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Im Kino: „The Green Wave“ : Der kurze Sommer der Hoffnung in Iran

Die Farben sind dunkler geworden, aber die Hoffnung ist nicht gestorben. Ali Samadi Ahadis animierte Dokumentation verstärkt den Kontrast. Bild: Camino

Die grüne Bewegung in Iran ist verblasst, das Regime hat das Land wieder im Griff. Der erschütternde Dokumentarfilm „The Green Wave“ sucht die gebliebenen Befreiungshoffnungen und den versteckten Willen zum Widerstand.

          Iran, im Sommer 2009. Ein Regimewechsel steht an, so scheint es, Millionen gehen für Mir Hussein Mussawi auf die Straße, sie jubeln ihm zu, sie wählen ihn. Und werden um ihre Stimme betrogen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Heute wissen wir nicht genau, was in Iran eigentlich vor sich geht. Wie es auf den Straßen tatsächlich aussieht. Wie viele Menschen protestieren, wie viele verletzt werden, wie viele sterben, wie viele verhaftet sind oder verschwinden. Vor eineinhalb Jahren aber, als zum ersten Mal die Bevölkerung gegen Ahmadineschad auf die Straße ging, in der Hoffnung und Überzeugung, einfach durch Ausübung ihres Wahlrechts einen Regierungswechsel herbeiführen zu können, war das noch anders. Wir hatten Fernsehbilder der Großdemonstrationen vor der Wahl, während der Wahl und danach, vor allem aber wurden Bilder und Filme von Teilnehmern öffentlich, die mit kleinen Digitalkameras oder Mobiltelefonen aufgenommen worden waren. Es gab Blogs, in denen wir von der grausigen Brutalität lesen konnten, mit denen die Revolution niedergeschlagen wurde, Tweets und Facebook-Einträge, über die sich aktuelle Nachrichten verbreiteten. Zumindest was das Herausschmuggeln von Bildern angeht, ist das heute deutlich schwieriger geworden.

          Der Filmemacher Ali Samadi Ahadi, 1972 in Täbris geboren und 1985 ohne seine Familie nach Deutschland gekommen, hat diese inoffiziellen Bilder und Berichte zur Grundlage seines Films „The Green Wave“ gemacht. Dazu hat er Iraner befragt, die im Augenblick nicht in Iran leben: Shrin Ebadi, die Juristin und Nobelpreisträgerin; Payam Akhavan, den ehemaligen UN-Ankläger, juristischen Berater am Internationalen Gerichtshof und Mitgründer des Iran Human Rights Documentation Center; den schiitischen Geistlichen Mohsen Kadivar; den Blogger Mehdi Mohseni und die Journalistin Mitra Khalatbari, die beide in der Protestbewegung aktiv waren und nach deren Niederschlagung ins Exil gingen. Sie alle haben von mehr Demokratie in Iran geträumt, und sie haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sie irgendwann Wirklichkeit werden wird. Akhavan etwa sagt, alle Greueltaten regierungstreuer Schlägertruppen mit oder ohne Uniform würden in seinem Zentrum dokumentiert und mit den Namen der Verantwortlichen versehen: „Der Tag wird kommen, an dem sie sich verteidigen müssen.“

          Verzweifeltes Ausharren nach der gescheiterten Revolution:

          Vom Sommer 2009, als die Straßen Teherans in der Farbe Grün erstrahlten und der Regimewechsel zum Greifen nahe schien und als diese Hoffnung eine Energie als Vorschein der Freiheit freisetzte, die sich dann doch nicht durchsetzte - davon erzählt „The Green Wave“. Und zwar schneidet Ahadi die Interviewpassagen zwischen dokumentarisches Material und montiert diese Elemente in eine als Motion-Comic gestaltete fiktive Geschichte zweier Studenten, Azadeh (Pegah Ferydoni) und Kaveh Navid Akhavan). Diese beiden Erzähler sind Konstrukte aus den Bloggereinträgen und Tweets, die über die Bilder gesprochen werden. Der junge Mann sieht ein bisschen so aus wie der Filmemacher (der nicht nach Iran einreisen darf), die junge Frau trägt einen locker geschwungenen Schal um den Kopf und scheint furchtloser zu sein als er. Sie ist Wahlhelferin beim Präsidentschaftskandidaten Mussawi, der zur Symbolfigur der „grünen Bewegung“ wurde, und sie taucht auch als Ärztin oder Schwester in einem Krankenhaus wieder auf, in dem bei den Straßenkämpfen Verwundete verbotenerweise behandelt werden. „Sieben Menschen sind uns heute gestorben“, heißt es einmal, während sie sich das Blut von den Händen wäscht, „und die Toten werden vom Geheimdienst weggeschleift, bevor wir die Personalien aufnehmen können.“ Auch dies sind Zeilen aus einem Blogeintrag.

          Die Bewegung ist nicht tot

          Diese Art des Erzählens erinnert nicht nur von fern an „Waltz With Bashir“, den vermutlich ersten animierten Dokumentarfilm, den Ari Folman 2008 in Cannes vorstellte. Die Animation Ahadis ist zwar weit weniger elaboriert, aber die Wirkung ist wie damals verblüffend - dass wir nämlich den Dokumentarcharakter des Films sofort akzeptieren, obwohl wir es doch offensichtlich gar nicht mit Dokumenten, sondern mit in Bewegung gesetzten gezeichneten Bildern und mit persönlichen Berichten zu tun haben.

          Einige Szenen sind schwer auszuhalten. Da sind regimetreue Schläger auf Motorrädern, die in die Menge rasen, während der Beifahrer seine Hand mit einem Messer ausstreckt und jeden verletzt, der in der Fahrlinie ist. Oder ein kleiner Junge, der in einer Gasse steht und von Zivilbeamten totgeprügelt wird. Szenen im Gefängnis, über die sich die Erzählung eines Häftlings legt, der von der Überfüllung spricht und davon, wie Menschen in diesem vollgepfropften Raum sterben. Von Vergewaltigungen von Männern und Frauen, von Müttern, die auf den Friedhöfen ihre toten Kinder beklagen.

          Die „grüne Revolution“, der hier ein Denkmal gesetzt wird, war zwar nicht erfolgreich. Die Bewegung aber ist nicht tot. Hoffentlich tauchen irgendwann wieder mehr Video- oder Handyfilme auf, die uns davon berichten, was heute auf Teherans Straßen vor sich geht.

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