noch mehr Energie.

          Wollten Sie auf der Leinwand das Versteckspiel und die subtile Zweideutigkeit bewusst weiterführen? Sie porträtieren Leidenschaft so diffus, als leichte Stimmung von Begehren, als Aura in der Luft – wie gelingt das?

          Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich eine hoffnungslose Romantikerin bin – wie Phil. Die schlimmsten Romantiker sind ja die, die es am wenigsten zur Schau tragen. Meine Hauptfigur ist seltsam. Phil ist in der Öffentlichkeit ein Macho, hat aber auch weibliche Züge, wenn er sorgsam den Schrein seines Idols Bronco Henry pflegt und immer für brennende Kerzen sorgt. Aber dann trägt er das Halstuch seines Cowboy-Idols immer in seiner Unterwäsche. Das ist wohl Savages sehr intime Reminiszenz an Erotik – oder es war Benedicts Idee.

          Dieser naturverbundene Wahnsinnige kennt sogar den Unterschied zwischen „Lasso“ und „Lariat“: Phil (Benedict Cumberbatch) in der Wildnis
          Dieser naturverbundene Wahnsinnige kennt sogar den Unterschied zwischen „Lasso“ und „Lariat“: Phil (Benedict Cumberbatch) in der Wildnis : Bild: AP

          Benedict Cumberbatch als hinreißend gemeiner und doch gebrochener Macho-Cowboy musste wohl ein hartes Programm für Sie absolvieren.

          Ja, er verbrachte mehrere Monate auf einer Ranch in Montana zum Cowboy-Training: Er lernte, wie man richtig gut reitet, Hufeisen schmiedet, Seile flicht, Knoten bindet, mit Vieh umgeht und es mit dem Lasso einfängt. Außerdem musste er Banjo spielen lernen, pfeifen und sich den Akzent von Montana antrainieren. Diese Rolle war also gleich eine mehrschichtige Herausforderung. Benedict ist ein begnadeter Schauspieler und lernt schnell. Ich hatte Glück, dass er so eine hohe Arbeitsmoral und viel Ehrgeiz mitbrachte.

          Sie haben den Weg für viele Ihrer Geschlechtsgenossinnen geebnet. Müssen Sie sich jetzt daran gewöhnen, dass Sie nach 27 Jahren nicht mehr die einzige Frau mit einer Goldenen Palme sind, nachdem Julia Ducournau mit „Titane“ auch eine gewonnen hat?

          Fragen Sie, ob ich traurig darüber bin? Ganz sicher nicht! Das war schon so lange überfällig, dass es eigentlich nur noch peinlich ist. Daran sieht man, wie viel Ungerechtigkeit noch immer im System steckt. Viele ziehen daraus abstruse Schlüsse, zum Beispiel, dass Frauen nicht gut genug im Regiefach sind. Das ist lächerlich. Aber jetzt stehen wir wohl tatsächlich vor einem Umbruch.

          Sie scheinen selbst verwundert zu sein. 2020 gewann Chloé Zhao als fünfte Frau einen Goldenen Löwen, beim Oscar 2021 waren sogar zwei Frauen in der Kategorie „Beste Regie“ vertreten.

          Für mich fühlen sich diese heftigen seismischen Kräfte in der Branche so an wie der Fall der Berliner Mauer. Oder das Ende der Apartheid. Das ist eine echte Wende, und sie ist nicht mehr rückgängig zu machen. Nach MeToo ist nichts mehr wie zuvor. Immer mehr Frauen stellen ihre Stärke in Film und Fernsehen unter Beweis. Das freut mich zutiefst.

          Wissen war nie wertvoller

          Lesen Sie jetzt F+ 30 Tage kostenlos und erhalten Sie Zugriff auf alle Artikel auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Was das betrifft, waren Sie immer ein Vorbild.

          Und auch viele Frauen vor mir, denken Sie nur an Lina Wertmüller oder Liliana Cavani. Ich versuche nicht zu viel über meine Vorbildfunktion nachzudenken. Ich mache keine Politik, sondern liebe einfach nur meine Arbeit. Natürlich gibt es auch viele männliche Talente. Aber Frauen bekommen noch immer nicht die Aufmerksamkeit, die ihnen eigentlich zusteht.

          „The Power of the Dog“ läuft seit Donnerstag in den Kinos und ist ab dem 1. Dezember auch bei Netflix zu sehen.

          Weitere Themen

          Pariser Obelisk wird restauriert Video-Seite öffnen

          Place de la Concorde : Pariser Obelisk wird restauriert

          Anlass der Reinigung des Monuments ist der 200. Jahrestag der Entzifferung der Hieroglyphenschrift durch Jean-François Champollion. Das eine Million Euro teure Vorhaben wird zu einem Großteil durch das deutsche Unternehmen Kärcher finanziert.

          Topmeldungen

          Der Schauspieler Hardy Krüger ist tot.

          In Kalifornien : Schauspieler Hardy Krüger ist gestorben

          Der Schauspieler starb am Mittwoch plötzlich und unerwartet im Alter von 93 Jahren in Kalifornien. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Krüger einer der wenigen deutschen Schauspieler, denen eine internationale Karriere gelang.
          Präsident Joe Biden mit Vizepräsidentin Kamala Harris am 11. Januar in Atlanta, Georgia

          Ein Jahr Joe Biden : Nicht Trump sein reicht nicht

          Als Joe Biden vor einem Jahr sein Amt antrat, kündigte er große Reformen an, um die Vereinigten Staaten zu heilen. Aber das Regieren fällt dem amerikanischen Präsidenten schwer.
          Vom Smartphone in die Cloud: Und dann?

          Verwaltung von Bildern : Fotofinish in der Cloud

          Mancher kommt auf mehrere Hundert Gigabyte. Die Bildersammlung wächst und wächst. Alles in der Cloud zu speichern, kann sinnvoll sein. Aber es gibt viele Fragen.