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Internet : Letzter Eintrag

  • -Aktualisiert am

Ivan Noble Bild: Richard Friebe

Sein mit schwarzem Humor geführtes Internettagebuch hat dem krebskranken Journalist Ivan Noble eine große Fangemeinde beschert. Nun ist der berühmte Web-Blogger gestorben.

          Ivan Noble hat in den letzten zweieinhalb Jahren eine Berühmtheit erlangt, auf die er gerne verzichtet hätte. Als der Wissenschaftsredakteur des Online-Dienstes der Londoner BBC im August 2002 von einem Arbeitsaufenthalt in Afrika zurückkam, plagten ihn starke Kopfschmerzen. Ein paar Tage und Untersuchungen im Tomographen später war klar, daß er an einem besonders aggressiven Hirntumor litt.

          Noble begann, ein Web-Tagebuch über sein Leben mit der Krankheit, mit Operationen, Strahlen- und Chemotherapien, mit der Angst zu schreiben. Anders als bei den Kolumnen von Ruth Piccardie (“The Observer“) und John Diamond (“The Times“), die 1997 und 2001 ihren Leiden erlagen, war Nobles Geschichte von Anfang an als „Blog“ auf Interaktivität ausgelegt.

          Sie entwickelte sich zu einem der meistgelesenen Internet-Tagebücher (http://news.bbc.co.uk/1/hi/health/4211475.stm) mit Hunderttausenden Seitenzugriffen. Aus egoistischen Gründen, sagte Noble, habe er damit angefangen: „Wenn man so eine Diagnose kriegt, kann man gar nichts tun; ich wollte aber irgend etwas tun, also begann ich, das dumme Tagebuch zu schreiben.“

          Schwarzer Humor

          Mit den Reaktionen auf seine unregelmäßig erscheinenden Artikel hatten auch die Verantwortlichen bei der BBC nicht gerechnet. Krebspatienten und deren Angehörige schrieben, der Blog würde ihnen helfen, mit eigenen Ängsten besser zurechtzukommen. Ärzte, Medizin- und Biologiestudenten bezeichneten die persönlichen Einträge als Motivation, härter zu arbeiten und besser auf Patienten einzugehen.

          Es war nicht zuletzt der oft ziemlich schwarze Humor (“Ich wünsche mir eine weitere Hirn-OP so sehr wie ein Loch im Kopf“), der die Fangemeinde auf jeden neuen Eintrag warten ließ, aber auch die Anekdoten aus dem Alltag mit seinen Kindern und seine Begeisterung für jedes neue Handy, das auf den Markt kam, und jeden Computer, den er für sich oder Freunde zusammenschraubte.

          Der letzte Eintrag

          Im letzten November, an einem sonnigen Herbsttag in London, konnte sich Ivan Noble in seinem Garten mit dem Besucher noch in endlosen Diskussionen darüber ergehen, für welche Situationen sich jetzt Digitalkameras einerseits oder die manuelle Spiegelreflex andererseits eignen. Natürlich besaß er jeweils ein neues Modell.

          Wenige Tage später zeigte eine von ihm ängstlich erwartete Tomographie, daß der Tumor geschrumpft war. Seine erste Amtshandlung danach war der Kauf eines neuen 3G-Mobiltelefons und ein Testbericht für das Technologieressort.

          Diese zweite Remission dauerte nur wenige Wochen. Der Tumor kam wieder. Am Samstag erschien Nobles letzter Eintrag. Er hatte ihn im voraus geschrieben. Auch dieser war wie alle anderen frei von jedem Pathos. Der Schreiber bedankte sich bei Ärzten, Freunden, dem Arbeitgeber und bei all denen, die mit E-Mails auf seine Tagebucheinträge reagiert hatten. Zeitungen von Europa über die Türkei bis nach Indien und Australien berichteten über das „traurige Ende“ des Blogs.

          Lob für Nobles Arbeit

          In den fast zweieinhalb Jahren seit dem ersten Eintrag wurde das Tagebuch auch im britischen Parlament erwähnt. Das renommierte „British Medical Journal“ lobte die Tatsache, daß Noble aus Rücksicht auf andere Patienten, die vielleicht nicht so genau über ihre Krankheit Bescheid wissen wollten, lange den Namen des Tumors verschwieg. Ende letzten Jahres erschien im Magazin „Cancerworld“ eine Kolumne Nobles über die Probleme, die Ärzte häufig in der Kommunikation mit schwerkranken Menschen haben.

          Das „Tumour Diary“ wird in diesem Frühjahr als Buch bei Hodder in London herauskommen. Am Montag ist Ivan Noble im Alter von 37 Jahren in einem Londoner Hospiz gestorben. Er hinterläßt seine aus Deutschland stammende Frau und zwei kleine Kinder.

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