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„Im Westen nichts Neues“ : Ein Krieg aus dem Katalog

Letzter Sturmangriff für eine verlorene Sache: Szene aus Edward Bergers Verfilmung von „Im Westen nichts Neues“ Bild: Reiner Bajo

Edward Bergers „Im Westen nichts Neues“ ist schon die dritte Verfilmung des Romans von Erich Maria Remarque. Dabei sucht Berger einen spezifisch deutschen Zugang zu der Vorlage. Das hat Folgen für seinen Film.

          4 Min.

          Es gibt keine Antikriegsfilme. Es gibt nur Kriegsfilme, die auf der Höhe ihres Themas sind, und andere, die es nicht sind. Dass Lewis Milestones „Im Westen nichts Neues“, die erste Verfilmung von Erich Maria Remarques Roman von 1928, dennoch bis heute als Antikriegsfilm gilt, hat damit zu tun, dass Milestone im Jahr 1930 etwas wagte, was bis dahin noch kein Kriegsfilmregisseur gewagt hatte: Er erzählte eine Geschichte ohne Helden.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Seine Hauptfigur Paul Bäumer ist einer von vielen, ein Gesicht unter Millionen, und zuletzt, auch das ein Verstoß gegen jede Filmkonvention, ist Bäumer tot. Die Nationalsozialisten, die schon gegen Remarques Buch ge­hetzt hatten, zogen gegen Milestones Film alle Register, sie warfen Stinkbomben in die Kinos, trieben weiße Mäuse durchs Parkett, pöbelten Besucher an. Am Ende er­reich­ten sie ein staatliches Aufführungsverbot, dessen Wirkung durch die spätere Freigabe unter harten Schnittauflagen nur wenig abgemildert wurde. Die zugehörige Zensurkarte der Obersten Filmprüfstelle der Weimarer Republik ist in der Berliner Kinemathek öffentlich zugänglich.

          Auch Edward Bergers Remarque-Verfilmung – die dritte nach der Fernsehversion Delbert Manns von 1979 – will eine Ge­schich­te ohne Helden sein. Darum be­ginnt sie mit Bildern eines Sturmangriffs, bei dem Männer in grauen Uniformen aus ih­rem Graben stürzen, im gegnerischen Feuer durchs Niemandsland rennen, schießen, schreien, fallen und schließlich auf einem Haufen Gefallener landen, die von Verwertungstrupps gefilzt und entkleidet werden. Die blutgetränkten Uniformen kommen in die Reinigung und anschließend auf die Arbeitstische von Näherinnen, die die von Kugeln und Granatsplittern gerissenen Lö­cher ausbessern. Am Ende des Verwertungskreislaufs liegen die Kleidungsstücke in der Materialausgabe für den Soldatennachschub. Eine der Jacken trägt noch das Namensschild ihres Vorbesitzers, als sie an den nächsten Kriegsfreiwilligen übergeben wird. Er heißt Paul Bäumer.

          Bergers Film braucht etwa eine Viertelstunde, bevor die Geschichte in die Ich-Perspektive kippt, in der Remarques Vorlage geschrieben ist. Für einen Roman ist dieser Blickwechsel kein Problem, weil er die Beziehung zwischen Leser und Erzähler ständig neu justieren kann. Ein Film dagegen klebt an seiner Hauptfigur, sobald er die Welt mit ihren Augen zu sehen beginnt. Deshalb springt Bergers Kamera rasch wieder in die Totale zurück und zeichnet Paul Bäumer in ein kaiserzeitliches Sittenpanorama ein. „Norddeutschland, Frühjahr 1917“ ist eine Welt, in der sich ganze Gymnasialklassen, von ihren Deutschlehrern angefeuert, geschlossen zum Fronteinsatz melden. Nach der Uniformausgabe werden Bäumer und seine Freunde bei Remarque auf dem Kasernenhof geschliffen. Der Name ihres Ausbilders, Himmelstoß, stand in der späten Weimarer Republik sprichwörtlich für den deutschen Kommissgeist. Berger hingegen hat den Schleifer gestrichen. Er will zur Sache kommen – und übersieht dabei, dass er ohne Himmelstoß an ihr vorbei zielt: am Krieg als einem gesellschaftlichen, nicht nur militärischen Phänomen.

          Was dann zu sehen ist, hat die Filmbewertungsstelle in Wiesbaden in ihrem Gutachten zu „Im Westen nichts Neues“ folgendermaßen beschrieben: „Eindrucksvoll eta­blie­ren Berger und sein Kameramann James Friend das Setting des Schützengrabens ... Die Aufnahmen sind so präzise und exakt komponiert, dass sie fast schön wirken inmitten all dieser Grausamkeit, auch weil Berger und Friend immer wieder erhebende Aufnahmen von Bäumen und Natur einblenden. Auf der Soundebene erzeugt ei­ne wiederkehrende basslastige Melodie ei­ne gruselige vorahnende Angststimmung ...“. So klingt das Fazit eines Schockers mit Kulturfilm-Einlage, einer Schlachtplatte mit ästhetischem Topping. Leider ist die Beschreibung korrekt. Zu ergänzen wäre, dass der Regisseur und sein Kameramann nicht nur das „Setting“ des Grabens, sondern auch das des ganzen Krieges katalogmäßig abarbeiten, vom Einzelbeschuss bis zum Trommelfeuer, vom Handgranatenwurf bis zum Spateneinsatz, vom Verschüttetwerden bis zum Panzer- und Flammenwerferangriff. Und dass zu den „fast schön“ wirkenden Aufnahmen auch das Bild der Oberhälfte einer Männerleiche in einer Astgabel gehört. Es ist, als wollte der Film die gestrichenen Kasernenhoflektionen auf dem Schlachtfeld nachholen, ohne dabei den genreüblichen Schnappschuss aus der Hölle zu vergessen.

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