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Im Kino: „The Dust of Time“ : Endspiel in Berlin

Verweile doch: Irène Jacob auf Angelopoulos' Reise durch Raum und Zeit Bild: ddp

In seinem neuen Kinofilm erzählt Regisseur Theo Angelopoulos von den langen Qualen des zwanzigsten Jahrhunderts und von der kurzen Wehmut seines Endes. Der Film sollte die Krönung eines Lebenswerks werden.

          Der amerikanische Regisseur A. dreht in Rom einen Film über die Geschichte seiner Familie. Doch sein Projekt gerät ins Stocken. Zugleich bricht sein Privatleben auseinander. Die Produzenten, die auf Einhaltung der Verträge drängen, kann A. durch seine Sekretärin vertrösten, aber seine kleine Tochter in Berlin, von deren Mutter er sich getrennt hat, nimmt keinen Trost mehr an. Die letzte Einstellung seines Films, die er noch in Cinecittà gedreht hat, zeigt seinen Vater in einem Zug nach Russland, ein Jahr vor A.s Geburt. Während er sie betrachtet, bucht er einen Flug nach Deutschland. Die zweifache Bewegung des Zuges, der in die Vergangenheit, und des Flugzeugs, das in die Gegenwart reist, eröffnet das Doppelspiel einer Kino-Parabel, die von den langen Qualen des zwanzigsten Jahrhunderts erzählt und von der kurzen Wehmut seines Endes. Die eine Geschichte wird in „The Dust of Time“ gerafft, die andere dramatisch gedehnt. Den Staub der Zeit können beide nicht abschütteln.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dreizehn Spielfilme hat der Grieche Theo Angelopoulos in vierzig Jahren gedreht, Künstler- und Familientragödien, Kino-Erzählungen über die Macht der Utopie und die Vergänglichkeit der Macht. „The Dust of Time“, die Fortsetzung des Flüchtlingsdramas „Die Erde weint“ von 2004, sollte der Schlussstein in diesem Gebäude sein und die Krönung eines Lebenswerks. Dass das nicht geklappt hat, erkennt man schon an den ersten Bildern des Films. Die Orte der Handlung, Rom, Berlin, eine Stadt in Kasachstan, ein Lager in Sibirien, wirken zusammengewürfelt, die Zeitsprünge hastig und willkürlich. Die Waage der Erzählung, auf der Angelopoulos die Schlüsselmomente eines Jahrhunderts und die Etappen einer traurigschönen Liebesgeschichte ausbalancieren will, kommt nie ganz ins Gleichgewicht, der Film taumelt von einer szenischen Behauptung in die andere.

          Endstation Berlin

          Und doch gibt es auch in „The Dust of Time“ wieder die großen, sorgfältig choreographierten Kinobilder, mit denen Angelopoulos in den siebziger Jahren berühmt geworden ist. Die Menschenmenge etwa, die sich auf einem winterkalten Platz versammelt, um die Nachricht vom Tode Stalins zu empfangen. Oder die Zwangsarbeiter, die einen endlosen Treppenturm hinaufsteigen müssen, um von ihrem Lager in die Kohlenmine zu gelangen. Ein Saal voller zerschlagener Fernsehbildschirme, mit dem Bodengemälde eines Engels, der nach einer dritten Schwinge greift. Ein Flüchtlingszug im Niemandsland zwischen zwei Grenzposten. All die szenische Pracht, die in den „Wanderschauspielern“, im „Bienenzüchter“, im „Großen Alexander“, in „Landschaft im Nebel“ und den anderen legendären Angelopoulos-Filmen die Einheit von Mensch und Mythos beschwor, ist noch da, aber sie hängt in der Luft. Ihr Pathos findet keinen Halt mehr in der Geschichte, die der Film erzählt.

          Vielleicht hätte „The Dust of Time“ als Vierstunden-Epos mit verdoppeltem Budget seine Form gefunden. In der gut zweistündigen Version, in der ihn Angelopoulos ins Kino bringt, hat der Film etwas Ruinenhaftes, absichtsvoll Fragmentarisches. Seht her, scheint der Regisseur sagen zu wollen, so weit bin ich mit meinen vom Kommerz begrenzten Mitteln gekommen, den Rest müsst ihr euch denken. „The Dust of Time“ fährt ganz bewusst gegen die Wand, die Angelopoulos mit seinem rabiaten Kunstwillen aufrichtet. Den Preis dafür zahlen seine Schauspieler.

          In Berlin, wo A. (Willem Dafoe) nach seiner Tochter sucht, trifft er auch seine Eltern wieder, Eleni (Irène Jacob) und Spyros (Michel Piccoli). Sie haben sich mit ihrem alten Freund Jacob (Bruno Ganz) verabredet, um gemeinsam die Jahrtausendwende zu feiern. In Rückblenden, die offenbar dem Familienfilm entstammen, den A. später fertigstellen wird, entfaltet sich die Vorgeschichte der drei Alten. Eleni hat Jacob in dem sibirischen Lager kennengelernt, in das sie nach der kurzen Liebesbegegnung mit Spyros im Jahr 1953 gebracht wurde. Nach ihrer Freilassung zwanzig Jahre später trennen sie sich, Jacob geht nach Israel, während Eleni ihren inzwischen wiederverheirateten Mann in Amerika aufspürt. Berlin, die Stadt, in der der Jahrhundertkrieg der Ideologien zu Ende ging, ist für beide nun die Endstation. Nur Spyros schafft mit seinem Sohn und seiner Enkelin den Sprung in die neue Zeit.

          Griechischer Schnee auf dem Brandenburger Tor

          Nichts an dieser Geschichte ist für sich genommen unplausibel. Dennoch fasst man zu ihr kein Vertrauen, weil der Regisseur sich nicht die Mühe macht, seinen Figuren jene Individualität zurückzugeben, die ihnen die Mächte des Kalten Krieges austreiben wollten. Sie bleiben Schemen einer ebenso gewaltigen wie leblosen Konzeption. Typisch für die Mischung aus Vergöttlichung und Verachtung, mit der Angelopoulos sein dramatisches Personal behandelt, ist die Nichtbesetzung der Doppelrollen. Weil Angelopoulos dem fast achtzigjährigen Piccoli keinen jüngeren Schauspieler an die Seite stellen wollte, ist Spyros in den Rückblenden immer nur von hinten zu sehen. Andererseits wirkt Irène Jacob, die als Lagerinsassin überzeugt, in der Rolle einer Greisin heillos überfordert. Nur Bruno Ganz bewältigt mühelos den Zeitsprung über fünf Jahrzehnte hinweg. Der Sturz ins schwarze Wasser der Spree, mit dem er seinem Leben ein Ende setzt, ist auch die ästhetische Gebärde dieses Films. Lieber selbst stürzen als gestoßen werden, das scheint die Maxime von Angelopoulos’ Spätwerk zu sein.

          Am Ende fällt griechischer Schnee auf die Steine des Brandenburger Tors. Die Versöhnung zwischen Geschichte und Gegenwart, die der Film erzwingen wollte, hat nicht stattgefunden, nur die Tochter des Regisseurs, die denselben Namen trägt wie seine Mutter, ist gerettet. Aber A. wird seinen Film vollenden. Die Bilder, aus denen er besteht, haben wir gesehen. Möge ihnen das Schicksal erspart bleiben, auf den Bildschirmen zu landen, die der Volkszorn des Theo Angelopoulos zerschlägt.

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