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Interview mit Emily Atef : „Mich reizen existenzielle Geschichten“

Junge Männer und Frauen aus dem Westen, die sich dem IS anschließen, davon handelt unter anderem auch die BBC-Serie „The State“, die ihren Protagonisten in den Dschihad folgt und schonungslose Grausamkeit zeigt. Warum nimmt Ihr Film eine andere Perspektive ein?

Ich habe viele Filme über das Thema gesehen, immer aus der Perspektive der jungen Leute. Aber die Perspektive der Eltern hat mich interessiert, ihre Hilflosigkeit vor allem. Sie versuchen zu verstehen, was passiert ist. Sie wussten, dass ihr Sohn zum Islam konvertiert ist und immer ein bisschen extremer wurde, aber der neue Glaube schien ihm zunächst gutzutun, er hörte auf zu kiffen, er legte Wert auf Familienleben, er war höflich und hilfsbereit.

Dann schleichen sich irritierende Veränderungen ein. Der Sohn leckt den Teller ab mit der Begründung, der Prophet habe keinen Krümel übrig gelassen.

Ja, da denken die anderen, das geht jetzt ein bisschen weit, aber Radikalisierung geschieht so schleichend, die Eltern merken nichts. Das große Thema des Films ist Kommunikation: wie wichtig es ist, im Gespräch zu bleiben. Die Eltern haben einen Jungen unter ihrem Dach, der gar nicht mehr wirklich da ist, sondern im Mahlwerk einer Manipulationsmaschinerie steckt, die Gehirnwäsche der schlimmsten Art betreibt.

Auch der Imam verweigert das Gespräch: Er weist alle Verantwortung von sich. Das Unbehagen und die Angst bleiben bis zum Schluss.

Der Schluss ist offen. Auch offen für ein mögliches Gespräch. Mir geht es auch um das Gespräch in der Gesellschaft. Wenn wir es mit Rückkehrern zu tun bekommen, die beim IS gemordet und vergewaltigt haben, müssen sie vor Gericht gestellt und bestraft werden. Aber Jungs wie den im Film, der nur im Aufnahmelager war und nach einem Riesenfehler heimkehrt, muss man intensiv betreuen, ins Gespräch ziehen, um sie wirklich zurückzuholen.

Auf der Berlinale ging „3 Tage in Quiberon“ zwar leer aus, aber sie gehen als Favoritin ins Rennen um die Deutschen Filmpreise. Was braucht es, um als Frau im deutschen Filmgeschäft Erfolg zu haben?

Viereinhalb Jahre habe ich nicht Regie geführt, dabei wollte ich gerne für das Fernsehen arbeiten, aber ich wurde nicht engagiert – junge Regisseure mit ähnlichem Hintergrund wie ich dagegen sehr wohl. Ein „Polizeiruf“-Exposé, das ich mit meiner Koautorin Esther Bernstorff geschrieben hatte, wurde von einer ARD-Redakteurin abgelehnt mit der Begründung: Ich arbeite nicht mit Frauen. Das würde heute wohl nicht mehr passieren, aber wir brauchen die Quote, sonst kommen wir nicht voran.

Was empfinden Sie als spezifisch deutsch am deutschen Film?

Dass man einen Fernsehsender braucht, wenn man einen Kinofilm drehen will, um an Fördermittel zu kommen. Ich bin glücklich, wenn ein Sender mich finanziell unterstützen und den Film im Fernsehen zeigen will, aber der Sender will natürlich Einfluss auf den Film nehmen, damit er im Fernsehen Quote bringt. Aber das Kino hat eine andere Erzählstruktur. Was glauben Sie, was ich für Gespräche führen musste, um schwarzweiß für „Quiberon“ zu vermitteln – für das Fernsehen ist das der Horror. Aber vielleicht ist es gar kein Horror. Schwarz-weiß ist auch auf dem großen Bildschirm im Wohnzimmer wunderschön.

Das Gespräch führte Ursula Scheer.

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