https://www.faz.net/-gqz-7411l

Interview mit Sam Mendes : Denn wir wussten ja, was wir tun

  • Aktualisiert am

Bond hat einem ja immer das Gefühl vermittelt, man bekomme was von der Welt zu sehen. Ich wollte es spezifischer haben, ich wollte Drehorte finden, die zu seiner Stimmung und zu der Geschichte passten. Schanghai zum Beispiel haben wir gewählt, weil es ein fremdes, futuristisches Ambiente ist, riesige Straßenwüsten, kaum Menschen sind nachts unterwegs. Es ist Bonds erster Einsatz nach seinem vermeintlichen Tod, er weiß nicht, ob er es noch mal packen wird, er sollte in einer Umgebung isoliert sein, sich unbehaglich fühlen. Anfangs in Istanbul ist es noch hell, mediterran, das entspricht Bond - und dann ändert sich alles. Natürlich braucht man für all das einen so großartigen Kameramann wie Roger Deakins. Mir hat am meisten gefallen, wie er London zeigt in dieser Kombination von Regenwetter, Untergrund der Kanalisation, den Zeichen von Verfall, das hat beinahe etwas von Filmen wie „Der dritte Mann“.

Macau wirkt hingegen wie ein Anflug von Nostalgie, das ist die alte Bond-Welt, in der es noch Casinos, Martinis und schöne Frauen gibt.

Auch das passte zu seinem Zustand. Für mich war der Moment, in dem er sich rasiert und dann im Smoking dasteht, wie eine Wiedergeburt und eine Erinnerung an den alten Bond. Und die Komodowarane dort sollen ein wenig an „Leben und sterben lassen“ erinnern, wenn Roger Moore über die Rücken der Krokodile flieht. Macau ist gewissermaßen die komprimierte Bond-Nostalgie.

Einen Ort wie das alte „Skyfall“-Haus in den schottischen Highlands hat man in einem Bond-Film auch noch nicht gesehen.

Es markiert einen weiteren Umschwung. Der dritte Akt setzt ein, wenn Bond in den alten Aston Martin von 1964 steigt. Es ist eine Reise ins Gestern. Im Übrigen gibt es auch in den letzten Bond-Romanen von Ian Fleming sehr dunkle Passagen über Bond, die in den Filmen wie „Der Mann mit dem goldenen Colt“ nie zum Vorschein gekommen sind, weil sie zu düster waren. Er ist zynisch, voller Selbsthass, depressiv. Auch der Tod seiner Eltern kommt dort vor, das war bislang im Kino noch nicht Thema. Daniel Craig kann all das schultern, die Action wie die Verletzbarkeit.

Beim Blick zurück ist auch der ödipale Touch nicht zu übersehen.

Wir haben ja gewusst, was wir tun, wenn Silva sagt: „Mami war sehr böse.“ Selbst den Figuren ist die Ironie bewusst. Es hat großen Spaß gemacht, M. als M für Mutter zu lesen. Und es ist bezeichnend, dass „Mutter“ ihren beiden „Söhnen“ nichts, aber auch gar nichts gibt.

Die Kehrseite des Ganzen aber ist: Bond ist sterblich geworden, die Superman-Aura ist fort.

Klar, das schafft gewisse Probleme. Daniel Craig weiß auch, dass man mit 55 keinen Bond mehr spielen kann. Er sagt sich: Mal sehen, was passiert, wenn der Charakter altert.

Es gab ja auch schon vor Daniel Craig so etwas wie eine Lizenz zur Selbstreferenz in den Filmen. Das fiel meist lustig und harmlos aus, in „Skyfall“ ist das ungleich schmerzhafter!

Man kann einen leichten Ton anschlagen und dem Publikum signalisieren, dass schon alles gut werden wird, es ist eben ein Bond-Film; das kann aber auch schief gehen. Meine Herausforderung lag darin: Wie kann ich mit dem Bond-Motiv spielen ohne diesen augenzwinkernden Gestus, alles sei schon okay? Dazu gehört vor allem Timing, denn das beste Gelächter setzt ein, wenn sich eine große Spannung gelöst hat. Das ist wie Ein- und Ausatmen, der Film holt tief Luft, Spannung baut sich auf, man hält die Luft an, und dann ein erleichtertes Ausatmen. Mit der Bond-Figur ist das möglich, bei anderen ist es schwierig. Ich bin ein großer Bewunderer von dem, was Christopher Nolan mit „Batman“ gemacht hat, aber seine Filme sind rücksichtslos ernst.

Ihre Balance würde sicher auch nicht funktionieren ohne Javier Bardem in der Rolle des Bösen, der in aller Gefährlichkeit auch gezielt überreißt!

Er hat das unglaublich gut angelegt, immer lächelnd, nie brüllend, ohne Schnarren, Zischen und Toben. Er lacht auch mehr als alle Bond-Schurken.

Es geht ja auch längst nicht mehr darum, die Welt zu retten, sondern nur noch den britischen Geheimdienst.

Die Rettung der Welt war ja immer der Vorwand, die Action noch größer, lauter, schneller, blutiger zu machen, aber wenn man Story und Action als nicht trennbar versteht, wird der Film insgesamt flüssiger, und die Story ist nicht bloß dazu da, die Pausen zwischen den Action-Sequenzen zu überbrücken. Weltrettung im Stile von „Ich habe eine Atombombe in meiner Aktentasche“, das hat sich mit Mike Myers und „Austin Powers“ erledigt.

Weitere Themen

Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

Jugend, ein Spiel

Filmregisseur Whit Stillman : Jugend, ein Spiel

Whit Stillman hat so elegante und menschenfreundliche Filme wie „Metropolitan“, „The Last Days of Disco“ oder „Love & Friendship“ inszeniert. Heute wird er siebzig Jahre alt. Ein Glückwunsch.

Topmeldungen