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Im Kino: „Wie beim ersten Mal“ : Damals Hippies, heute unhappy

  • -Aktualisiert am

Immerhin, zusammen lachen geht noch: Meryl Streep und Tommy Lee Jones Bild: dpa

Wenn zwei Verheiratete nach einem Rettungsschirm greifen, muss das nicht lustig sein. Dem Film „Wie beim ersten Mal“ gelingt der Spaß - vor allem wegen Meryl Streep und Tommy Lee Jones.

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          Die denkbar größte Entfernung liegt zwischen zwei Schlafzimmern. Im einen schaut sich eine Frau im Spiegel an, prüft den Sitz ihrer Frisur, sie will schön sein für ihren Mann. Der ist am andern Ende des Flurs bereits zu Bett gegangen, noch ein paar Seiten Lektüre, dann wird das Licht ausgemacht. Es ist ein weiter Weg aus der Angst heraus, durch die Scham hindurch, an den Zweifeln vorbei, bis sie geklopft hat und eingetreten ist und fragt: „Willst du heute Nacht bei mir schlafen?“ Und er sagt: „Wieso? Ist was mit deiner Heizung?“

          Einunddreißig Jahre sind sie verheiratet, der Anwalt und seine Frau. Zum Hochzeitstag schenkt er ihr ein Pay-TV-Abo, und weil sie enttäuscht ist, wird nachgebessert mit Ohrringen. „Die haben der Verkäuferin am besten gefallen“, erklärt er und begreift nicht, dass eine Ohrfeige weniger kränkend gewesen wäre.

          Auf Distanz zur Libertinage

          Kay (Meryl Streep) und Arnold (Tommy Lee Jones), beide Mitte sechzig, gehören zur Babyboomer-Generation, und wie ein Großteil der zwischen 1946 und 1962 geborenen Amerikaner - es sind heute rund 79 Millionen - sind sie Erben des Wirtschaftsbooms der Nachkriegszeit. Dass diese Best Ager das amerikanische Renten- und Gesundheitswesen zum Kollabieren bringen könnten (laut Studien werden im Jahr 2029 zwei Angestellte einen Rentner finanzieren), davon muss David Frankels Film erst einmal nichts wissen.

          Er zeigt ein bürgerliches Ehepaar inklusive schuldenfreiem Eigenheim und gut gefülltem Bankkonto. Viel bedeutender, im Sinne des ideologischen Kontrasts, wirkt die sexuelle Revolution für diese Geschichte: Schwer vorzustellen, wie Kay und Arnold in Woodstock tanzten. Vielleicht stellt ihre Zugeknöpftheit sogar die unbewusste Abkehr von der verordneten Libertinage der Hippie-Ära dar.

          Erst das Vergnügen, dann die Ernsthaftigkeit

          Aber dann ist da immer noch das in den Körpern schlummernde Begehren, vergangene Wonnen zu beschwören. Kay bucht einen Paartherapiekurs, Arnold folgt nur widerwillig. Programmatisch ist hier der Satz: „Wenn dieser Seelenklempner nur ein Wort über verdrängte Erinnerungen sagt, dann bin ich weg.“

          Die Aversion gegen diagnostische Expertisen war schon immer gut für Witze, und Tommy Lee Jones hat erst einmal viel Spaß an der Darstellung des hemdsärmeligen Alphamanns. „Ihr Kurs kostet viertausend Dollar, dafür hätte ich das Dach neu decken können!“ - natürlich liegt darin eine feine Ironie des Drehbuchs, weil Arnold wirklich einen Dachschaden hat und sehr windschiefe Vorstellungen von Intimität und Partnerschaft. Dass der Seelenarzt mit Steve Carell besetzt wurde, verhieß erst einmal nichts Gutes, man wartete förmlich auf verbale oder mimische Kapriolen des Starkomikers.

          Aber die Regie lässt ihn nur konzentriert schauen und räsonieren, mit dem Effekt, dass die spaßige Entlastung im Fortgang der Handlung mehr und mehr ab-, der Ernst aber zunimmt. Das letzte Drittel des Films ist dann einfach eine exzellente dramatische Inspektion einer Liebe jenseits der sechzig. Und da kommen brisante Fragen ins Spiel: Wie steht es mit der Sexualität? Was bin ich mir, was dem Partner schuldiggeblieben?

          Die Leere zwischen den Schlafzimmer

          So gesehen ist in der Geschichte dann doch ein Zeitkommentar enthalten: Wenn ein System erst einmal strukturell Schaden genommen hat, wird es schwer, wieder aus der Krise herauszukommen. Schulden, auch emotionale, sind nicht beliebig anzuhäufen.

          Virtuos illustriert Meryl Streep dieses Dilemma auf der Bühne ihres Gesichts. „Ich weiß nicht, was er empfindet“, sagt sie. Und: „Er fasst mich nicht an.“ Zwei Sätze, und es treten auf: Zorn, Verzweiflung, Trauer, Hoffnung, in feinsten, manchmal nur durch einen Wimpernschlag abgestuften Nuancen.

          Das Antlitz von Tommy Lee Jones, seit vielen Filmen die Leinwand zur Bebilderung dunkler Gemütslagen, schafft es, sich bis ins Finale noch mehr zu verfinstern. So füllt sich der Begriff des Charakterfachs dank beider Schauspieler mit Bedeutung: Das geistig-seelische Gepräge einer Figur kommt in ihrer Erscheinung zum Ausdruck.

          Aber wie durchquert man nun diese Leere, die sich zwischen zwei Schlafzimmern ausspannen kann? Der Film gibt eine unerhörte Antwort, jenseits therapeutischer Aufklärungsmodelle und Motivierungsübungen: Man trifft eine Entscheidung. Wie genau das aussieht im Fall von Kay und Arnold, das zu erleben gehört zu den großen Kinomomenten in diesem Herbst.

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