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Interview mit Fatih Akin : Keine Angst vor Islamismus in der Türkei

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Natürlich kenne ich jemanden wie Ayten besser als eine deutsche Mutter von Ende fünfzig, aber das Faszinierende war bei diesem Film, dass ich meine eigene Seele, meine Gedanken und Emotionen auf alle sechs Figuren projizieren konnte, eben auch auf eine bürgerliche Frau von Ende fünfzig. Das Ganze ist wie ein Staffellauf mit sechs Personen, jeder gibt den Stab, also die Geschichte, weiter, dann ist der Nächste dran, und die anderen treten wieder in den Hintergrund.

Man hat das Gefühl, es stecke mehr von Ihren Erfahrungen, von Ihrem Temperament in diesem Film, auch in der gegenläufigen Bewegung zwischen Deutschland und der Türkei.

Es geht um Bewegung, das war eines der ersten Worte, die ich mir notiert habe, Bewegung und Weite. Ich gebe gerade ein Seminar in Istanbul, da geht es um Kunst und Identität, und den Vortrag, den ich halten werde, habe ich „Identity in Motion“ genannt, das ist auch meine eigene Identität, die ständig in Bewegung ist. Es geht in beide Richtungen, das habe ich bei „Crossing the Bridge“ erkannt, ich kann mich nicht nur in eine Richtung bewegen, ich kann mich wie auf der Brücke über den Bosporus hin- und herbewegen. Die erste Einstellung des Films ist schon eine Gegenbewegung. Der Kameramann sagte, wir sollten das wie bei Antonioni machen, wir schwenken von der Bude auf die Tankstelle, und das Auto mit dem Helden fährt entgegen der Kamerabewegung ins Bild. Das setzt sich im ganzen Film fort.

Es ist schwer zu sagen, was das mit mir zu tun hat, aber es hat etwas mit mir zu tun. Wenn man sich in einem deutsch-türkischen Vakuum bewegt wie ich, ich fliege ja ständig hin und her, wäre es viel zu einfach zu sagen, ich ginge auf die Suche nach meinen Wurzeln und bewegte mich dabei immer weiter nach Osten. Es ist komplexer. Wenn man dieses Verhältnis Türkei-Deutschland lebt, begreift man auch, dass es in gewisser Weise austauschbar ist, man begreift komplexe globale Zusammenhänge, wie etwa das Verhältnis von Amerika und Mexiko, man begreift den Kampf der Kulturen, der vom Weißen Haus proklamiert wird. Indem man sich hin- und herbewegt, kapiert man es. Deshalb auch Identität in Bewegung.

Gibt es auch eine Erfahrung von Fremdheit, wenn Sie in der Türkei sind?

Mit jedem Film, den ich gemacht habe, habe ich die Möglichkeit gehabt, die Türkei besser kennenzulernen, vor allem wenn man mit türkischer Crew und zum Teil auch mit türkischem Geld dreht wie jetzt. Es müsste nun eigentlich eine rein türkische Produktion folgen. Die Türkei ist das Land meiner Eltern, früher war es für mich Urlaubsland, aber wenn man dort arbeitet, wird man Teil des Landes, zumindest Teil der Stadt Istanbul, es gibt ein urbanes Zugehörigkeitsgefühl. Und mein Großvater, mein ganzer genetischer Pool stammt aus dem Dorf, wo der Film endet. Wenn ich dort in die Gesichter der Menschen schaue, sehe ich meine eigene Physiognomie, das ist völlig verrückt, ich bin ja auch mit vielen dieser Menschen um fünfzig Ecken verwandt. Insofern fühle ich mich überhaupt nicht fremd.

Was die Politik angeht: Es ist toll, in Deutschland zur Schule gegangen zu sein, in der achten Klasse etwas über das Dritte Reich gelernt zu haben und zu wissen, es ist nicht korrekt, faschistisch zu sein. Und dann sieht man die chauvinistischen Geschichtsbücher in der Türkei, die noch im Ersten Weltkrieg hängengeblieben sind. In der Türkei hängt man noch an Schlachten, die fast hundert Jahre zurückliegen. Mit meiner Biographie sehe ich in der Türkei Dinge, die ich nicht in Ordnung finde, und fange an zu kritisieren, auch auf die Gefahr hin, als Nestbeschmutzer zu gelten. Es gibt eine Verantwortung, die ich dem Land gegenüber empfinde. Also ist es mir nicht fremd.

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