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Gespräch mit Ingrid Caven : Dekadenz gefällt mir!

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Ingrid Caven mit Ulli Lommel in Fassbinders „Satansbraten“ (1976) Bild: ddp Images

Von starken Frauen, erfolgreichen Hexen, RAF-Terroristen, die zur Probe kamen und Mick Jaggers Art, sich zu bewegen: Ein Gespräch mit der großen Schauspielerin und Sängerin Ingrid Caven.

          Ein Herrensakko um die Schultern gehängt, dunkle Sonnenbrille, betritt Ingrid Caven die Bar des Pariser „Hôtel Pont Royal“. Sie blickt sich um und setzt sich auf das samtene Kanapee, ruft einen Kellner, bittet darum, die Klimaanlage abzustellen, und bestellt einen Verveine-Tee. Sie deutet auf ihren Hals. Die Stimme. Bereits am Morgen habe sie geprobt. Seit Ende der siebziger Jahre lebt Ingrid Caven in Paris, der Stadt, in der sie als Sängerin ihre größten Triumphe feierte. In Deutschland ist sie vor allem als Ehefrau und Schauspielerin des Regisseurs Rainer Werner Fassbinder bekannt. In mehr als zwanzig seiner Produktionen wirkte sie mit, darunter „Satansbraten“, „In einem Jahr mit 13 Monden“ und „Mutter Küsters’ Fahrt zum Himmel“. Fassbinder würdigte sie aber auch als Sängerin: Er schrieb, wie übrigens auch Hans Magnus Enzensberger, seine einzigen Lieder für sie, vertont von Peer Raben. Geehrt für ihre künstlerischen Leistungen wurde sie besonders in Frankreich. Als bis heute einzige deutsche Interpretin wurde sie mit dem Chevalier des Arts et des Lettres und dem Commandeur des Arts et des Lettres ausgezeichnet. Zu ihren jüngsten Filmen gehören Luca Guadagninos „Suspiria“ und Rita Azevedo Gomes’ „Die Portugiesin“. An der Volksbühne spielte sie zuletzt neben Helmut Berger in Albert Serras „Liberté“. Cavens Lebenspartner ist seit Langem der Schriftsteller Jean-Jacques Schuhl, der für seinen Roman über Cavens Leben mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde.

          Frau Caven, die siebziger Jahre standen im Zeichen von Sex, Drugs und Rock’n’Roll. Manche Ihrer Kollegen kamen unter die Räder. Was hat Sie davor bewahrt?

          Stimmt, das gehörte damals einfach dazu. Heroin gefiel mir nicht, das war mir genau wie Haschisch zu passiv. Ich mochte nur Kokain und Champagner. Das sind Aufputschmittel, von denen man selbstverständlich auch abhängig werden kann. Abhängig wurde ich aber nicht, weil ich sehr schnell meine Stimmbänder kaputt gemacht hatte. Ohne nach jedem zweiten Lied Wasser zu trinken, konnte ich gar nicht mehr singen.

          Kokain macht die Stimmbänder kaputt?

          Ja, das trocknet die Schleimhäute aus. Ich sollte deswegen sogar an den Stimmbändern operiert werden. Bis sich alles wieder beruhigt hatte, sind zwei Jahre vergangen.

          Wie haben Sie das alles schadlos überstanden?

          In erster Linie dank meiner musikalischen Erziehung von Kindesbeinen an. Und dank der Psychoanalyse, später.

          Die Schauspielerin und Sängerin Ingrid Caven 2011 in Berlin

          Besitzen Sie eine innere Stärke?

          Stärke? Nein. Ich bezeichne mich nicht als starke Frau. Eine „starke Frau“ – das ist ein steriler Begriff. Ich kann auch nichts mit „natürlicher Frau“ anfangen – wohl aber mit einem starken Naturell. Mit dem Bild der starken Frau in den gesellschaftlich üblichen Bildern habe ich mich nie identifiziert. Mit meiner Musik, meiner Bewegungsbegabung, meiner Frechheit, meiner Art von Widerstand siedle ich mich eher im Hexenbereich an. Das hat mir oft Ablehnung eingebracht, vor allem von Frauen! Nicht dass ich hübscher gewesen wäre – obwohl ich immer ein hübsches Ding war –, aber ich war lustiger, konnte mich besser bewegen. Das führte zu einer zwiespältigen Haltung meiner Umgebung: Auf der einen Seite wollte man mit mir befreundet sein, jedoch immer, wenn ich ausgebrochen bin aus dieser Rollenkonstellation, hieß es: Du Hexe!

          Empfinden Sie sich auch als zerbrechlich?

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