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Neu im Kino : Besser kann der deutsche Film nicht sein

Felix Kammerer (rechts) und Albrecht Schuch (links) in „Im Westen nichts Neues“. Bild: Reiner Bajo

Edward Berger adaptiert Remarques Bestseller „Im Westen nichts Neues“, Michael Herbig macht aus dem Relotius-Skandal eine Komödie, und Rosa von Praunheim tanzt den Rex Gildo. Geht das Kinopublikum mit?

          6 Min.

          Wo das Publikum bleibt, das ist noch immer die große Frage in der Kinobranche. Die Hoffnungen auf einen Herbst, der aufatmen lässt, sind gedämpft, auch wenn die offiziellen Zahlen für das erste Halbjahr 2022 den Schluss nahelegen, es könne nur besser werden.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Um etwas mehr als 38 Prozent schrumpften die Besucherzahlen im Vergleich zu 2019, dem letzten Jahr vor Corona. Weder „Top Gun: Maverick“ noch „Phantastische Tierwesen“ konnten die Bilanz entscheidend aufbessern. Für deutsche Filme ist die Lage noch trüber. Der Marktanteil von 21,2 Prozent verteilt sich auf 109 Filme (inklusive Koproduktionen); die 49 amerikanischen Filme, die im selben Zeitraum starteten, erzielten dagegen 67,1 Prozent.

          Dass Karoline Herfurths „Wunderschön“ überraschend gut lief, dass derzeit auch „Die Känguru-Verschwörung“ oder „Guglhupfgeschwader“ anständige Besucherzahlen erreichen, verringert nicht die Sorge, die durch die Branche geht. Wenn man über den deutschen Film schreibt, dann ist das immer auch wie ein Patientenbesuch mit ungewisser Dia­gnose. Ein Kritiker ist nun mal kein Arzt und weiß auch keine Therapie.

          Solche Sorgen sind bei Edward Bergers „Im Westen nichts Neues“ allerdings überflüssig. Die erste deutschsprachige Verfilmung von Erich Maria Remarques Bestseller aus dem Jahr 1928 – nach der amerikanischen Adaption von 1930 und einer ebenfalls amerikanischen Fernsehversion von 1979 – ist eine Netflix-Produktion mit großem Budget. Sollte sie bei den Abonnenten nicht so gut ankommen, treibt das niemanden in den Ruin.

          Für Netflix ist es offenbar noch immer eine Frage des Prestiges, einen solchen Film für einen kurzen Zeitraum in die Kinos zu bringen, bevor man ihn weltweit streamt. Dass dann aber ein Gremium von German Films, dem Unternehmen, das jährlich den deutschen Beitrag für die Oscars auswählt, sich ausgerechnet für Bergers Film entscheidet, ist befremdlich.

          Noch ein Oscar für Netflix?

          Man spekuliert auf den Nimbus, der das Buch umgibt, und auf die unstrittige Anti-Kriegs-Botschaft in Zeiten des Krieges. Wie sehr eine solche Entscheidung den Status von Kinofilmen nicht nur bei den Oscars weiter aushöhlt, scheint dabei nicht zu interessieren. So wenig wie der Widersinn, dass Bergers Film eindeutig für die große Leinwand gemacht ist und seine Wirkung sich beim Streamen auf den üblichen Endgeräten verliert.

          In einem Interview mit dem „Hollywood Reporter“ hat Berger gesagt, es sei ihm wichtig gewesen, das Publikum in die Perspektive Paul Bäumers zu versetzen, des Protagonisten, der sich 1917 mit seinen Mitschülern aus dem Gymnasium freiwillig meldet und an die Front geschickt wird. Jede Einstellung, jede Kameraposition, so Berger, sei von dieser Absicht geprägt: „Ich wollte es physisch spürbar werden lassen, als gingen wir mit ihm da durch.“

          Es ist nun nicht so, dass er es nicht versucht hätte, mit Handkamera, Nahaufnahmen knietief in Schlamm und Dreck der Schützengräben. Doch da ist zugleich eine andere Erzählhaltung, sie arbeitet mit Aufsichten, zeigt etwa ein graues Schlachtfeld voller Leichen, Krater, Pfützen, Panzerblockaden aus großer Höhe.

          Es gibt ausgiebige Parallelfahrten, wie überhaupt die Kamera nicht diskret registriert, sondern sich immer wieder spektakulär bemerkbar macht. Das ist der Gestus eines allwissenden Erzählers, aber kein Erzählen in der ersten Person Singular. Die Montage unterstützt diesen Effekt. Immer wieder bedeutungsschwere Bilder, eine Flasche in einem Trog, ein Stück Brot, ein flatterndes Blatt Papier – mit der Wahrnehmung des Soldaten Bäumer haben diese flüchtigen Stillleben kaum etwas zu tun.

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