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Im Kino: „Spring Breakers“ : Pippi Langstrumpf auf Crack

Beim Justizvollzugs-Casting, von links: Faith (Selena Gomez), Brit (Ashley Benson), Cotty (Rachel Korine) und Candy (Vanessa Hudgens) Bild: Wild Bunch Germany

Unter einem rauhen Panzer träumt ein krankes, heißes Herz von seltsamen Freiheiten: Der Sex-und-Drogen-Partyfilm „Spring Breakers“ von Harmony Korine will im Grunde nicht schockieren.

          Aus welchem Jugendknast ist dieser Film ausgebrochen? Was soll das sein? Zuckerwatte für Kinderschänder? Die Geburt des Avantgarde-Genres Nouvelle Schund? Ein Zuhältermärchen mit Noppen und Erdbeergeschmack?

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Feucht glänzende Kussmünder. Halbautomatische Gewehre. Clubstroboskopie. Reptilienseelen im Sinkflug. Erotischer Klärschlamm, beim langsamen Verdampfen fotografiert. Mit hypnotischer Eintönigkeit wiederholte Dialogrudimente.

          Die Enkelin erzählt der Oma am Telefon, dieser Urlaub habe sie an den spirituellsten Ort versetzt, der ihr je untergekommen sei. „Spirituell“ meint hier, dass die Dauerparty am Strand und im Hotel in exakt denselben Farben sprudelt, die zu Hause, zwei Dutzend Szenen vorher, von schräg oben durch Kirchenfenster fielen. Statt Abendmahl allerdings gibt’s in den Ferien schales Bier, das aus Dosen und Flaschen, mit masturbatorischem Eifer geschüttelt, auf flache Bikinimädchenbäuche spritzt, ferner Ecstasy, gestohlenes Geld und Gruppengerangel am Pool. Gezeigt wird das drangvolle Durcheinander in Harmony Korines „Spring Breakers“ mit einem Gestus, der sich den Figuren gegenüber weder auf höhnisch-denunziatorische Belustigung noch auf Anklage, Zudringlichkeit, Empathie oder Zärtlichkeit je ganz verpflichten lässt, sondern von Anfang an eisern die Gleichrangigkeit dieser miteinander unvereinbaren Sehweisen behauptet und zwischen ihnen oszilliert, bis die schmatzende Groteske vorbei ist.

          Brit (Ashley Benson) beim Feiern im Club

          Verpeilte sitzen daher jetzt im Kinodunkel und denken, dieser Film feiere die suizidale Unzurechnungsfähigkeit junger Übergeschnappter als solche. Noch Verpeiltere wollen in derlei filmischer Simulation von Exzessen eine besonders subtile Kapitalismuskritik erkennen. Die Allerverpeiltesten schließlich unterstellen dem Regisseur, er sei in Wahrheit weder Rauschtrottel noch Bedenkenträger, sondern Zyniker und wolle mithin vor allem provozieren, da es für einen Künstler ja bekanntlich nichts Schöneres gibt, als wenn ihm ein rezensierendes Mauerblümchen beim Bistumsblatt von St. Pfäffle übelnimmt, dass er mit den rostigen Folterwerkzeugen seiner Kunst unermüdlich zählebige Moralvorstellungen, Sehgewohnheiten und Hirnrinden zerpflückt.

          Vier junge Frauen, mit übernächtigt nervösem Trotz gespielt von Selena Gomez, Vanessa Hudgens, Ashley Benson und Rachel Korine, stürzen sich aus Anlass der Frühjahrssemesterpause ins blasenwerfende Unzuchtgekröse von St. Petersburg, Florida. Dort naschen sie an allem, was nach Gefahr schmeckt, werden von der Polizei aufgegriffen, vor Gericht geschleift, eingebuchtet und von einem Halbaffen mit vergoldeten Beißern auf Kaution freigekauft.

          Halbaffe mit vergoldeten Beißern: Alien (James Franco)

          Den Halbaffen verkörpert James Franco, der bei aller in seinem bisherigen Wirken stets einsatzfreudig ausgespielten elastischen Durchtriebenheit noch nie so gut war wie diesmal. Wer ihn in „Spring Breakers“ als Rauschgiftgangster „Alien“ sieht, der von sich sagt, er sei der einzige weiße Junge in seinem Viertel gewesen und habe seinen Lebenstraum verwirklicht - „I am fucking made of money! They should call me money!“ -, fürchtet um die vier scheinbar Arglosen, die er knuddeln will, und meint zu wissen, wohin der Hase läuft: Die erste Filmhälfte zeigt uns die rasante Enthemmung des Mädchenquartetts; die zweite wird dann ja wohl die Rechnung präsentieren - Absturz, Missbrauch, schiefe Bahn, Drogenstrich, Buße.

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