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Im Kino: „Tyrannosaur“ : Verprügelte Würde, besoffene Anmut

Der Engel der Rache ist ein rechtschaffen müder Mann: Peter Mullan als Joseph in „Tyrannosaur – Eine Liebesgeschichte“ Bild: dpa

„Tyrannosaur - Eine Liebesgeschichte“ ist das Regiedebüt des britischen Schauspielers Paddy Considine: Ein lebensgefährliches Abenteuer, in dem alle Figuren Angst vor dem Morgen haben.

          Nach der blutigen Tat blinzelt der alte Trinker wie von allen Lasten erlöst in die Sonne. Er sitzt, umzingelt von den Trümmern seines mit dem Hammer zusammengekloppten Schuppens, auf schäbigem Polstermüll, hat einen unbedingt notwendigen Totschlag begangen und sieht aus wie König Lear beim Bedenken der Entscheidung, ob er in Anbetracht des irdischen Jammers jetzt eigentlich den Verstand verlieren soll oder nicht.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Anders als der von allen verlassene Shakespearesche König aber entscheidet sich Joseph dagegen, seinem auf abschüssiger Bahn ins Verderben schliddernden Leben den letzten Stoß zu geben, denn „enough is enough“. Peter Mullan, der den Mann spielt, gibt in diesem Film, als wäre das seine letzte Chance wie die der Figur, alles, was er hat. Hannah (Olivia Colman, beherrscht und eben deshalb bewegend), die ihn hätte retten können und die er hätte retten wollen, rettet sich lieber selbst. Erst als beide begreifen, dass sie einander annehmen müssen, mitsamt allem, was sich in ihnen vor ihrer Begegnung festgefressen hat, dem ganzen herben Schmutz ihrer kleinbürgerlichen Eheklemme und seiner schleichenden Arbeiterklassenverwahrlosung also, sind sie auf Augenhöhe, erwachsen genug, einander zu lieben.

          Zärtlich, trostreich, kitschfern

          „You’re fucked“, du bist erledigt, sagt er. Wage es nicht, über mich zu urteilen, erwidert sie. Damit beginnt, kurz vor dem Tod aller Hoffnung, der Aufstieg zweier gebrochener Seelen in die zärtlichste, trostreichste und kitschfernste Apotheose, die derzeit im Kino bewundert werden darf.

          Das für die Beteiligten lebensgefährliche Abenteuer geht, wie man so sagt, gut aus, aber ohne ein Stäubchen Puderzuckersüße: Alle Figuren erhalten ihren Lohn und ihre Strafe, das Leben bleibt hart, die Rechnungen sind beglichen, die Gefühle schmerzhaft, aber immerhin wahr.

          „Tyrannosaur - Eine Liebesgeschichte“ ist das nach eigenem Drehbuch inszenierte Spielfilmregiedebüt des britischen Schauspielers Paddy Considine, entwickelt aus dem Keim seines Kurzfilms „Dog Altogether“ von 2007. Die handwerkliche Sicherheit, mit der hier Stoffe angefasst werden, die zum Ausrutschen in karitatives Schmierenpathos oder denunziatorische Groteske herausfordern - Vergewaltigung, Haustiertötung, Altersalkoholismus, Glaubensfragen -, ist beachtlich und macht der unbeirrbar aufs befreiende Ende zulaufenden Handlungsführung alle Ehre. Ton, Bild, Licht greifen in eins: Das Rückkopplungspfeifen beim Kater klingt wirklich, wie sich Kopfweh anfühlt; mit dem Schnitt spielt man nur, wenn die gerade gefilmte Frau im Vollrausch ihr Zeitempfinden verliert; die Nacht schließlich ist etwas, das man nicht mit metaphysischen Schattenmunkeleien verklärt, sondern als Phase der brüsk hereingebrochenen Verfinsterung, der alleingelassenen Gesichter zeigen muss, die Angst vor dem nächsten Morgen haben.

          „I’m not a nice human being“, sagt Joseph, als es wieder hell ist. Nein, die geschlagenen Leute in diesem Film sind nicht hübsch.

          Sie sind schön.

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