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Im Kino: Shirin Neshats „Women wirthout Men“ : Gleichnis vom verlorenen Paradies

Hat einen Garten als Refugium für sich und ihre großbürgerlichen Freunde gekauft: Fakhri (Arita Shahrzad) Bild: NFP

Als Foto- und Videokünstlerin hat sich die Exil-Iranerin Shirin Neshat einen Namen gemacht. In ihrem Kinodebüt „Women without Men“ trauert sie um die persische Demokratie. Der Film spielt mit Bildern, statt sie auszudeuten.

          4 Min.

          Auf zwei Wegen gelangt man in den verborgenen Garten. Der eine führt durch eine Öffnung in der Mauer, wo ein Bach, der die Bäume und Blumen des Gartens tränkt, sich zwischen den Steinen hindurchschlängelt. Diesen Weg gehen Zarin, die aus dem Bordell entflohene Prostituierte, Faezeh, die unglücklich Liebende, und Munis, die Kämpferin für Freiheit und Demokratie, die ihren Schleier wie eine Fahne trägt. Fakhri, die Frau des Generals, wählt dagegen den Zugang durch das Haupttor.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Sie hat das Anwesen gekauft, um es in ein Refugium für sich und ihre großbürgerlichen Freunde zu verwandeln. Deshalb spazieren bald Herren im Smoking und Damen in Abendkleidern durch das Tor in den Garten und die Villa, die er umschließt - die iranische Hautevolee der fünfziger Jahre. Und mit ihnen Musiker und Sänger. Und hinter ihnen Soldaten.

          Der Garten in der Steppe ist das zentrale Bild von Shirin Neshats Film „Women without Men“ und sein wichtigster Schauplatz. Wie alle großen Bilder des Kinos ist er Metapher und Wirklichkeit in einem: Zuflucht für verzweifelte Frauen, Lustort für die gelangweilte Bourgeoisie, Symbol des Exils, das vielen seiner Figuren bevorsteht und in dem auch die Regisseurin lebt (siehe auch: Magierin der Gegensätze). Und er ist eine Falle. Man kann sich in ihm verlieren und dabei übersehen, dass der Film nicht von Bäumen, Blumen und Teichen handelt, sondern von ganz anderen Dingen. Wer begreifen will, worum es in „Women without Men“ eigentlich geht, muss den Garten verlassen. Das fällt nicht nur den Heldinnen des Films schwer. Auch der Zuschauer ist wie betäubt von der Schönheit des Refugiums, das an die pairidaeza-Gärten der persischen Großkönige erinnert, jene Orte, von denen unser Wort für das himmlische Jenseits abstammt: Paradies.

          Kämpferin für Freiheit und Demokratie: Shabnam Tolouei als Munis

          Gleichnis statt Gleichung

          Shirin Neshat, die als Foto- und Videokünstlerin bekannt ist, hat für „Women without Men“ einen Roman der iranischen Schriftstellerin Shahrnush Parsipur adaptiert. Dasselbe Buch liegt auch Neshats gleichnamigem, parallel zu ihrem Kinodebüt entstandenen Videoprojekt zugrunde. Eine der Romanfiguren, die sich in einen Baum verwandelt, wurde für den Film jedoch gestrichen. Zudem verwandelte sich eine andere Figur von einer passiv Leidenden in eine politische Aktivistin. Diese Änderung ist entscheidend. Sie verbindet den magischen Realismus der Vorlage mit der Realität der iranischen Geschichte. Die vier Frauen, von denen der Film erzählt, sind nun nicht mehr Opfer eines privaten Verhängnisses, sondern Zeitzeuginnen der Tragödie, die im Sommer 1953 über ihr Land hereinbricht.

          Dennoch ist „Women without Men“ keine Geschichtsstunde. Der Film hätte es der iranischen Zensur leichtmachen können, indem er die historische Linie von den Kämpfen des Jahres 1953 bis zur Oppositionsbewegung von 2009, auf die die Regisseurin in Interviews hingewiesen hat, auch auf der Leinwand gezogen hätte. Stattdessen hält er die vielen Welten, die er zeigt, in der Schwebe. Die Welt des Gartens und die Welt der Großstadt. Die Männerwelt der Moschee, die Frauenwelt des Badehauses. Er deutet die Bilder nicht aus, er spielt mit ihnen. Statt einer Gleichung präsentiert er ein Gleichnis.

          Wie eine persische Pietà

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