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Internet : Der Reporter bist du

40.000 „Cititzen Reporter” schreiben für „OhmyNews” Bild: AP

Wer sich mit seinen Angeboten dem Netz verweigert, der ist raus aus dem Spiel: Auf einer Konferenz in London beraten Vertreter der „alten“ und „neuen“ Medien über den Journalismus von morgen.

          Die Abkürzung des Titels täuscht. Wer sich in eine der blauen Jacken warf, die das Logo „Opa06“ ziert, will nicht großväterlich wirken, sondern seiner Zeit voraus sein.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Einer Zeit, in der nichts älter ist als die Zeitung von morgen, nimmt man sie überhaupt zur Kenntnis. Information immer, überall, jederzeit, sofort und kostenlos, das ist, worauf sich die Mitglieder der „Online Publishers Association“, abgekürzt „Opa“, verstehen. In London stellten sie vergangene Woche vor, was ihres Erachtens Stand der Dinge ist. Und dabei sieht nicht nur das Medium Zeitung alt aus, sondern auch das Fernsehen.

          Denn es ist ja alles schon im Netz. Die Information und die Unterhaltung, und zwar schneller als anderswo. Daß die Inhalte jedoch irgendwo herkommen und bezahlt sein wollen, ist eine Grundvoraussetzung etwa des Suchmaschinenkonzerns Google, auf der diejenigen, die diese Inhalte kreieren, allein aus Selbsterhaltungsgründen pochen. Was Google algorhythmisch abrechnet, muß schließlich irgendwo stehen. Es steht in den Online-Auftritten der Zeitungen und Agenturen, die damit Geld verdienen müssen.

          Tom Glocer (Reuters): Medien bleiben Filter und Herausgeber

          Ihr werdet mit uns sterben

          Das ist eine Binsenweisheit, reichte in London aber immer noch aus, um eine Kontroverse zwischen Vertretern der Zeitungen auf dem Podium und dem Plenum heraufzubeschwören. „Falls wir sterben, werdet ihr mit uns sterben“, rief Jannet Philippe aus, der bei der französischen Zeitung „Les Echos“ die Publikationen im Internet verantwortet. Der eine oder andere aus dem Publikum aber meinte, daß sich in dem, was Zeitungsleute als Wahrung des Urheberrechts sehen, nichts anderes als eine protektionistische Haltung ausdrücke.

          Tom Glocer, der Vorstandschef von Reuters, tut sich mit der Verknüpfung der Online- und der „alten“ Medienwelt leichter - was allerdings auch damit zu tun hat, daß Reuters das Gros seines Geschäfts mit Börsendaten bestreitet, die bei den Kunden ohnehin online ankommen und bei denen sich die Frage, wie man damit Geld verdient, nicht stellt. Sie werden von den Kunden seit je bezahlt. Die Medien und die Journalisten, meint Glocer, behielten ihre angestammte Rolle als „Filter und Herausgeber“, nur seien sie auch „Vermittler von Handwerkszeug“ und „Seeder of Clouds“ (Regenmacher), was soviel heißen soll, daß sie Licht ins Dunkel oder den Nebel bringen, den das Internet bei aller Primärinformationsleistung verbreitet. Dafür müsse man noch schneller und besser als die User sein.

          Vertrauen als Währung

          Die wiederum, da war sich Glocer mit Steve Hayden, dem stellvertretenden Chef der Werbeagentur Ogilvy Worldwide, einig, binde man nachhaltig an sich, wenn man sie als Partner verstehe und mit ihnen eine Gemeinschaft bilde, nicht nur als Schreiber von Kommentaren zu Artikeln. In eine Welt wie jene der vor allem in den Vereinigten Staaten erfolgreichen Sammelseite MySpace.com müsse man vorstoßen, meinte Glocer. Hier finde die „nächste fulminante Umwälzung im Internet“ statt, auf einer Seite, die weltumspannend Gleichgesinnte zusammenbringt. Diesen Wert hat der Medienmogul Rupert Murdoch erkannt, er hat den Marktplatz von Meinungen - und allerlei Mätzchen - für 580 Millionen Dollar in bar gekauft (siehe auch: Murdochs coole Seite im Internet). Bei all dem aber gelte, sagte Glocer, eine Währung nach wie vor, die da lautet: Vertrauen. Vertrauen in die Wahrhaftigkeit und die Zuverlässigkeit der Information. „Wer das Vertrauen des Publikums verliert, der verliert das Publikum selbst.“

          Sich gegen dessen zunehmende Mündigkeit zu sperren, meint Jeff Jarvis, der den Blog Buzzmachine.com unterhält und die „New York Times“ als Onliner der ersten Stunde in Netzfragen berät, sei sinnlos. „Die Leute haben die Macht, sie haben die Kontrolle“, sagte er und wollte wissen, wie die Türwächter der öffentlichen Meinung damit umgehen. Der englische „Guardian“ geht offensiv damit um und bietet seinen Internetlesern mannigfaltige Möglichkeiten, Beiträge zu liefern.

          40.000 „Citizen Reporters“

          Bei der „International Herald Tribune“ suche man eine regelrechte „Beziehung“ zu den Lesern und Usern aufzubauen, sagte der Redakteur Mike Oreskes. Die koreanische Seite OhmyNews.com ist noch etliche Schritte weiter. Sie basiert, wie ihr Chefredakteur Euntaek Hong erklärte, auf den Beiträgen von 40.000 sogenannten „Citizen Reporters“ im eigenen Land und ausgewählten 600 in aller Welt für die internationale Ausgabe. Ihnen stehen gerade einmal fünfzig festangestellte Reporter und Redakteure gegenüber, welche die Infoflut der „Amateur-Reporter“ zu bewältigen haben. Bei OhmyNews wird der herkömmliche Nachrichtenbegriff erweitert. Eine Nachricht ist hier, „was die Leute denken“.

          Daß sich das inzwischen auch gut vermarkten läßt und Anzeigenkunden anzieht, wußte Euntaek Hong zu berichten. Koichi Yamamoto vom japanischen Dentsu Institute for Human Studies legte dar, daß das jüngere Publikum einigermaßen durchdringend inzwischen nur mit Werbekampagnen zu erreichen sei, die auf Zeitungen, Rundfunk und das Internet setzten. Bei manchen Kampagnen habe sich die Markenkenntnis durch Online-Werbung - neben „Offline“ - exakt verdoppeln lassen. Wobei Steve Hayden den Tip gab, daß die Werbung im Internet am besten zu konsumieren sei, wenn sie sich nicht als Popup vor den Text schiebe, sondern diesen auf Laufbändern oder an den Seiten ergänze. Daß, wer mit seinen Angeboten sich dem Netz verweigert oder nur in Spurenelementen öffnet, ganz draußen ist, das war in London gar keine Frage mehr.

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