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Gespräch mit Ingrid Caven : Dekadenz gefällt mir!

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Es gibt dieses Foto, das Roswitha Hecke in den Siebzigern von Ihnen gemacht hat: Sie mit dramatisch geschminkten Augen und Zigarette unter einer Marienfigur mit Jesuskind...

Einen Pelz trage ich da auch noch, nicht wahr? Auf dem Bild gibt es eine Verbindung zwischen mir und der Madonna: Die sündige Frau mit ihrer Komplizin, der Heiligen Mutter Gottes. Warum eigentlich sollte eine Madonna nicht rauchen? Diese Bildidee konnte vielleicht nur von einer Frau stammen. Eine intime Sache zwischen zwei Frauen, die gut funktioniert hat. Das Foto übrigens haben wir in Paris gemacht bei Verlegerfreunden, in einer Art Opiumhöhle.

Hat das Bild etwas Religiöses für Sie?

Hm. Ich wurde zwar katholisch erzogen, fühle mich der Kirche heute aber nicht mehr so verbunden. Obwohl ich denke, man braucht sie, weil die katholische Kirche eine der raffiniertesten Kirchen ist: Du darfst sündigen, musst beichten gehen, und dann geht’s dir wieder besser. Das hat etwas unheimlich Befreiendes! Die katholischen Rituale sind attraktiver als andere. Ich bezeichne mich zwar nicht mehr als katholisch, aber eine Art Religiosität habe ich in mir; eine Religiosität, die ich zum Beispiel in der Musik lebe. Ich habe ja früh Orgel gespielt in der Kirche in Saarbrücken. Religiosität ist in gewisser Hinsicht auch erotisch.

Der Weihrauch, die Sinnlichkeit ...

Oh ja, das ist raffiniert. Bravo! Solange es nicht in Eiferertum ausartet: d’accord.

Im Alter von vier Jahren haben Sie vor NS-Offizieren ein Weihnachtslied dargeboten.

(Sie intoniert „Leise rieselt der Schnee) In Weihnachtsliedern liegt so eine geheimnisvolle Freude, so wie in den Grimmschen Märchen, die ja auch die grausigsten der ganzen Welt sind. Sie haben eine solche Kraft, weil jedes Kind ganz früh weiß, dass es auch böse sein kann. Das Freudsche „Unheimliche“ zeigt sich in diesen wunderschönen, frostigen Winternächten: Es ist bitterkalt, Menschen sterben da draußen, und wir sitzen hier im Warmen und Trockenen. Kinder verstehen das. Das ist unheimlich und nicht nur heimelig. Es gibt da so eine Spannung, in der man sich verliert. Das ist etwas Schönes und macht zugleich Angst.

Ingrid Caven (ganz rechts) mit Rainer Werner Fassbinder und den anderen Schauspielern seines Antitheaters 1971 in Köln, wo sie mit „Blut am Hals der Katze“ gastierten

Und die Offiziere?

Die habe ich gar nicht wahrgenommen. Singen hab’ ich schon ganz früh überall müssen, als Dreijährige bereits am Totenbett meines Großvaters. Da haben sie mich rübergeschickt und gesagt: Jetzt sing mal! „Lang, lang ist’s her.“ Gesungen habe ich wie andere Kinder gebabbelt, das machte ich so nebenbei.

Mit Fassbinder bekämpften Sie später jede Form von Faschismus.

Faschismus, das ist ein großes Wort! Was uns eigentlich interessiert hat, war der alltägliche Machtmissbrauch bis in private Beziehungen hinein, der Faschismus zwischen uns: Das war das Radikale! Rainer wollte mich schließlich immer ganz für sich haben. Ich musste immer da sein. Am liebsten sogar, wenn er des Nachts im Englischen Garten als Voyeur unterwegs war. Übrigens, eine der erschütterndsten Sachen, die ich mit Rainer erlebt habe, vielleicht ein Jahr vor seinem Tod, war, als er zu mir sagte: Ich habe keinen Spaß mehr beim Zusehen. Denn ein Regisseur, der nicht mehr Voyeur sein kann oder mag, kann kein guter Regisseur sein.

Wie sind Sie denn mit seiner totalen Vereinnahmung umgegangen?

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