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Interview Mike Nichols : Wo ist das Leben in einem Stoff?

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In der ersten Riege der Hollywood-Regisseure: Mike Nichols Bild: AP

Der Regisseur Mike Nichols über seine Geburtsstadt Berlin, Julia Roberts im Bikini und seinen neuen Film „Der Krieg des Charlie Wilson“, der satirisch vom Einsatz eines Kongressabgeordneten für die afghanischen Mudschahedin in ihrem Kampf gegen die Sowjets erzählt.

          Es ist bestimmt nicht sein bester Film, aber einer der bestbesetzten, die Mike Nichols je gedreht hat: Julia Roberts, Tom Hanks und Phil Seymour Hoffman sind die Stars in „Der Krieg des Charlie Wilson“, der in den achtziger Jahren spielt und satirisch, aber politisch etwas handzahm vom Einsatz eines Kongressabgeordneten für die afghanischen Mudschahedin in ihrem Kampf gegen die Sowjets erzählt. Mike Nichols, der 1931 in Berlin als Michael Igor Peschkowsky geboren wurde und 1939 mit seiner Familie nach Amerika floh, ist ein charmanter älterer Herr, der Emmys, Tonys und Oscars gewonnen und Filme wie „Die Reifeprüfung“ (1967), „Die Waffen der Frauen“ (1988) oder „Hautnah“ (2004) gedreht hat. Und bevor man ihn etwas fragen kann, möchte er erst einmal etwas wissen.

          Wissen Sie, was mir an Berlin auffällt? Es ist alles so niedrig hier! Vier, fünf Stockwerke, und dann ist Schluss. Wie kommt das? Können Sie mir das erklären?

          Es gibt ein deutsches Wort, das sich in keine andere Sprache übersetzen lässt: Traufhöhe! Der Senatsbaudirektor hat festgelegt, dass Häuser eine bestimmte Höhe nicht überschreiten dürfen. Außer am Potsdamer Platz, da gibt es etwas Ähnliches wie Hochhäuser. So ungefähr wie in Downtown San Jose. Das ist schon ziemlich einzigartig.

          Sie sind ja 1931 hier in Berlin geboren. Haben Sie noch Erinnerungen?

          In „Der Krieg des Charlie Wilson” sind ein Kongressabgeordneter (Hanks), eine Lady (Roberts) und eine CIA-Agent die Verursacher eines Kriegs

          Aber ja, ich habe mir das Haus angesehen, in dem ich gelebt habe, und den Park, in dem ich gespielt habe. In meiner Erinnerung war er so groß wie der Central Park in New York, heute kommt er mir kaum größer vor als der Couchtisch hier zwischen uns. Ich war halt klein, ich war sieben. Ich erinnere mich noch an manches, am meisten daran, wie ich die Stadt verlassen musste, 1939, wie wir in Hamburg aufs Schiff gehen wollten. Hitler hielt damals eine Rede, es gab keine Radios, nur riesige Lautsprecher, der ganze Verkehr war zum Erliegen gekommen. Ich erinnere mich noch an eine junge Mutter, deren Kind schrie, und sie konnte ihm nichts zu essen geben, weil die Babynahrung schon auf dem Schiff war. Danach konnten wir dann abfahren. Nicht einen Moment zu früh.

          Was ist das für ein Gefühl, wenn Sie nach Berlin kommen? Eher Erleichterung, damals entkommen zu sein? Oder auch ein leichtes Bedauern, nicht erlebt zu haben, wie es gewesen wäre, hier aufzuwachsen?

          Das ist sehr interessant, ich habe so nie darüber nachgedacht, was aus mir geworden wäre, wenn ich in Berlin hätte aufwachsen können. Wie es hier gewesen sein muss, habe ich erst begriffen, als ich W.G. Sebalds „Die Ausgewanderten“ gelesen habe, ein großartiges Buch. Es hat mich sehr berührt, ich habe mich gefragt, warum ausgerechnet ich das Glück hatte, zu überleben. Wie kann ich darüber hinwegkommen? Natürlich gibt es darauf keine Antwort. Es ist seltsam, ich habe bei meinem letzten Film jemanden kennengelernt, den keiner mochte außer mir. Ich mochte ihn, weil ich dachte, das bin ich als Gescheiterter. Wir ähnelten uns sehr, außer dass ich Erfolg gehabt habe und er nicht.

          Aber ich weiß nicht, was für ein Deutscher ich geworden wäre. Mir war damals nicht mal bewusst, was Länder sind. Ich erinnere mich aber noch an die Aufschrift „Made in Germany“ auf meinem Spielzeug. Ich habe nicht begriffen, warum es dort nicht auf Deutsch stand. Und ich erinnere mich an einen ganz besonderen Moment, als wir in New York die „Bremen“ verließen, und direkt gegenüber vom Anleger sah ich auf dem Neonschild eines Deli hebräische Schriftzeichen. Ich fragte meinen Vater sofort: Ist das erlaubt? Ich muss also gewusst haben, dass es in Deutschland verboten war. Ich habe dann natürlich eine Menge erfahren, weil ich auf eine jüdische Schule gegangen bin. Mein erster Eindruck von Amerika war, dass alles besser ist. Ich erinnere mich an Coca-Cola und an Rice Crispies. Mein Bruder und ich konnten es gar nicht fassen, dass es Essen gibt, das Geräusche macht. Ich mochte all diese Dinge von Anfang an, Kaugummi, Hotdogs, die U-Bahn, ich liebte New York. Und ich erinnere mich daran, dass wir anders waren und sofort etwas dagegen tun wollten, indem wir die Sprache lernten. Das dauerte nur ein paar Wochen. Aber so ganz war ich nie wie sie.

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