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Gespräch mit Ingrid Caven : Dekadenz gefällt mir!

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Das war natürlich eine Beschränkung der Freiheit, eine Isolierungspraxis, hatte aber auch etwas Rührendes. Er wollte auf eine kindliche Art, dass ich ganz bei ihm bin. Dafür hat er alles getan. Er hatte diese fixe Idee, dass mich alle Männer ständig haben wollten – das war wirklich eine Art Wahn! Andererseits hat er mich trotz dieses Besitzanspruches nicht unterdrückt. Dieses ganze Gerede von Rainers Art, die Menschen in seinem Umfeld zu unterdrücken, ist ein schrecklicher Unsinn! In der Arbeit allerdings war ihm jedes Mittel recht, da war er manchmal ein Tyrann.

Apropos Kampf gegen den Faschismus: Wie nah standen Sie der RAF?

Was uns alle wahnsinnig gemacht hat, war, dass Nazis wieder Spitzenpositionen in Justiz und Wirtschaft innehatten! Ulrike Meinhof war eine Journalistin, die genau das monierte. Ihr persönlich bin ich nie begegnet, ich habe nur die beiden Verrückten getroffen, Baader und Ensslin. Die kamen zu uns in die Probe, sie blieben aber nur stumm sitzen und guckten im Kreis herum. Nichts hat uns Künstler mit diesen Leuten und ihren Waffen verbunden!

Hatte diese Nähe zur RAF auch Folgen für Sie selbst?

Auf jeden Fall, sie wollten den Rainer entführen. Sie haben bei uns Zettel an der Windschutzscheibe hinterlassen mit der Nachricht: „Wir müssen dich sehen“. Das hat uns Angst gemacht. Deshalb sind wir öfter mal nach New York abgehauen, bis ich gesagt habe: Was soll das eigentlich, ich werde die jetzt treffen! Plötzlich war ich verabredet mit einem von diesen RAF-Leuten. Rainer hat mich mit dem BMW in die Nähe des Treffpunkts gefahren. Der Typ hat mich erst einmal gefragt, weshalb ich ohne Rainer da sei. Ich sagte ihm, das sei so abgemacht gewesen. Dann sagt der: „Ich könnte dir ja jetzt eine Spritze geben.“ Ich: „Nein, das könntest du nicht, denn um die Ecke stehen Leute, die dich dann schnappen. Mit Rainer werdet ihr jedenfalls nicht sprechen.“ Rainer übrigens war kein tapferer Kerl in dieser Beziehung, er hatte furchtbare Angst vor einem Treffen mit der RAF. Verständlicherweise! Unsere Sache war es nicht, zur Waffe zu greifen. Wir hatten die Kunst. Niemand von uns hätte unterstützt, dass jemand umgebracht wird! Da waren die Grenzen ganz klar.

Wie erklären Sie sich, dass später so mancher Linke zum Faschisten mutierte? Fassbinder zeigt das in seinem Film „Satansbraten“.

Ja, die ganz Linken, die Linksextremen haben wie die Kommunisten auch eine Neigung zum Faschismus. Jedem Extremismus wohnt eine Tendenz zum Faschismus inne. In „Satansbraten“ geht es um alltäglichen Faschismus: Ein mittelbegabter Künstler in der Krise gibt die Poesie eines Dichters als seine eigene aus und entwickelt sich gleichzeitig zum Familientyrannen. Bei Fassbinder wird das zur großartigen Groteske.

Wie kann man heute aufbegehren?

Ich denke, dass man sich in dieser enorm konfusen Welt gar nicht mehr präzise wehren kann. Wir lebten damals noch in der Illusion, etwas verändern zu können. Diese Illusion geht heute nicht mehr auf, sie war ohnehin etwas naiv gedacht. Das Einzige, was man heute tun kann, ist, einen Gedanken präzise zu fassen und in eine künstlerische Form zu gießen. Innerhalb der Form muss es vibrieren. Mancherlei moderne Kunst, die so allgemein tut und herumwabert und so amöbenhaft ist, eigentlich ohne Inhalt, macht keinen Spaß. Ohne Form und Artifice aber kann Kunst keine Wahrheit vermitteln. Da kann keine erotische Spannung entstehen. Wo die Erotik abgewürgt wird, obsiegt der Tod.

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