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Internet : Die Blogger sind los

  • -Aktualisiert am

Blogger-Opfer Eason Jordan (re.) mit Afghanistans Außenminister Abdullah Bild: AP

Die Zahl der Weblogs steigt in den Vereinigten Staaten täglich. Rund dreißig Millionen Nutzer äußern sich in den Web-Tagebüchern zum aktuellen Geschehen - mit wachsendem Einfluß auf die öffentliche Meinung.

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          Als vergangene Woche der CNN-Nachrichtenchef Eason Jordan nach umstrittenen Äußerungen über die Rolle amerikanischer Soldaten beim Tod von Journalisten im Irak zurücktrat, triumphierte die sogenannte Blogosphäre, die seinen Sturz maßgeblich herbeigeführt hatte.

          "An alle Leser, Kommentatoren, E-Mailer und Blogger, die sich an dieser Sache beteiligt haben", hieß es auf "Easongate.com", einer eigens zur Verfolgung Easons gegründeten Internetseite: "Danke. Dies ist ein Sieg für jeden Soldaten, der diesem Land ehrenwert gedient hat." Bei "Chronwatch.com" hieß es: "Anders als die Mainstream-Medien sind wir im Geschäft der Wahrheit." Tatsächlich sollten sich die selbsternannten Wahrheitswächter einer beispiellosen Hexenjagd durchaus schämen.

          Denn die "Wahrheit" darüber, was Eason auf einer Podiumsdiskussion des Weltwirtschaftsforums in Davos Ende Januar genau gesagt hat, liegt bis heute im dunkeln. Zwar existiert ein Videoband, das die Podiumsdiskussion zum Thema "Wird die Demokratie die Medien überleben?" dokumentierte, doch das Forum weigert sich bislang, es zu veröffentlichen. So hat das Blog-Tribunal sein Urteil eben auf Hörensagen aufgebaut. Mag da noch jemand behaupten, die Blogger seien moderne Journalisten?

          Keine "Kollateralschäden", sondern gezielt umgebracht

          Denn übereinstimmend berichteten die Zeugen der Diskussion (darunter der Nachrichtenchef von BBC, ein demokratischer Kongreßabgeordneter und ein Journalist des "Wall Street Journal") bisher allenfalls, daß Jordan behauptete, zumindest zwölf der bislang über sechzig getöteten Journalisten im Irak seien keine "Kollateralschäden", sondern gezielt umgebracht worden.

          Einig sind sich die Zeugen auch darüber, daß Jordan die Brisanz seiner Bemerkung erkannte und sie sogleich relativierte. Jordan selbst sagte später in einem Statement, er habe "niemals angenommen, daß das amerikanische Militär versuche, Journalisten umzubringen". Doch da war die Spekulationsmaschinerie im Internet bereits heißgelaufen. Um im Interpretationswirrwarr um seine Äußerungen Glaubwürdigkeitsschaden von CNN abzuwenden, nahm Jordan seinen Hut. Die eigentliche Geschichte und langgehegte Sorge Jordans - ob Journalisten in Kriegsgebieten sicher genug sind - ging unter.

          Offene Fragen und Verschwörungstheorien diskutieren

          Sieben Millionen Blogs beobachtet die Internetsuchmaschine Technorati.com, Tag für Tag kommen Schätzungen zufolge vierzigtausend neue dazu, und mehr als dreißig Millionen Menschen lesen sie. Blogs, kurz für Weblogs, sind interaktive Online-Foren, in denen die Nutzer ihre Gedanken, Beobachtungen und Urteile vor allem zu politischen Themen austauschen. Auftrieb bekamen Blogs nach den Terroranschlägen vom 11.September 2001, als zahlreiche Internetnutzer das Bedürfnis verspürten, offene Fragen und umfangreiche Verschwörungstheorien zu diskutieren.

          Inzwischen ist aus dem Trend eine Institution geworden, und sie hat bisweilen beachtliche Macht bewiesen: So brachten Blogger Ende 2002 den republikanischen Senator Trent Lott zu Fall, nachdem rassistische Äußerungen von ihm übers Internet verbreitet wurden. Die Blogosphäre spielte im vergangenen Jahr eine wichtige Verstärkerrolle bei den Skandalen um die Journalisten Jack Kelley und Jayson Blair, die renommierte Zeitungen wie die "New York Times" und "USA Today" mit fabrizierten Storys betrogen.

          Lauffeuerklatsch

          Eine rasch wachsende Blog-Diskussion um die Echtheit der Bush-Memos, die Dan Rather im September bei CBS präsentierte, zwangen den Moderator schließlich, zuzugeben, daß der Sender die Authentizität der Dokumente nicht garantieren könne. Zuletzt brachten die Blogger den Fall des Korrespondenten Jeff Gannon alias James Gluckert im Weißen Haus aufs Tapet, der es unter Pseudonym ins Pressekorps schaffte.

          Doch der kaum zu steuernde Wirkungskreis der Blogosphäre liegt weniger auf dem Gebiet des authentischen Journalismus, sondern auf dem von Lauffeuerklatsch. So fand Eason Jordan in der frei flottierenden Gerüchteküche weder die Zeit noch den Raum für eine authentische Klarstellung des Geschehens, die Blogger hatten ihn mit ihrer Urteilsschnelligkeit schlicht überrannt. Und nicht zufällig teilt sich die amerikanische Blogosphäre sauber in Konservative und Liberale, die beiderseits zur Jagd auf Größen der Mediengesellschaft - jeweils aus dem anderen Lager - blasen. An Anzahl und Prominenz ihrer Opfer bemißt die Blog-Gemeinde, darin ganz ähnlich der Klatschpresse, ihre Macht.

          "Oscar für Ahnungslosigkeit"

          In "Businessweek" bemerkte der Autor Stephen Baker dazu, daß "die Gefahr" nicht von der Technologie ausgehe, "sondern von der wütenden, polarisierten Gesellschaft, die sie nutzt. Es sind immer noch die traditionellen gesellschaftlichen Kräfte, die Manager und Politiker, die die Machtworte in diesen Dingen sprechen."

          Wie zur Illustration stolperte der prominente Blogger Matt Drugde am selben Tag, als er in seinem "Drudge Report" veröffentlichte, mehrere Mitglieder der Oscar-Academy fürchteten um den Ruf der Veranstaltung, nachdem der designierte Moderator Chris Rock dem Magazin "Entertainment Weekly" gesagt hatte: "Welcher heterosexuelle schwarze Mann guckt schon die Oscars?" Und: "Preisverleihungen für Kunst sind lächerlich." Doch der gewünschte Skandal blieb aus, die "Washington Post" verlieh Drudge sogar hämisch den "Oscar für Ahnungslosigkeit". Und der Organisator der Veranstaltung, Gil Cates, seufzte nur: "Der Mann ist Komiker, um Himmels willen!" Bei der Humorlosigkeit der Blogger hätte es aber auch anders ausgehen können.

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