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Interview mit Fatih Akin : Keine Angst vor Islamismus in der Türkei

  • Aktualisiert am

Und wie sieht diese Verantwortung aus?

Mir würde es das Herz brechen, wenn der Türkei etwas passieren würde wie Jugoslawien.

Ist das denn realistisch?

Jetzt, mit der neuen Regierung, muss man schauen, man weiß nicht, wie das Militär sich verhalten wird, aber mit Abdullah Gül als Staatspräsident ist die Gefahr vielleicht gebannt. Aber es gibt ein Kurdenproblem in der Türkei, es gibt überhaupt ein nicht abgeklärtes Verhältnis zu Minderheiten, und solange das nicht geklärt ist, solange der Hang zum extremen Nationalismus da ist, ist auch die Gefahr da. Was Jugoslawien in den neunziger Jahren passiert ist, in den Jahren des sogenannten wilden Friedens, mitten in Europa, warum soll das nicht in der Türkei passieren zwischen Kurden und Nichtkurden, Muslimen und säkularen Kräften? Es ist ja auch längst nicht mehr so, dass die Front zwischen frommen Landbewohnern und säkularen Städtern verläuft, es gibt seit den fünfziger Jahren eine Landflucht, die dazu geführt hat, dass Istanbul heute eine Metropole von zwanzig Millionen Menschen ist. Diese Kräfte sind urbane Kräfte geworden.

Fürchten Sie, dass der Kemalismus schwächer wird, dass die säkularen Kräfte weiter in den Hintergrund gedrängt werden?

Ich sehe die reaktionäre Kraft eher im Kemalismus als im Islamismus. Der Islamismus in der Türkei macht mir keine Angst.

Warum nicht?

Atatürk, der Staatsgründer, war ein Soldat, und als Pazifist bin ich da schon mal skeptisch. Und er hatte diesen Gedanken, dass die Armee das Land beschützen muss vor inneren und äußeren Feinden, vor allem vor inneren. Die Armeeangehörigen kriegen die dicksten Pensionen, es geht um Macht, und die alten Eliten wollen ihre Macht
nicht verlieren. Und da ist immer noch eine Rhetorik, ein Gedankengut aus der Zeit von 1918. Aber wir leben in der Globalisierung, wir haben das Jahr 2007, man kann mit dieser Haltung nicht überleben.

Wie kommen denn Ihre Filme in der Türkei an?

Die großen Feuilletons schätzen es, was ich mache. Die Boulevardpresse kennt meine Filme nicht, sie kennen mich nur als Person, die in Cannes oder Berlin über den roten Teppich geht. Da bin ich eine populäre Figur, die das türkische Selbstwertgefühl erhöht wegen der Erfolge im Ausland. Das gefällt mir nicht. Ich möchte gar nicht regelmäßig in Kreuzworträtseln auftauchen.

Wonach wird denn in den Kreuzworträtseln gefragt?

Da ist nur ein Foto, und da steht dann: „Wer ist diese Person?“ Es gibt auch so etwas wie „Wer wird Millionär“ in der Türkei, da wird dann gefragt: „Wie heißt der türkische Regisseur, der 2003 den Goldenen Bären gewonnen hat?“ Man kennt die Person, aber nicht die Filme. „Crossing the Bridge“ haben gerade mal 30.000 Leute gesehen, „Gegen die Wand“ 280.000. Und diese Zahlen sind vergleichbar mit den deutschen Besucherzahlen.

Man findet Sie nicht zu westlich?

Nein, gar nicht. Man vergleicht mich mit dem 1984 verstorbenen Regisseur Yilmaz Güney. Aber diese Vergleiche hinken. Ich bin ein deutscher Filmemacher. Wenn wir mal auf die Farbe des Geldes schauen: Meine Filme entstehen mit deutschem Geld, ich produziere aus Deutschland, meine Firma Corazón International ist in Deutschland ansässig, ich schreibe auf Deutsch, auf einer amerikanischen Software. Und wenn ich mich wie in „Crossing the Bridge“ mit türkischer Musik auseinandersetze, ist es faszinierend, weil türkische Kultur hier ins Kino kommt und ein bisschen zu deutscher Kultur wird, da sind wir wieder bei Identität in Bewegung.

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