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Interview mit Emily Atef : „Mich reizen existenzielle Geschichten“

„Ich arbeite nicht mit Frauen“, sagte eine Redakteurin einmal zu ihr: Emily Atef setzt sich trotzdem durch. Bild: AFP

Von Emily Atef gibt es gerade zwei scheinbar ganz unterschiedliche Filme zu sehen: Im Kino steht Romy Schneider im Zentrum, im Fernsehen ein junger Islamist. Für die Regisseurin geht es jeweils ums Ganze.

          Frau Atef, Sie sind in West-Berlin als Tochter einer Französin und eines Iraners geboren, in Los Angeles zur Schule gegangen, haben ihre Jugend in Frankreich verbracht und in London als Schauspielerin gearbeitet. Warum sind Sie nach Berlin zurückgekehrt und in Deutschland Regisseurin geworden?

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ich hatte eine ganz tolle Kindheit in Berlin, von dieser Zeit ist mir immer eine Nostalgie geblieben. Wenn ich irgendwo Deutsch hörte, musste ich mich umdrehen, die Anziehung war ungebrochen. Der Kontakt zu Berlin riss für mich nie ab. Nach der Schauspielschule in Frankreich habe ich in London gearbeitet und die Stadt als sehr rauh erlebt. Außerdem merkte ich: Die Schauspielerei ist nicht meins. Ich fing an, kleine Filme zu machen, und fühlte gleich: Das ist es. Eine Freundin war damals an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin und sagte: Komm doch her, das ist eine richtig gute Schule. Erst dachte ich: Noch einmal Schule, ich weiß nicht. Ich war schon 27 Jahre alt. Gegangen bin ich vor allem, weil ich wieder nach Berlin wollte. Die Schule war ein Glücksfall für mich. Ich habe alles aufgesaugt. Rausgekommen bin ich mit zwei Spielfilmen, „Molly’s Way“ und „Das Fremde in mir“, meinem Abschlussfilm.

          Die Filme wurden mit Preisen überhäuft, „Das Fremde in mir“ lief bei den Festspielen in Cannes; sie hatten offenbar den richtigen Weg eingeschlagen. Woher rührt Ihre Faszination für den Film?

          Ich komme nicht aus einer Künstlerfamilie, aber meine Mutter war kunstaffin, das hat uns geprägt. Mein Bruder, Cyril Atef, der in Paris lebt, ist Schlagzeuger. Er hat unter anderem die Musik zu „Macht euch keine Sorgen“ gemacht.

          Ihr Film „3 Tage in Quiberon“, der am Donnerstag in die Kinos kommt, fiktionalisiert das Interview, das der „Stern“-Journalist Michael Jürgs 1981 in der Bretagne mit Romy Schneider führte. Heute läuft im Ersten Ihr Fernsehfilm „Macht Euch keine Sorgen“, der von der Suche eines Vaters nach seinem zum IS in Syrien gegangenen Sohn erzählt. Davor haben Sie ein Familiendrama, die Geschichte eines todessehnsüchtigen Jugendlichen, einer depressiven Mutter und einer Adoption verfilmt. Liegen Ihnen Familiengeschichten, die Konzentration auf kleine Ensembles und knappe Zeiträume?

          Mich reizen existentielle Geschichten, und den Mikrokosmos Familie finde ich extrem spannend. Fast alle unsere Probleme wurzeln schließlich in unserer Kindheit und unserer Familie.

          Romy Schneider ist dafür wohl auch ein Beispiel. Wie ist der Stoff für den Film zu Ihnen gekommen?

          Durch den französischen Produzenten Denis Poncet, der leider 2014 während der Arbeiten am Film gestorben ist. Er war mit Marie Bäumer befreundet und sagte ihr immer: Du siehst Romy Schneider so ähnlich, du klingst fast wie sie, wenn du Französisch sprichst, du musst sie spielen. Aber an einem Biopic war sie nie interessiert. Poncet stieß auf ein Buch mit Fotos, die Robert Lebeck in Quiberon geschossen hat, als das Interview entstand – und die Idee für den Film war da. Es konnte aber kein französischer Film werden: deutsches Interview, deutsche Protagonisten. Also machten sich die beiden auf die Suche nach einem deutschen Regisseur und fragten mich.

          Wollten Sie „3 Tage in Quiberon“ gleich in schwarzweiß drehen?

          Das entwickelte sich im Laufe der Recherche. Ich habe mit Michael Jürgs gesprochen und mit der Freundin von Romy Schneider, die damals dabei war und im Film durch die fiktive Hilde ersetzt wird, ich habe im Hotel in Quiberon alte Mitarbeiter getroffen, die Romy erlebt hatten. Von Lebecks Schwarzweißfotos kannte ich nur wenige aus dem Internet. Dann haben mir seine Frau und er das gesamte Material anvertraut: 580 Bilder. Sie haben mir ein Gefühl für die Räume, Personen und die Stimmung vermittelt. Ich musste mich wieder von diesem Material lösen, ich wollte keinen Dokumentarfilm machen. Aber die Bildvorstellung blieb schwarzweiß.

          Der Journalist Michael Jürgs kommt in Ihrem Film nicht gut weg.

          Ich habe ihn zum Antagonisten gemacht. Er steht für die deutsche Presse, die nur Sissi haben wollte, nicht die französische Schauspielerin. Mir war wichtig, dass „Quiberon“ nicht nur von Romy Schneider handelt, sondern vier Perspektiven von vier Figuren zeigt. Jürgs macht die größte Wandlung durch: vom rücksichtslosen Journalisten, der um jeden Preis seine Story haben will, zu einem Mann, dem das Gespräch nachgeht. Hilde schaut ein wenig mit meinem Blick auf die Sache, auf eine Freundin, die nicht geschützt werden will und auch furchtbar anstrengend war.

          Emily Atef mit Romy-Darstellerin Marie Bäumer

          Sie zeigen Romy Schneider nicht als Opfer.

          Sie war eine intelligente, impulsive Frau, und sie wusste um ihre Wirkung. Am Ende hatte sie Jürgs in der Hand. Aber sie gibt trotzdem praktisch das gesamte Interview frei.

          In dem sie unglaubliche Sachen sagte.

          Sie sagt: Ich bin fertig, ich habe kein Geld mehr, ich kann mich selbst nicht mehr sehen, mein Leben hätte viel besser sein können.

          Was haben Sie durch Ihren Film über Romy Schneider gelernt?

          Ich wollte ja nichts Neues herausfinden. Der Film ist meine Version einer Geschichte, die ich aus Bildern, Interviews und Erzählungen zusammengesetzt habe. Eine Inspirationen war „Last Days“ von Gus van Sant, die fiktionale Annäherung an die letzten Tage von Kurt Cobain, der im Film nicht einmal so heißt. Picasso sagt: Kunst ist eine Lüge, die wahrhaftiger ist als die Wahrheit. Daran glaube ich. Aber was ich vielleicht gelernt habe ist, wie man ein Leben kaputtmachen kann, indem man ein Kind wie eine Erwachsene arbeiten lässt und öffentlich auf ein Podest stellt. Heute gibt es strengere Regeln für Kinderschauspieler, aber schauen Sie die Jugendlichen auf Instagram, Facebook und Youtube an, diese Sucht nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. Der Film ist gar nicht so historisch, wie man denken könnte, sondern sehr gegenwärtig.

          Gegenwärtig ist auch „Macht Euch keine Sorgen“. Was hat Sie dazu bewogen, diesen Film zu machen?

          Als ich das Buch von Kathi Liers und Jana Simon las, habe ich gleich intensiv mit dem Vater, der im Film von Jörg Schüttauf gespielt wird, empfunden. Das Thema war auch so drängend. Es herrscht immer noch Krieg in Syrien, und in Europa sind wir umgeben von der Angst vor islamistischen Anschlägen.

          Junge Männer und Frauen aus dem Westen, die sich dem IS anschließen, davon handelt unter anderem auch die BBC-Serie „The State“, die ihren Protagonisten in den Dschihad folgt und schonungslose Grausamkeit zeigt. Warum nimmt Ihr Film eine andere Perspektive ein?

          Ich habe viele Filme über das Thema gesehen, immer aus der Perspektive der jungen Leute. Aber die Perspektive der Eltern hat mich interessiert, ihre Hilflosigkeit vor allem. Sie versuchen zu verstehen, was passiert ist. Sie wussten, dass ihr Sohn zum Islam konvertiert ist und immer ein bisschen extremer wurde, aber der neue Glaube schien ihm zunächst gutzutun, er hörte auf zu kiffen, er legte Wert auf Familienleben, er war höflich und hilfsbereit.

          Dann schleichen sich irritierende Veränderungen ein. Der Sohn leckt den Teller ab mit der Begründung, der Prophet habe keinen Krümel übrig gelassen.

          Ja, da denken die anderen, das geht jetzt ein bisschen weit, aber Radikalisierung geschieht so schleichend, die Eltern merken nichts. Das große Thema des Films ist Kommunikation: wie wichtig es ist, im Gespräch zu bleiben. Die Eltern haben einen Jungen unter ihrem Dach, der gar nicht mehr wirklich da ist, sondern im Mahlwerk einer Manipulationsmaschinerie steckt, die Gehirnwäsche der schlimmsten Art betreibt.

          Auch der Imam verweigert das Gespräch: Er weist alle Verantwortung von sich. Das Unbehagen und die Angst bleiben bis zum Schluss.

          Der Schluss ist offen. Auch offen für ein mögliches Gespräch. Mir geht es auch um das Gespräch in der Gesellschaft. Wenn wir es mit Rückkehrern zu tun bekommen, die beim IS gemordet und vergewaltigt haben, müssen sie vor Gericht gestellt und bestraft werden. Aber Jungs wie den im Film, der nur im Aufnahmelager war und nach einem Riesenfehler heimkehrt, muss man intensiv betreuen, ins Gespräch ziehen, um sie wirklich zurückzuholen.

          Auf der Berlinale ging „3 Tage in Quiberon“ zwar leer aus, aber sie gehen als Favoritin ins Rennen um die Deutschen Filmpreise. Was braucht es, um als Frau im deutschen Filmgeschäft Erfolg zu haben?

          Viereinhalb Jahre habe ich nicht Regie geführt, dabei wollte ich gerne für das Fernsehen arbeiten, aber ich wurde nicht engagiert – junge Regisseure mit ähnlichem Hintergrund wie ich dagegen sehr wohl. Ein „Polizeiruf“-Exposé, das ich mit meiner Koautorin Esther Bernstorff geschrieben hatte, wurde von einer ARD-Redakteurin abgelehnt mit der Begründung: Ich arbeite nicht mit Frauen. Das würde heute wohl nicht mehr passieren, aber wir brauchen die Quote, sonst kommen wir nicht voran.

          Was empfinden Sie als spezifisch deutsch am deutschen Film?

          Dass man einen Fernsehsender braucht, wenn man einen Kinofilm drehen will, um an Fördermittel zu kommen. Ich bin glücklich, wenn ein Sender mich finanziell unterstützen und den Film im Fernsehen zeigen will, aber der Sender will natürlich Einfluss auf den Film nehmen, damit er im Fernsehen Quote bringt. Aber das Kino hat eine andere Erzählstruktur. Was glauben Sie, was ich für Gespräche führen musste, um schwarzweiß für „Quiberon“ zu vermitteln – für das Fernsehen ist das der Horror. Aber vielleicht ist es gar kein Horror. Schwarz-weiß ist auch auf dem großen Bildschirm im Wohnzimmer wunderschön.

          Das Gespräch führte Ursula Scheer.

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