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Im Kino: „To the Wonder“ : Predigten von der Liebe im Hause Gottes

Liebesverzückung: Olga Kurylenko und Ben Affleck in „To the Wonder“ Bild: dpa

Kino-Pathos kann ganz schön nervtötend sein: Terrence Malicks neuer Film „To the Wonder“ psalmodiert von Glück und Schmerz. Die Qualität der frühen Filme des Regisseurs bleibt unerreicht.

          2 Min.

          Sie fahren im Zug, draußen weht die Landschaft vorbei, sie lachen, sie sind verliebt. Sie fahren im offenen Auto, draußen weht die Landschaft vorbei, sie lachen, sie sind verliebt. Sie erklimmen die Stufen hinauf zum Mont Saint-Michel, sie lachen, sie sind verliebt, unter ihnen liegen der Felsenstrand und das Meer. Später laufen sie noch durch goldene Ährenfelder, werden ernst, entlieben sich. Manchmal gleitet der Blick nach oben, in die Baumkronen, in denen sich das Licht der Sonne bricht, und in den Himmel darüber. Es geht um die Liebe. Sie, das sind Marina (Olga Kurylenko) und Neill (Ben Affleck).

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Sie sind Suchende, dieser Mann und diese Frau, die sich in Paris verlieben und schließlich gemeinsam - Marina bringt noch ihre Tochter mit - nach Oklahoma fahren, wo Neill irgend etwas Umweltschützendes tut. Und ihr Regisseur, Terrence Malick, ist ein Suchender auch. Er hat sich bisher zwischen seinen Filmen (der Mann wird im November siebzig, hat Philosophie unterrichtet, bevor er Regisseur wurde, und dies ist erst sein sechster Film) viel Zeit gelassen - so dass wir auf seine Werke warteten wie auf Erscheinungen und fast immer überwältigt waren, wenn sie endlich auf die Leinwand kamen.

          Ein Kinoerlebnis größter Intensität

          Terrence Malick hat einige der schönsten Filme der letzten vierzig Jahre gedreht, angefangen mit „Badlands“, seinem Erstling von 1973, über „Days of Heaven“ (1978) und „The Thin Red Line“ (1998). Seitdem halten ihn alle für ein Genie. Es dauerte sieben Jahre, bis er einen neuen Film drehte (“The New World“, 2005) und weitere sechs, bis der nächste kam. Das war „Tree of Life“, der in Cannes 2011 die Goldene Palme gewann.

          Sehr zu Recht, aber nicht alle waren einverstanden. Ihre Argumente - gegen die spirituelle Überhöhung, die Bilder zur Erschaffung der Welt und den allgemeinen Drang ins Esoterische - konnte man damals noch abwehren. „Tree of Life“ war eine Trauerarbeit, ein „Requiem für einen verlorenen Sohn“, wie es an dieser Stelle hieß. So hatte der Film einen ganz klaren Bezugspunkt, auf den alles andere hinwies - den Versuch, dem Tod eines Kindes irgendeine Art von Sinn abzugewinnen. Der Film suchte danach wirklich überall, einschließlich der Baumkronen und der Naturgeschichte, und wurde damit zu einem Kinoerlebnis größter Intensität.

          Cineastische Pathospredigten

          Malicks neuer Film „To the Wonder“ kommt nur zwei Jahre später, und hier gibt es diesen Bezugspunkt nicht. Alles ist allumfassend, die Liebe wie der Schmerz, und alles außerordentlich nervtötend. Die Schauspieler mussten und durften improvisieren. Ob das ein Zeichen genialer Regiekunst ist, darf man angesichts der Ergebnisse bezweifeln. Olga Kurylenko breitet gern theatralisch die Arme aus und dreht sich im Kreis, durch einen Park in Paris, am Strand des Mont Saint-Michel, in den Feldern Oklahomas und auch im Supermarkt von Bartelsville ebendort, wo sie einen Besen zum Partner nimmt. Ben Affleck seinerseits sagt fast nichts und schaut auch so, als fiele ihm zu dem Ganzen gar nichts ein.

          Und dann taucht plötzlich in dieser Kleinstadt im mittleren Westen Javier Bardem auf. Als Priester, der an seinem Glauben zweifelt. Für einen kurzen Augenblick glimmt die Hoffnung auf, nun beginne eine Art „Night of the Hunter“-Geschichte mit Bardem in der Rolle des grausamen Gottesmannes, die damals Robert Mitchum spielte. Aber der Augenblick geht vorüber, und Bardem zweifelt bis zum Schluss, ohne einer einzigen Verführung zu erliegen. Er geht ins Gefängnis, spendet den Häftlingen Trost und jenen, die am Rand der Stadt in zerfallenden Hütten leben - aber diese Einsprengsel von Wirklichkeit werden durch den fast immerwährenden Fluss der weihevollen Voice-over-Erzählungen überspült.

          Möglicherweise ist die Natur die Kirche Gottes. Wenn sich davon im Kino erzählen lässt (es gibt ja Beispiele), dann nicht durch Pathospredigten. Und wenn sich über die Liebe nur so und in solchen Bildern sprechen lässt, lasst uns in Zukunft von ihr schweigen.

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