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Gespräch mit Ingrid Caven : Dekadenz gefällt mir!

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Ich verbringe keinen einzigen Tag ohne den Gedanken an den Tod, auch den von anderen. Wenn einem das bewusst ist, wie kann man sich da stark fühlen? Stärke ist für mich etwas, das mit Lebendigkeit zu tun hat. In Gesellschaft von Leuten, die ich als stumpf empfinde, bei denen ich keine erotische Stimulation spüre, langweile ich mich sehr schnell. Rainer hatte Erotik. Dass ich das so sah, haben viele belächelt: Rainer mit seinem Stimmchen! Nun, die Stimme kann anziehen oder abstoßen. Ich habe die Erfahrung gemacht, sie stößt die richtigen ab.

Hat diese Anziehungskraft etwas Animalisches?

Ja, das ist der Tierwelt durchaus vergleichbar. Katzen zum Beispiel springen mich an, die lassen mich nicht mehr los. Das liegt an meiner Stimme. In unserem Haus in Aix lebt Alfred, ein einäugiger schwarzer Kater, der so wild auf mich ist, dass ich Angst habe vor dem. Tiere reagieren auf Stimmen, Kommunikation ist mit ihnen möglich. In Rita Azevedo Gomes’ Film „Die Portugiesin“ haben wir mit Kaninchen, Katzen, Gänsen gedreht, die mehr verstehen, als wir glauben.

Die selbstzerstörerische Seite des Künstlerdaseins scheint heute durch einen Gesundheitswahn abgelöst zu werden. Gehören auch Sie zu den Bekehrten?

Ach, das hätte ich früher machen müssen, jetzt ist es dafür zu spät. Uns hat das Thema der Erweiterung und Enteignung des Bewusstseins mehr interessiert damals als die körperliche Gesundheit, auch glaubten wir an die Kraft des Geistes. Rainer und ich als Paar wurden mitunter beschimpft als der bekiffte schwule Berserker und die schicke Sängerin mit dem intellektuellen Touch. Wir hatten in den Siebzigern diese Illusion von Freiheit, die uns Kraft gab. Heute kann man die gar nicht mehr haben, also wozu macht man sich da noch kaputt?

Ingrid Caven und Rainer Werner Fassbinder im Mai 1973

In den Siebzigern existierte zeitweilig eine Art Achse schillernder Dekadenz zwischen München, Paris, Rom und New York.

Moment, wieso dekadent? Dekadenz kann vieles sein. Pessimismus und Verfall, aber auch Aufbegehren ist Dekadenz. Dekadenz gefällt mir immer! Aber das, glaube ich, wollen die Leute heute nicht. Es ist so anders gewesen in den Siebzigern, dass man heute vielleicht besser die zwanziger Jahre verstehen kann als jene Zeit. Möglicherweise liegt es daran, dass es eine Zeit war, in der das Spiel auch mit außergewöhnlicher Sexualität in den Vordergrund treten durfte; vergleichbar mit der vorrevolutionären Phase des 18. Jahrhunderts in Frankreich. Diese Atmosphäre wiederzugeben in heutiger Zeit, ist kaum mehr möglich.

1977 war auf dem Titel der Zeitschrift „Egoïste“ Mick Jagger abgebildet, aber auch Ihr Name stand auf dem Titelblatt. Haben sich Ihre Wege gekreuzt?

Ja, ich hab’ Mick Jagger kennengelernt durch Daniel Schmid auf einem Film-Festival in New York. Zur Vorstellung von Schmids „Paloma“ war die ganze Warhol-Clique gekommen, Daniel war ja sehr weltläufig. Warhol hatte sogar ein Plakat von „Paloma“ in der Factory hängen. Jack Nicholson gab eine Party, da waren natürlich die attraktiven Leute, also auch Mick Jagger. Mein musikalisches Ideal waren zwar eher die Beatles, aber die Rolling Stones hatten so gute Texte!

Und Jagger?

Da hatte ich das Gefühl, ich beweg mich besser. Er ging immer so (sie imitiert ihn) ein bisschen gockelhaft. Aber das war auch gut und witzig.

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