https://www.faz.net/-gqz-8edoj

Interview mit Oscar-Gewinner : Eine primitive Art des Widerstands

  • -Aktualisiert am

László Nemes mit seinem Oscar für den besten fremdsprachigen Film Bild: dpa

Der ungarische Regisseur László Nemes, der gerade den Oscar für den besten ausländischen Film gewann, spricht im Interview über seine gewagte Idee, in „Son of Saul“ aus Sicht eines einzelnen Auschwitz-Häftlings zu erzählen.

          6 Min.

          Ihr Film „Son of Saul“ spielt im KZ und ist aus Sicht eines Häftlings erzählt, eines Mitglieds des Sonderkommandos, das dafür sorgen musste, dass die Vergasung reibungslos funktionierte. Die Kamera ist ihm immer auf den Fersen, beobachtet alles über seine Schulter hinweg – wenn sie nicht sein Gesicht filmt. Wie kamen Sie auf diese Idee?

          Ich habe mich gefragt, wie es gelingen kann, den Zuschauer dichter ans Geschehen ranzuholen, als dass er immer nur auf die Handlung achtet. Und irgendwann fiel mir auf, dass über den Holocaust im Film noch nie so erzählt worden war. Also aus Sicht eines Einzelnen, ganz dicht am Protagonisten. Der Einzelne ging immer im Kollektiv unter. Das Kino versucht normalerweise immer, eine Distanz zu liefern, und eine Erleichterung, die das Kino einem bieten kann, ist es, verschiedene Sichtweisen einzunehmen. Die Möglichkeit dieser Erleichterung wollte ich dem Zuschauer nehmen. Wenn man immer bei einem Menschen bleibt, bei einem Gesicht, lässt sich darüber, was es bedeutet hat, während des Holocausts ein Mensch zu sein, etwas Tiefes und Emotionales kommunizieren.

          Der Mann, dessen Gesicht die absolute Hauptrolle spielt, Ihr Saul, ist kein Schauspieler. Er heißt Géza Röhrig, er ist wie Sie Ungar. Wie haben Sie ihn gefunden, beziehungsweise warum haben Sie ihn ausgesucht?

          Er hat in den Neunzigern schon in kleineren ungarischen Filmen gespielt, dann ging er nach New York, wo er als Lyriker und Schriftsteller lebt. Dort haben wir uns auch kennengelernt. Er brachte die richtige Energie mit. Auf irgendeine Weise scheint er die Narben des 20.Jahrhunderts zu verkörpern, irgendwie trägt er den Schmerz dieses Jahrhunderts in sich. Er ist glaubwürdig in einem 1944er Kontext. In einem solchen Fall, wo sich alles so auf den Schauspieler konzentriert, muss dieser eine Energie haben, die über das Spielen hinausgeht. Es muss wirklich aus den Fasern dieses Menschen kommen.

          Als ich von Ihrem Film gehört habe – spielt in einem KZ, aus Sicht eines Häftlings erzählt –, zuckte ich innerlich zusammen, weil ich mir schon vorgestellt habe, wie die Kostüme extra lumpenhaft aussehen oder wie man halt sonst vergeblich versucht, das nachzustellen. Aber es ist Ihnen gelungen, einen KZ-Film zu machen, bei dem man nicht dauernd dabei denkt, ach, ist ja alles nur gespielt. Hatten Sie selbst keine Angst davor, dass es alles ganz fürchterlich misslingt?

          Nein. Nie. Ich hatte natürlich Zweifel, ob es mir gelingen würde, den Film stimmig zu erzählen, ob es als Ganzes gelingen würde, aber was das visuelle Herangehen anging, also den Stil und in diesem Fall zugleich die Moral, hatte ich nie Zweifel. Es war eine moralische Entscheidung. Das Einzige, was für den Zuschauer Sinn ergibt, glaube ich, und dieses Ereignis glaubwürdig repräsentieren kann, ist ein menschliches Gesicht. Daran zweifelte ich nie.

          Der Film ist intensiv, aber man kann ihn ertragen, was auch daran liegt, dass Ihr Schauspieler gar nichts zu spielen scheint. Er drängt einem keine Gefühle auf, sondern überlässt diese vollkommen dem Zuschauer. War das eine Regieanweisung von Ihnen, dass er nichts zeigen soll?

          Ich glaube, das ist sowieso eine neue Tendenz im Kino, vermutlich als Reaktion aufs Fernsehen. Dort müssen alle Gefühle überdeutlich gezeigt werden, und mich interessiert viel mehr, diese der Projektion der Zuschauer zu überlassen. Géza und ich waren da einer Meinung. Es war generell mein Ansatz bei diesem Film, alle so sehr zu reduzieren wie möglich.

          Wenn ich etwas Kritisches sagen kann, mir war es fast etwas zu viel Plot. Die Haupthandlung ist die, dass Saul einen ermordeten Jungen begraben lassen will. Ein Kampf um wenigstens etwas Würde in dieser Hölle. Aber dann gibt es auch noch einen Häftlingsaufstand, mit einer Art Schieß-Showdown sogar... Sind Sie beleidigt wenn ich sage, dass ich finde, das hätte es nicht gebraucht?

          Ich glaube, wir haben es gebraucht. Dieser Film handelt von einem Mann, der auf seine eigene Weise Widerstand leistet, vielleicht sogar unbewusst. Es ist ein menschlicher Widerstand. Etwas, das ein ganz normaler Mensch tun kann. Er möchte, dass ein totes Kind ordentlich bestattet wird – und das an einem Ort, an dem die Geschichte der Einzelnen ausgelöscht wurde, als ob es sie auf dieser Erde nie gegeben hätte. So etwas zu tun, ein totes Kind zu bestatten, ist etwas sehr Einfaches, zugleich aber Bedeutungsvolles, eine fast primitive Form des Widerstands. Und diese Rebellion, die beinahe wie ein Gebet ist, vor dem Hintergrund eines größeren Ereignisses zu erzählen, bei dem es um viel geht, drängt den Zuschauer noch mehr zu der Entscheidung, ob das, was die Hauptfigur zu erreichen versucht, sinnvoll ist. In diesem Kontext muss der Zuschauer entscheiden, ob das, was die Hauptfigur erreichen möchte, irgendeinen Wert hat. Deshalb wollte ich den Widerstand des Sonderkommandos, seine Rebellion, die es ja wirklich gegeben hat, vorkommen lassen. Ich wollte die individuelle Mission vor dem Hintergrund eines größeren Rahmens erzählen.

          Géza Röhrig spielt den ungarischen Juden Saul Ausländer, der in Auschwitz einem Sonderkommando zur Verbrennung von Toten angehört.
          Géza Röhrig spielt den ungarischen Juden Saul Ausländer, der in Auschwitz einem Sonderkommando zur Verbrennung von Toten angehört. : Bild: AP

          Wie haben Sie recherchiert, welches waren die für Sie wichtigsten Zeugnisse?

          Das Wichtigste waren die Texte, die Mitglieder des Sonderkommandos selbst geschrieben haben. An ihnen habe ich mich orientiert. Diese Menschen haben buchstäblich aus dem Krematorium heraus geschrieben, sie waren mittendrin, mitten in diesem Prozess. Und dann mussten wir natürlich alles über ihren Alltag wissen, jedes Detail. Über den Aufstand haben wir nur begrenztes Wissen, aber wir hatten einen historischen Berater, der sehr gut war. Wir haben Jahre für diesen Film recherchiert. Wir haben einen immensen Aufwand betrieben, damit alles glaubwürdig ist und tatsächlich auf Fakten beruht. Wir wollten keinen Historienfilm machen, aber wir wollten, dass er in die tatsächliche Geschichte eingebettet ist.

          Haben Sie irgendwo zugunsten der Handlung auf Wahrheit verzichtet?

          Weil die Handlung einen einzigen Tag erzählen sollte, haben wir die Deportation der ungarischen Juden auf den Tag des Sonderkommando-Aufstands verlegt. Dieser fand im Oktober 1944 statt, die ungarischen Juden wurden in Wahrheit bereits im April und Mai dieses Jahres nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Das war die größte Freiheit, die wir uns erlaubt haben.

          Sie haben staatliche ungarische Filmförderung bekommen. Ich dachte, in Ungarn hat man nicht so gern, dass über den Holocaust geredet wird – oder gilt das nur für die ungarische Mitwirkung daran?

          Es ist tatsächlich sehr problematisch, das Thema Holocaust in Ungarn anzugehen. Man spricht darüber wirklich nicht gern und nicht viel. Es war auch nicht ganz leicht, den Ungarischen Filmfonds zu überzeugen, obwohl sie das Drehbuch von Anfang an mochten. Aber sie wollten nicht alleiniger Geldgeber sein. Wir haben versucht, Koproduzenten aufzutreiben, aber wir konnten weder in Deutschland noch Frankreich, noch Österreich, noch Israel welche finden. Deshalb mussten wir den Ungarischen Filmfonds überzeugen, uns allein zu unterstützen.

          Wie ist Ihre Familiengeschichte? Haben Ihre Urgroßeltern, Ihre Großeltern überlebt?

          Nein. Haben sie nicht. Die Familienmitglieder von mir, die sich nicht verstecken konnten, kamen nicht mehr zurück. Wahrscheinlich wollte ich deshalb einen Film über die Toten machen und nicht übers Überleben, nicht über die Ausnahme sozusagen. Die meisten Filme handeln ja von der Ausnahme, nicht von der Regel.

          Sprach man in Ihrer Familie vom Holocaust?

          Es überlebten ja nur die, denen es gelungen war, sich zu verstecken, die nicht deportiert wurden. Die haben darüber gesprochen, meine Eltern auch. Es war sogar ein sehr offenes Gespräch. Aber so vieles wussten wir nicht, uns fehlte Information.

          Wie antisemitisch erleben Sie Ungarn heute?

          Ich glaube, ganz Europa wird gerade immer antisemitischer. Ungarn war, solange ich es kenne, schon immer sehr antisemitisch. Schon in den Achtzigern, als Kind, habe ich Antisemitismus erfahren. Damals haben die Leute aber noch geflüstert. Man musste genau hinhören, aber es war zu fühlen. Heute wird es in Ungarn viel offener gezeigt. Es ist, ehrlich gesagt, unglaublich, wie offen es gezeigt wird.

          Haben Überlebende des Sonderkommandos Ihren Film gesehen?

          In Los Angeles haben wir einen älteren Gentleman getroffen, einen griechischen Juden, Dario Gabbai, der den Film gesehen hat und zutreffend fand. Natürlich weiß man nie und wird nie wissen, wie es wirklich war, in der Mitte von alldem zu sein. Aber er dankte uns dafür, dass wir seine Seite der Geschichte erzählt hätten. Er ist einer der letzten Überlebenden des Sonderkommandos, es war für mich ein großer Moment.

          Claude Lanzmann mochte Ihren Film angeblich auch.

          Ja, er hat das bei mehreren Gelegenheiten gesagt. Ich habe mich darüber sehr gefreut, ich weiß nicht, wie oft wir in der Vorbereitung sein „Shoah“ gesehen haben, das war ein großer Einfluss. Er hat anerkannt, dass unser Zugang zu dem Thema respektvoll war. Dass wir Respekt vor den Toten und vor dem Sterben hatten. Das war für mich am wichtigsten.

          Ich kann mir vorstellen, die meisten Leute, die Lust haben, ins Kino zu gehen, wollen sich nicht unbedingt einen Film anschauen, der in Auschwitz-Birkenau spielt. Was könnte man sagen, um möglichst viele dazu zu kriegen, sich diesen Film anzuschauen? Denn das lohnt sich absolut.

          Normalerweise sage ich Folgendes: Leute, die keine Lust hatten, sich den Film anzuschauen und ihn dann doch irgendwann gesehen haben, haben sich bei mir bedankt. Denn es sei nicht der Film gewesen, den sie erwartet hatten. Ich glaube, für den Zuschauer ist es eine persönliche Erfahrung. Es ist nicht der übliche Film, der einem vorschreibt, was man zu fühlen und zu denken hat, sondern er lässt dem Zuschauer Raum, wie er ihn erfahren will. Er lässt einem alle Freiheit. Dass Kino das vermag, ist ja das Wundervolle daran.

          Die Fragen stellte Johanna Adorján.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Donald Trump geht während des Nato-Gipfels in Großbritannien am 4. Dezember 2019 an Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel vorbei.

          Donald Trump oder Joe Biden? : Was für den Westen auf dem Spiel steht

          Eine Wiederwahl Donald Trumps wäre vielleicht das Ende des Westens. Doch leicht hätten es die Europäer auch mit einem Präsidenten Joe Biden nicht. Seine Außenpolitik liefe wohl auf ein „America first light“ hinaus.
          Demonstration gegen den Lockdown im Madrider Arbeiterviertel Vallecas

          Ausgangssperren in Madrid : Lockdown nur für Arme?

          In Madrid hat die Regionalregierung vor allem in den ärmeren Vierteln Ausgangssperren verhängt. Die Bewohner sind empört und werfen der Regierung Diskriminierung vor. Zu Tausenden ziehen sie auf die Straße.

          Schrumpfende Biodiversität : Die Arithmetik des Artentods

          Biodiversitätsforscher sind auf der Suche nach einer griffigen Formel, um das anthropozäne Massensterben zu stoppen. Zwei deutlich verschiedene Wege werden derzeit debattiert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.