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Im Kino: „Lincoln“ : Die Vorgeschichte des Präsidenten tut nichts zur Sache

Präsident Lincoln (Daniel Day-Lewis) in einer Szene des gleichnamigen Films Bild: dapd

Obama soll der neue Lincoln werden. Steven Spielberg hat den Film gedreht, der zeigt, wie daraus etwas werden könnte: „Lincoln“ ist ein Monat im Leben des amerikanischen Präsidenten von 1865.

          Im März 1862, im zwölften Monat des Bürgerkriegs, besuchte der Schriftsteller Nathaniel Hawthorne die Hauptstadt Washington. Er sprach im Weißen Haus vor, sah den Präsidenten und schrieb darüber für die Zeitschrift „Atlantic Monthly“. Die Gestalt Abraham Lincolns machte in Hawthornes Augen sinnfällig, dass die demokratische Wahl eine Zufallsauslese ist. Lincoln war seinen Wählern unbekannt gewesen. Die Führungsqualitäten, die er als Oberkommandierender offenbarte, hatten im alltäglichen politischen Wettbewerb nicht getestet werden können.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          So war es eine Art Wunder, unwahrscheinlich und passend zugleich, dass sich für diesen Mann, „einen unter so vielen Millionen“, die Möglichkeit ergab, „seine hagere Persönlichkeit in den Sessel des Staatslenkers sinken zu lassen - wo er dann, wie ich vermuten möchte, sogleich der Neigung nachgab, seine Beine auf den Beratungstisch zu legen und den Mitgliedern seines Kabinetts eine Geschichte zu erzählen.“

          Längliche Befangenheit

          Dieses Gedankenbild ist so etwas wie die Urszene von Steven Spielbergs jüngstem Spielfilm „Lincoln“, der in dieser Woche in die amerikanischen Kinos kommt. Lincoln wird von Daniel Day-Lewis verkörpert, und der unheimliche Effekt der Ähnlichkeit zwischen dem Lincoln auf der Leinwand und dem Lincoln in unseren Köpfen ist nicht bloß ein Triumph der Maskenbildner. Natürlich haben Day-Lewis und Spielberg die etwa 130 erhaltenen Fotografien Lincolns studiert.

          Aber das Zitieren macht Lincoln noch nicht wieder lebendig. Die Kunst der Anverwandlung, die wir an Day-Lewis bewundern, entfaltet sich im erzählerischen Zusammenhang. Alle äußeren Haltungen und Handlungen des Lincoln-Darstellers nehmen wir als Entsprechung innerer Zustände und Ereignisse wahr. Wir sehen wirklich, mit Hawthornes Formel, eine hagere Persönlichkeit: einen großgewachsenen Mann, der seine Zeitgenossen überragt und sich zu ihnen hinunterbeugen muss.

          Man könne Lincolns „längliche Befangenheit“ nicht beschreiben, stellte Hawthorne fest, obwohl es ihm so gegangen sei, als hätte er mit dem Präsidenten seit Jahren täglichen Umgang gehabt. Ein Gefühl der Vertrautheit ging von Lincolns Erscheinung aus, das damit zu tun hatte, dass Lincoln mit sich selbst vertraut war: Er eckte an mit seinen linkischen Bewegungen und kam um die Bekanntschaft mit sich selbst nicht herum.

          Katastrophe für das Menschengeschlecht

          Den schwarzen Gehrock trug er laut Hawthorne „mit einer solchen Treue, dass der Anzug sich den Kurven und Ecken seiner Figur angepasst hatte und zu einer äußeren Haut geworden war“. A. O. Scott, der Filmkritiker der „New York Times“, scheint mit seinem Lob für Day-Lewis auf diese Stelle anzuspielen: Der Schauspieler „schlüpft in eine Rolle von epischem Schwierigkeitsgrad, als wäre es ein Mantel, den er jahrelang getragen hat“.

          Man sieht Lincoln immer im schwarzen Rock vor sich. Das gilt auch für die Beschreibung, die Anthony Lane im „New Yorker“ vom Gang von Day-Lewis gibt: „Halb komisch, halb sorgenbeladen, wie der eines Mannes, der sich beeilt, mit einem Leichenzug Schritt zu halten und in jedem Augenblick Gefahr läuft, zu stolpern und auf die Nase zu fallen.“ Vor die Erinnerungen an die Idiosynkrasien des lebenden Lincoln hat sich das Wissen um die Art seines Todes geschoben. Ralph Waldo Emerson bot der erschütterten Nation in seiner Leichenrede den Trost der kühnen Spekulation an, womöglich sei Lincolns Arbeit mit dem Sieg im Krieg, der Abschaffung der Sklaverei und der Eroberung der Weltmeinung getan gewesen.

          Diese makabre Heilsökonomie, die fast auf eine Rechtfertigung des Mörders hinauslief, sollte einen Verlust ausgleichen, den der Redner als unvergleichlich groß hinstellte: „So alt die Weltgeschichte auch ist und so vielfältig ihre Tragödien - ich bezweifle, dass je ein Tod der Menschheit so viel Schmerz zugefügt hat wie dieser.“ In einem Interview hat Tony Kushner, der Dramatiker, der für „Lincoln“ (wie schon für „Munich“) das Drehbuch geschrieben hat, Emersons Satz paraphrasiert und Lincolns Ermordung „eine große Katastrophe für das Menschengeschlecht“ genannt. Den Film speist demnach eine Trauer, die anderthalb nach dem Mord vergangene Jahrhunderte nicht haben lindern können. Der Leichenzug, dem Lincoln folgt, ist sein eigener.

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