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Im Kino „Der Richter“ : Wenn der Vater ohne Tochter

  • -Aktualisiert am

Hat der Bengel doch etwas von mir gelernt? Robert Duvall als Vater Joseph, Robert Downey Jr. als Sohn Hank Bild: AP

Über einen Mann, der sich losriss, Erfolg hatte und wieder heimkehrt: Robert Duvall und Robert Downey Jr. im Generationendrama „Der Richter“.

          3 Min.

          In dem Moment, da sich das Schicksal nicht länger hinhalten lässt, der stolze Alte hilflos auf kalten Fließen kriecht und der Sohn nur noch als Sohn gefordert wird - da lachen sie miteinander. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben. Für diese anmutige, erschütternde Szene hat Regisseur David Dobkin einen langen Anlauf genommen. Er hat Komödien und Comedyserien gedreht und in ihnen den Unterschied von Alberei und erlösendem Humor erforscht. Er hat sich von keinem fremdbestimmten Produktionsrhythmus beirren lassen, sondern das Drehbuch in jahrelanger Arbeit sorgsam überarbeitet. Und er hat einen intimen Ort ausgewählt, an dem er Robert Duvall und Robert Downey jr. Vater und Sohn spielen ließ.

          Der Alte ist Joseph Palmer, seit 42 Jahren Richter, geachtet und gefürchtet in Carlinville, Indiana; Sohn Hank jahrgangsbester Juraabsolvent und als „Legende des Kreuzverhörs“ berüchtigter Anwalt in Chicago. Der eine hat sich der Gerechtigkeit ergeben, der andere liebt die Herausforderung, Schuldige rauszuhauen. Schon deshalb, weil sich Unschuldige sein Honorar nicht leisten wollen, wie er mit verirrtem Stolz erklärt.

          Die zweite Schlüsselszene des Films hat mit all dem Vordergründigen wieder nichts zu tun. Hank fährt im teuren Leihwagen durch den Ort seiner Kindheit, als ihn seine Tochter Lauren (Emma Tremblay) nach ihrer eigenen befragt. Warum, möchte sie von ihrem überraschten Vater wissen, lasse er sich von ihrer Mutter scheiden? Sie sehe doch die Zeichen und kenne die Geschichten ihrer Schulfreundinnen, deren Väter schon allesamt neue, junge Frauen hätten. Niemand, auch keine geübten Juristen, können vor Kindern Geheimnisse verbergen, die sie betreffen. Sie treten irgendwann doch zutage.

          Geschichte eines Heimkehrers

          Manchmal früher, so dass Eltern still darüber grübeln dürfen, wie Hank neben seiner Tochter im Auto. Manchmal zu spät, wie in der dritten Schlüsselszene von „Der Richter“, der niemand entrinnen kann, weil unter Eid und vor Publikum gesagt wird, was eigentlich niemanden der Zuhörer etwas angeht, was sich Vater und Sohn niemals gesagt hätten, was sich Anwalt und Mandant aber sagen und eingestehen müssen.

          Wie schon so oft zuvor sind Hank und Joseph auch in diese Situation hineingestolpert. Hank wollte nur zur Beerdigung seiner Mutter reisen, für einen gestressten Großstädter wie ihn eigentlich eine Tagesreise. Doch dann trifft er auf Samantha (Vera Farmiga), die er schon in der zweiten Klasse küssen wollte, was er nun darf. Er begegnet seinen Brüdern, seine Tochter lernt ihren Großvater kennen. Und er bekommt einen Mandanten, von dem auch er nicht weiß, ob er schuldig ist - was ihm in der Auseinandersetzung mit dem Staatsanwalt Dwight Dickham (Billy Bob Thornton) die Orientierung raubt.

          Es ist nicht der erste Film über erfolgreich ausgezogene Heimkehrer. Sogar Ridley Scott hatte seinen Gladiator Russell Crowe schon einmal als Londoner Banker auf romantische Heimreise in französische Weinberge geschickt („Ein gutes Jahr“). Der Film konnte als Demonstration dafür gelten, dass dem Genre nicht per se eine Kitschgefahr innewohnt. Mit diesem Risiko geht auch David Dobkin mutig um. Die drohende stereotype Überzeichnung der Welten, die er aufeinanderprallen lässt, baut er schlicht zu archetypischen Orten aus.

          In den Figuren lag mehr

          Hank wird zu Beginn in seinem Designerhaus in Illinois gezeigt, wie er Pflanzen gießt. Die letzte Szene verbringt er angelnd im Ruderboot auf dem See am Grundstück seiner Eltern. Aber das Schauspiel allein erlaubt, vieles davon zu übersehen. Es hätte wahrscheinlich auf einer Bühne nicht weniger überzeugt. Nur kommen im Film die Gesichter besser zur Geltung, dazu, fast unbemerkt, aber deswegen so wirkungsvoll die Musik von Thomas Newman.

          Gefahren drohen dem Film aus einer anderen Richtung. Robert Downey jr. braucht mittlerweile fast übernatürliche Kräfte, um im Nadelstreifen nicht Tony Stark („Iron Man“) zu sein und alle um ihn herum in den Schatten zu stellen. Doch es ist ausgerechnet dessen Eloquenz, die auch Hank Palmer so deutlich prägt. Man wünscht sich, David Dobkin hätte mit der Figur mehr experimentiert.

          Seinen Hank, die Legende des Kreuzverhörs, hätte man gerne auch als Held des Plädoyers gesehen und im Kontrast dazu als einen Vater, der seine Tochter nicht nur über alles liebt und ihr alles verspricht, sondern sich auch mit ihrem Alltag auseinandersetzt. Das ist schließlich Thema des Films, wie allerdings auch die Unausweichlichkeit des späten Bereuens. Hank und Joseph Palmer sind nicht die einzigen ihrer Art.

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