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Interview mit Fatih Akin : Keine Angst vor Islamismus in der Türkei

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Ich bin auch kein politischer Filmemacher wie Yilmaz Güney, ich fordere niemanden auf, in eine bestimmte Richtung zu denken, er war ja Maoist. „Auf der anderen Seite“ hat einen politischen Kontext, aber ich beobachte nur, ich will nicht manipulieren, wie man zu denken oder zu fühlen hat. Ich schaue zu, ich kritisiere nicht einmal, auch wenn Leute sagen, ich sei ein Nestbeschmutzer.

Wer hat das gesagt?

Das schwebt als leichter Vorwurf im Raum, auch wenn in der Türkei noch keine Kritik erschienen ist. „Gegen die Wand“ wurde vom Feuilleton beschützt, vor allem von der linken Presse. „Auf der anderen Seite“ legt sich mit der Linken an, wenn er zeigt, dass sich die Mechanismen der linken Aktivistinnen nicht unterscheiden von denen auf der Rechten. Es gibt sinnlose Gewalt, und wenn Ayten nach Deutschland kommt zu den alevitischen Genossen und gleich wie eine Sklavin als Kellnerin arbeiten muss, dann sehe ich da die gerechte Sache nicht mehr.

Ich persönlich verurteile diesen extremen Aktivismus, und dass Ayten sich schließlich abwendet von den Aktivisten, dafür werde ich einen auf die Mütze kriegen von den Linken. Es gibt ja noch eine kommunistische Partei in der Türkei, es gibt noch eine Linke. Selbst ein linkes italienisches Blatt wie „Il Manifesto“ hat mir den Film um die Ohren gehauen, weil ich den türkischen Frauenknast wie ein Fünf-Sterne-Hotel gezeigt haben soll.

Aber Sie geben doch auch eine Richtung vor, in die man denken soll: Hanna Schygullas Charakter bricht auf und verändert sich, Nejat, der Germanistikprofessor, geht zurück in die Türkei auf der Suche nach sich selbst.

Schon, aber ich gehe dabei immer von mir aus. Ich schreibe erst die Biographien der Figuren, bevor ich das Drehbuch schreibe, bevor ich Plots entwickle. Oft ergeben sich daraus Plots, denn es ist schwer, sich Plots auszudenken, Figuren fallen mir immer leichter. Früher habe ich immer gefragt: Wie verhält sich die Figur in dieser Situation? Ich habe versucht, mich in sie hineinzuversetzen. Irgendwann habe ich als Autor die Möglichkeit erkannt, zu fragen: Wie würde ich mich in dieser Situation verhalten, zum Beispiel als deutsche Frau von Ende fünfzig? Ich würde herausfinden wollen, wie meine Tochter gestorben ist.

Auch dass Nejat sich mit seinem Vater aussöhnt, ist für mich nicht der große Schritt, vor allem im Kino ist das leicht. Ich würde mich mein Leben lang fragen, warum mein Kind gestorben ist; wenn ein Kind stirbt, ist das das Schlimmste, was passieren kann, man hat verloren. Das hat Coppola mal gesagt, als sein Sohn starb: „Ich habe verloren.“ Ich glaube, man kann auch ein schlechter Verlierer sein und wissen wollen, warum.

Aber es fällt auf, dass die Frauen bei Ihnen sterben, und es wird auch noch angekündigt in den Zwischentiteln; die Männer überleben.

Ja, Chronik eines angekündigten Todes. Ich habe sechs Figuren, vier Frauen, zwei Männer, da ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass Frauen sterben. Aber es gibt noch einen anderen Grund. Frauen sind weder besser noch schlechter als Männer, aber Frauen sind historisch eher Märtyrer, ganz real; fiktiv sind es die Männer, in den Legenden. Frauen leiden mehr als Männer, schon bei der Geburt, den Schmerz werden wir Männer nie nachempfinden können.

Die Frauen sterben, weil sie moralisch zweifelhafte Dinge tun: Yeter arbeitet als Prostituierte, Lotte wird mit der Pistole erschossen, die sie überbringen soll. Das wirkt wie eine Strafe.

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