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Interview mit Fatih Akin : Keine Angst vor Islamismus in der Türkei

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Ja, da ist was dran, auch wenn ich sie nicht bestrafen wollte! Beim Schreiben gab es schon einen gewissen Sarkasmus Lotte gegenüber. Ich kenne einige Leute, die sehr gesättigt leben, die keine Perspektive haben und es deswegen drei Wochen mit Zen versuchen oder viel Geld dafür ausgeben, um auf Hawaii Yogalehrer zu werden. Diese Perspektivlosigkeit, dass man seine Aufgabe im Leben nicht findet, ein bisschen verurteile ich das, obwohl ich es gar nicht will.

Und Lottes Naivität?

Das bin ich selbst. Jede Figur repräsentiert etwas von mir selbst, und die Naivität, die ich hoffentlich noch lange behalten werde, ist meine eigene.

Was steckt denn von Ihnen in Nejat? Er ist ein ruhiger Intellektueller, er ist allein, er hat keine Frau oder Freundin.

Er ist eine Art Zwitter, er ist androgyn; wir haben eine Liebesszene mit ihm gedreht, aber sie funktionierte nicht. So ist es viel spannender, er hat ein ambivalentes Verhältnis zu Yeter, die Darstellerin wollte unbedingt einen Flirt mit ihm, das habe ich unterbunden. Es ist ambivalent, sie ist die Freundin seines Vaters, altersmäßig passte sie besser zu ihm. Zugleich ist er ohne Mutter aufgewachsen, da kommt diese Mischung herein, Mutter und Hure. Er steht für Männer und Frauen, er ist David Bowie, irgendwie. Er hält die ganzen Geschichten zusammen, ohne wirklich aktiv zu sein.

Er ist auch derjenige, der auf der anderen Seite ankommt. Wie würden Sie diese andere Seite definieren?

Ein spiritueller Ort. Man kann den Titel in viele Richtungen lesen, aber es ist etwas wie das Jenseits. Er geht die Reise bis zum Ende, vielleicht lebt sein Vater nicht mehr, aber es ist ein friedliches Ende, er wird dafür belohnt, dass er dem Vater vergibt, und dieses Vergebenkönnen lernt er wiederum von Hanna Schygullas Figur.

Ihr Film ist der Mittelteil einer Trilogie, die „Liebe, Tod und Teufel“ heißt. „Gegen die Wand“ handelt von der Liebe, „Auf der anderen Seite“ vom Tod, wie packen Sie den Teufel bei den Hörnern?.

Es ist ein Konzept, das sich mit dem Menschen beschäftigt. Ich bin interessiert am Menschen. Hätte ich mehr Zeit, würde ich Medizin und Anthropologie studieren, um zu erfahren, wie er funktioniert, technisch und historisch. Aber ich bin nun mal Filmemacher. Mit dem Teufel würde ich mich so ähnlich beschäftigen, wie sich Kubrick in „Uhrwerk Orange“ die Frage gestellt hat: Was ist das Böse in uns? Was in uns mordet? Solche Dinge interessieren mich, ich kann nicht weggucken, wenn ich die Nachrichten anmache, Bilder aus dem Irak und Selbstmordattentäter sehe, das verwirrt mich, es macht mich traurig. Ich kann mich nicht davon ablenken mit Spaß. Ich würde gern verstehen, warum wir Menschen das machen. Der Teufel, das sind wir selbst.

„Auf der anderen Seite“ ist ein spiritueller Film, mein spirituellster bisher, der Tod greift massiv in die Dramaturgie ein. Und wenn Nejat die Geschichte von Abraham erzählt, der seinen Sohn opfern soll, dann glaube ich nicht, dass es etwas Göttliches ist, zu verlangen, sein eigenes Kind umzubringen. Es gibt ja auch dieses Gleichnis, dass die Götter den Menschen erfunden haben, damit er nichts weiter als ihr Sklave ist. Satan, Luzifer, der Lichtbringer also, wollte die Menschen aufklären, ihnen Wissen geben. Somit wäre Luzifer der Gute und die Götter das Böse. Eine verkehrte Welt! Das fasziniert mich.

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