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Im Kino: „Stellet Licht“ : Letzte Stunden im Paradies

„Stellet Licht” ist ein Film über Tod, Wiedergeburt, das Glück der Sünde und über das Pathos der Treue Bild: Peripher

In „Stellet Licht“ ereignet sich die Liebe wie eine Naturkatastrophe, plötzlich und unvermeidlich. Carlos Reygadas fängt mit seinem Ehedrama in der Welt der Mennoniten das ein, worum sich die Dogma-Bewegung zehn Jahre lang bemüht hat: den Augenblick der wahren Empfindung.

          2 Min.

          Eine große Paradoxie ist dieser Film, ein Akkord aus Widersprüchen, ein unmögliches Amalgam. Die Landschaft Mexikos und eine Kolonie von Wiedertäufern, Maisfelder und Männer mit blondem Haar und heller Haut, Latino-Musik und ein friesischer Dialekt aus dem Mittelalter - das alles passt nicht zusammen, und doch hat Carlos Reygadas es in der Wirklichkeit entdeckt, bei den Mennoniten in der mexikanischen Provinz Chihuahua, in der seine Geschichte spielt. Es ist, als hätte jemand die Stecknadel im Heuhaufen der Welt gesucht und gefunden, den seltenen Splitter, in dem das menschliche Schicksal unverstellt zu uns spricht. Das Kino war immer der Ort, an dem solche Geschichten aufblühen, und doch staunt man, wenn es dann geschieht.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es beginnt mit einem biblischen, fünf Minuten langen Sonnenaufgang, einem Erwachen des Lebens aus der Finsternis in den Abgrund des Lichts. Dann sind wir am Küchentisch bei Johan (Cornelio Wall Fehr) und Esther (Miriam Toews), die mit ihren sechs Kindern beten, bevor das Frühstück beginnt. Anschließend verlässt die Familie den Raum, und der Vater sitzt allein am Tisch, weinend. Esther stellt sich neben ihn. „Ich liebe dich, Johan“, sagt sie, und er sagt, er liebe sie auch.

          Das Werk Gottes und des Teufels

          Aber Johan liebt eine andere Frau. Das ist die ganze Geschichte: ein Ehedrama. Aber so, wie Reygadas sie erzählt, sieht man sie zum ersten Mal. Denn er tut nicht so, als gäbe es hier irgendetwas zu erklären oder zu verstehen. Die Liebe ereignet sich wie eine Naturkatastrophe, plötzlich und unvermeidlich. Marianne (Maria Pankratz) ist weder schöner noch wesentlich jünger als Esther, und doch wirft Johan für sie sein Leben weg. Aber vorher sieht man ihn mit seiner Frau und seinen Kindern beim Baden in einem Teich, eine Szene, die so sinnlich und unschuldig ist wie kein anderes Kinobild seit Jahren, ein Blick ins Paradies der Kindheit mit seinen Stunden aus Stille und Licht.

          Mennonitisches Familienidyll, über das die Liebe wie eine Naturkatastrophe hereinbricht
          Mennonitisches Familienidyll, über das die Liebe wie eine Naturkatastrophe hereinbricht : Bild: Peripher

          Schon einmal, fünfundzwanzig Jahre vor „Stellet Licht“, hat ein Spielfilm das Leben der Wiedertäufer als Hintergrund für seine Geschichte benutzt. Aber während die Neugierde, mit der Peter Weir in „Der einzige Zeuge“ die dörfliche Welt der Amischen in Pennsylvania vermaß, immer auch einen touristischen Beigeschmack hatte, betrachtet Reygadas die Mennoniten nicht mit Besucheraugen. Er liefert uns ihnen aus, ihren Gebetsriten, ihren Gesichtern, ihrer Langsamkeit, ihrem altniederdeutschen Dialekt, in dem jeder Satz wie ein endgültiges Urteil klingt. Diese Liebe sei das Werk des Teufels, sagt Johans Vater, als er erfährt, was seinem Sohn passiert ist. „Ich glaube, dass sie das Werk Gottes ist“, antwortet Johan, und beide haben recht.

          Wenn die Leinwand dunkel ist, leuchten Sterne

          Reygadas hat „Stellet Licht“ mit Laien gedreht. Das bewahrt ihn vor der Versuchung des Interessanten und Gefälligen, die derzeit im Kino besonders groß ist, und gibt ihm eine dokumentarische Wucht, die dem Ernst des Geschehens entspricht. Aber auch wenn man schon viele mit Laiendarstellern besetzte Filme gesehen hat, kann man das, was Reygadas mit der Kanadierin Miriam Toews vor der Kamera gelungen ist, nur als Wunder bezeichnen. Dabei zuzusehen, wie sich ihr ruhiges und gütiges Gesicht in eine Maske der Verzweiflung verwandelt, als Esther begreift, dass sie ihren Mann verlieren wird, und wie sie am Rand der Landstraße schluchzend vor einem Baum zusammenbricht, gehört zu den großen Kinoerlebnissen dieses Frühjahrs. Es ist das, worum sich die Dogma-Bewegung zehn Jahre lang bemüht und was sie doch niemals erreicht hat: der Augenblick der wahren Empfindung.

          Es gibt noch viele wahre Momente in diesem Film, der von Tod und Wiedergeburt, vom Glück der Sünde und vom Pathos der Treue erzählt, aber man muss sie nicht alle abhandeln. Ebenso wenig muss man die beiden seltsamen, von Nacktheit, Gewalt und Gottsucherei strotzenden Spielfilme kennen, die der Mexikaner Carlos Reygadas vor „Stellet Licht“ gedreht hat. Es genügt, die zwei Kinostunden zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang mitzuerleben, in denen er uns in die Welt der Mennoniten von Chihuahua versetzt und die älteste aller Geschichten noch einmal neu erfindet. Wenn dann die Leinwand wieder dunkel wird, leuchten die Sterne. Bis dahin hat man sich immer wieder gefragt, warum der Film eigentlich - auf Deutsch - „Stilles Licht“ heißt. Das ist die Antwort.

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