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Im Kino: „Winternomaden“ : Herdenwanderprotokoll

Heim und Herde: Die Schäferin Carole Noblanc in „Winternomaden“. Bild: Neue Visionen

Im Wechsel der Jahreszeiten und mit einer Schafherde durch den Schweizer Jura: Manuel von Stürlers preisgekrönte Dokumentation „Winternomaden“.

          Den Schlachthof sieht man nicht. Nur ein zweistöckiger Transporter kommt manchmal in Sicht, gezogen von einem Geländewagen, dem ein kleiner, leutseliger Mann entsteigt, der mit dem Schäfer ein paar Worte wechselt, bevor er ihn die Schafe dutzendweise in den Anhänger treiben lässt. Dann geht die Klappe hoch. Das Fleisch sei für den Export bestimmt, heißt es, oder vielleicht ist es auch das nahende Ostergeschäft. Jedenfalls findet die ökonomische Wirklichkeit, der Verwertungskreislauf des Fleisches, hinter einem Horizont statt, den der Film „Winternomaden“ nur vorsichtig streift, um sich nicht die Lust an einer anderen, poetischeren Kreisbewegung verderben zu lassen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Transhumanz, so nennt man den jahreszeitlichen Wechsel der Weidegebiete, der zu den ältesten Kulturtechniken der viehzüchtenden Menschheit gehört, und zu ihr gehört der winterliche Schaftrieb im Schweizer Jura, den Manuel von Stürlers Film mit der Kamera begleitet. Es geht darum, dass die Tiere auf den Almwiesen fett und kräftig werden, aber Stürler sucht natürlich etwas anderes hinter den Ansichten des Schäfers, der Schäferin, ihrer drei Esel, vier Hunde und achthundert Schafe, die durch die mal verschneite, mal tropfnasse Hügellandschaft ziehen. Die Orte wechseln, es gibt Ärger mit den einen und Essensgeschenke von den anderen Bauern, zwischendurch werden Weihnachten und Silvester gefeiert, aber im Grunde, scheint es, geht es dem Film immer nur um das eine, reine, vollkommene Bild, das Bild der Schäferei schlechthin.

          Carole und Pascal

          Er findet es nicht, denn es ist nicht da. Das Hirtenidyll, das die moderne Fotografie von der klassischen Malerei geerbt hat, war immer eine Illusion, und Stürler muss schon den Vollmond im Geäst, einen spielenden Hundewelpen und den Blick des schwarzen Leitschafs Marilyn bemühen, um etwas Romantik in sein Wanderungsprotokoll zu bekommen.

          Der Hirte Pascal Eguisier, die zentrale Figur des Films, wirkt dagegen wie die Verkörperung des Realitätsprinzips. Wenn er seine Partnerin Carole Noblanc anschnauzt, weil sie die Herde vom Weg abkommen ließ, oder sich reglos mit gerunzelter Stirn das Gemecker der Dörfler anhört, die den Weiterzug über ihre Grundstücke verweigern, erfährt man einiges über den Charaktertypus, der sich in der Einsamkeit des Schäferlebens herausbildet. Man würde gern noch viel mehr erfahren, auch über die Route, die Traditionen und die Ökonomie des Schaftriebs, aber der Film taucht manches, was seine Begeisterung stören könnte, lieber in impressionistische Unschärfe.

          Manuel von Stürler hat als Bühnenmusiker und Komponist angefangen, „Winternomaden“ ist sein Regiedebüt. Die schönsten Momente des Films handeln vom Zusammenspiel von Bildern und Klängen, davon beispielsweise, wie das Gebrüll der Autobahn zu Beginn der Wanderung übergeht in die Stille des Waldes. Ein paar kostbare Augenblicke lang übertönen die Stimmen der Herde das Ticken der Uhren. Aber die Zeit rast weiter. Vor drei Wochen gewann „Winternomaden“ den Europäischen Filmpreis als beste Dokumentation. Und Pascal Eguisier ist wahrscheinlich schon wieder mit den Schafen im Jura unterwegs.

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