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Interview : Quentin Tarantino: „Faule Regisseure machen mich krank“

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. . . Sie machen besser auch die Ohren zu (lacht). "Kill Bill" ist mein erster richtiger Actionfilm, und ich wollte auch den Ton so intensiv wie möglich haben, aber nicht so, wie in den großen Hollywoodfilmen. Der Sound von "Terminator 3" beispielsweise ist sehr gut, aber ich halte es eher mit der alten Schule, ich liebe so krude Musikschnitte wie in alten Kung-Fu-Filmen. Viele Regisseure sehen sich ja ihren Film nach der Premiere nie wieder an, weil sie es nicht ertragen, ihn unter schlechteren als optimalen Bedingungen zu sehen. Ich bin in Kinos groß geworden, wo weit weniger als optimale Bedingungen herrschten. Ich hatte keine Ahnung, wie beschissen die Tonanlage war. Die Filme waren trotzdem gut. Ich bin da nicht so empfindlich. Selbst im allerbesten Kino sollte der allerbeste Sound bei der Erfahrung des Films nicht mehr als zusätzliche fünf Prozent ausmachen. Ich habe Kung-Fu-Filme in Raubkopien der fünften oder sechsten Generation gesehen, sie klangen beschissen, es sah manchmal aus wie im Aquarium, und es war immer noch ein cooler Film, der meine Welt erschütterte. Aber davon abgesehen, arbeite ich mit den besten Tontechnikern in der Branche.

Für computergenerierte Spezialeffekte, wie sie in den großen erfolgreichen Hollywoodproduktionen dominieren, haben Sie aber wenig übrig, hört man. Warum?

Ich sehe durchaus, was sie bewirken können. Als ich "Titanic" sah, hat es mich umgehauen. Auch bei der Flugzeugszene in "Fight Club" oder bei manchen Dingen in "Terminator 3". Aber die sind ja auch rausgegangen, haben haarsträubende Actionszenen gedreht und dann computergenerierte Bilder hinzugefügt, weil alles andere lebensgefährlich gewesen wäre. Aber sie sind eben rausgegangen und haben die Kameras laufen lassen. Was mich wirklich krank macht, sind Regisseure, die zu faul sind. Ich sehe Szenen, die im Computer gemacht werden, die man früher einfach im wirklichen Leben gemacht hat. Wenn Larry Fishburne in "Matrix Reloaded" auf dem Lastwagen kämpft - ich bin übrigens ein großer Fan von "The Matrix" -, ist das nicht wirklich. Oder wenn sie auf dem Freeway in die Gegenrichtung fahren. Zur Hölle, das hat man in Filmen wie "Leben und Sterben in L.A." wirklich gemacht, ohne Bilder aus dem Computer. Warum soll ich dann von diesem ganzen Computer-Bullshit beeindruckt sein? Ich hatte bei "Kill Bill" ein klares Motto: Wenn wir es nicht in der Kamera machen können, können wir es gar nicht machen.

Seit Ang Lees "Tiger & Drachen" gibt es in fast allen großen Actionfilmen von "Matrix Reloaded" bis "Drei Engel für Charlie 2" gewaltige Schwertkämpferballette, am liebsten noch mit weiblichen Heldinnen. Haben Sie keine Sorge, daß das Publikum dieser Einlagen inzwischen ein wenig müde ist?

Was ist falsch an Girl Power? Es ist ja auch nur ein Umgehen der Konventionen in der westlichen Kinotradition. Wenn man nach Asien schaut, ist die Figur nicht so sehr der Heldin als der Rächerin eine vertraute Größe. Und "Kill Bill" ist zuallererst ein Rachefilm. Gut, Uma Thurman ist sehr sympathisch, aber zugleich ist sie monströs, sie ist auf einer selbstmörderischen Mission, man soll auch ein bißchen Angst vor ihr haben. Aber ich sehe meinen Film gar nicht in Konkurrenz zu anderen. "Kill Bill" steht auf ganz eigenen Füßen. Ich mochte "Tiger & Dragon" mit der Zeit und hatte Spaß beim ersten Teil von "Drei Engel für Charlie", den zweiten habe ich nicht gesehen. Ich habe auch jede Menge Schlachtszenen in den letzten Jahren gesehen. Sie kamen mir überraschend blutleer vor, als ob es auf nichts ankommt. Die beiden neuen "Star Wars"-Filme haben diese gewaltigen Schlachtszenen - aber wer kämpft denn da? Roboter! Man hat das ganze Gemetzel, aber es ist sicher, es ist ein Gemetzel für Jugendliche in Begleitung von Erziehungsberechtigten. Selbst im zweiten Teil von "Der Herr der Ringe" ist das so. Ich muß dazu sagen: Was Peter Jackson da macht, ist eines der ehrgeizigsten und erfolgreichsten Unternehmungen der Kinogeschichte. Ich war dennoch von der Schlachtszene in "Die zwei Türme" enttäuscht. Was passiert? Da kämpfen Skelette in Lumpen, nichts bedeutet etwas. Dasselbe in "Fluch der Karibik": lauter Skelette, die da kämpfen. Auch in "Matrix Relaoded" blutet keiner, es sind alles nur Computerchips. In meinem Film, da wird, kawusch, ein Arm abgehackt, das Blut spritzt. Ich glaube, selbst das prüdeste Publikum sieht, daß es um etwas geht, so verrückt es auch sein mag.

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